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Regionalflughäfen (5/7) "Regionale Flugplätze helfen, dass die großen überhaupt Geld verdienen können"

Was genau erschwert den wirtschaftlichen Betrieb von Regionalflughäfen und warum kommen kleine Plätze tendenziell besser durch Corona? Im Interview mit Klaus-Jürgen Schwahn, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze, geht es zudem um Ideen für die Zukunft und das Zusammenspiel mit den großen Flughäfen.

Eine Privatmaschine vom Typ Cessna 525 Citation CJ1 startet vom Flugplatz Egelsbach in Hessen. © dpa / Boris Roessler

Die Regionalflughäfen in Deutschland stehen immer wieder im Zentrum kontroverser Diskussionen. In dieser Serie betrachten wir die wirtschaftspolitischen Aspekte der Regionalflughafeninfrastruktur aus unterschiedlichen Blickwinkeln und haben dazu kompetente Gastautoren und Interviewpartner aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gewinnen können. Im fünften Teil unserer Serie "Regionalflughäfen" sprechen wir mit der Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze über die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells der kleinen und großen Flughäfen in Deutschland.

airliners.de: Wie würden Sie eigentlich einen Regionalflughafen definieren?

Klaus-Jürgen Schwahn: Den Begriff Regionalflughafen an sich gibt es ja gar nicht. Zu unseren Mitgliedern gehören regionale Flugplätze. Dabei kann man unterscheiden zwischen den Plätzen, die Linienverkehr abwickeln und den Verkehrslandeplätzen. Beide zählen zur öffentlichen Infrastruktur, weil sie beide eine Betriebspflicht haben. Hinzu kommen Sonderflughäfen, an denen das nicht der Fall ist. Insgesamt haben wir 75 Mitglieder.

Führt diese doch recht komplexe Unterscheidung vielleicht in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal zu Verwirrungen?

Nein, die Interessen an den Flugplätzen sind im Grunde genommen ähnlich. Es geht um die Versorgung mit Luftverkehrsinfrastruktur für die jeweiligen Regionen. Das kann im Linien- und Charterbereich mit großen Flugzeugen stattfinden, aber eben auch im Bereich der Allgemeinen Luftfahrt wie in der Business Aviation, der Arbeitsluftfahrt und so weiter stattfinden. Auch die Probleme in der Diskussion mit der Öffentlichkeit liegen bei allen unseren Mitgliedern recht nah beieinander.

Ist die Hauptherausforderung dabei die wirtschaftliche Situation?

Die Luftverkehrsinfrastruktur ist ein wichtiger Teil der Verkehrsinfrastruktur einer Region. Mit einer Metropole vor der Tür sieht es natürlich anders aus als bei unseren Mitgliedern, die die ländlichen Regionen versorgen. Aber auch hier gibt es Bedarf: Eine DLR-Studie hat gezeigt, dass es in Deutschland rund 1100 Mittelständler gibt, die eine Weltmarktführung haben und aus der Provinz heraus tätig sind. Allein um deren Werksverkehr umzusetzen, kann sich eine Infrastruktur für eine Region schon rechnen. Ein Flugplatz ist ja kein Selbstzweck, sondern immer nur ein Baustein, der dazu da ist, damit das Gesamtsystem funktionieren kann. Es gibt aber weltweit keinen Flugplatz, der alleine vom Flugbetrieb leben kann. Der Flugbetrieb an sich ist immer ein defizitäres Geschäft. Das heißt, man braucht zusätzlich ein Non-Aviation-Geschäft, das rund um die Landebahn angesiedelt ist. Das ist auch an internationalen Großflughäfen nicht anders. Hier sorgen aber alleine schon die angeschlossenen Shopping-Center für ordentliche Umsätze. Das kann man natürlich an den regionalen Flugplätzen nicht realisieren. Man muss Gewerbe ansiedeln, Flugzeugstellplätze vermieten und der Gleichen.

Empfinden Sie es als Wettbewerbsverzerrung, dass der Bund jetzt den tendenziell größten Flughäfen in der Corona-Krise unter die Arme greift und nicht den Kleinen?

In gewisser Hinsicht schon. Unsere Mitglieder, die aus den Hilfen komplett rausfallen, haben in der Corona-Pandemie einen sehr guten Job gemacht. Das ist wettbewerbsverzerrend, wenn sich der Bund hier nur eine Reihe von Flugplätzen aussucht, die unterstützt werden - während alle anderen außen vorgelassen werden. Man muss dazu aber auch sagen, dass wir von den meisten unserer Mitglieder die Rückmeldung bekommen haben, dass zumindest an den Plätzen, die keinen Anteil am Linienverkehr haben, die Einbrüche auch finanziell nicht so schlimm sind, dass man dort Hilfe benötigen würde. Es gibt hier nur ganz wenige Ausnahmen.

Die Verkehrsrückgänge an kleineren Flugplätzen sind während Corona in der Tat weit weniger ausgeprägt als an den großen Standorten. Zum Teil gab es sogar Zuwächse!

Man kann schon feststellen, dass die regionalen Flugplätze dafür gesorgt haben, dass der Laden weiter funktioniert. Wir haben jetzt während Corona gesehen, wie der Verkehr an den großen internationalen Verkehrsflughäfen in manchen Wochen um bis zu 98 Prozent eingebrochen ist. Auch aktuell finden vielleicht 15 bis 20 Prozent des normalen Aufkommens statt. Solche Einbrüche gab es an den regionalen Flugplätzen nicht. Am stärksten waren noch die Regionalflugplätze betroffen, die auch Linienverkehr haben. Aber auch diese Flugplätze haben neben dem Linienverkehr noch eine ganze Reihe von Aufgaben zu erfüllen. Das hat dazu geführt, dass wir bei einer ganzen Reihe von Flugplätzen sogar Zuwächse festgestellt haben.

Von: David Haße

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