airliners.de Logo
Regionalflughäfen (3/7) Gastautor werden

Entscheidungen über Flughäfen benötigen rationale Argumente

Regionalflughäfen nach Corona schließen oder offenhalten? Die Entscheidung für oder gegen Standorte läuft hierzulande vor allem über die Betrachtung von Flughäfen als Job-Motor. Das ist ein falscher Ansatz, sagen internationale Wirtschaftswissenschaftler. Dieser Gastbeitrag zeigt Alternativen zur gängigen Impact-Studie.

Ein Flughafenmitarbeiter telefoniert am 18.12.2012 im Abflugbereich des Flughafens Kassel-Calden (Hessen). © dpa / Uwe Zucchi

Die Regionalflughäfen in Deutschland stehen immer wieder im Zentrum kontroverser Diskussionen. In dieser Serie betrachten wir die wirtschaftspolitischen Aspekte der Regionalflughafeninfrastruktur aus unterschiedlichen Blickwinkeln und haben dazu kompetente Gastautoren und Interviewpartner aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gewinnen können. Der dritte Teil unserer Serie "Regionalflughäfen" zeigt auf, warum wirtschaftswissenschaftliche Studien als Grundlage zur Entscheidung über Infrastrukturmaßnahmen an Flughäfen nicht immer rational sind.

In jeder Krise werden die hohen Defizite von Regionalflughäfen kritisch hinterfragt und deren Schließung gefordert. Dies war in der Finanzkrise 2007/8 so und es ist auch jetzt eine drängende Frage in der Coronakrise. Da die Regionalflughäfen bisher alle Krisen überwunden haben, könnte man die Frage schnell als wenig relevant ad acta legen, jedoch gibt es dieses Mal drei Faktoren, die dagegensprechen.

Zum Ersten gibt es einen breiten Konsens, die aktuelle Wirtschaftskrise durch eine expansive Geld- und Fiskalpolitik zu bekämpfen. Gott sei Dank! Nach dem für angelsächsische Top-Ökonomen provinziellen Streit deutscher Ökonomen über die Eurokrise und Austeritätspolitik hätte man schon an deren Vernunft verzagen können. Die "Bazooka" von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ist raus und Teil einer solchen expansiven Fiskalpolitik kann auch dem Erhalt der Regionalflughäfen dienen. Der Staat übernimmt einfach deren Defizite und mildert damit die Krise ab. Die Bundesregierung hat sich entschieden, nicht alle Regionalflughäfen zu stützen. Nur die im Bundesinteresse werden gestützt, der Rest ist Sache der Länder und Kommunen.

Zum Zweiten ist die Coronapandemie ökonomisch betrachtet ein externer Effekt, den der Staat durch verschiedene Maßnahmen wie zum Beispiel Kontaktbeschränkungen eindämmt. Das Verbot beziehungsweise die weitgehende Einschränkung des Luftverkehrs dienen diesem Zweck. Folglich sollte der Luftverkehr für diese Schäden kompensiert werden. Was für die Beteiligung an der Lufthansa gilt, das muss auch für die Rettung Regionalflughäfen gelten -zumal, wenn sie in öffentlicher Hand sind.

Zum Dritten stellt der Klimawandel und die notwendige Dekarbonisierung des Luftverkehrs auch die Regionalflughäfen in Frage. Der Luftverkehr in Europa unterliegt dem EU- ETS, der internationale Luftverkehr soll von CORSIA bepreist werden. Die Zertifikatspreise waren lange Zeit fast wirkungslos niedrig und sind erst seit kurzen auf einem Niveau von 25 € pro Tonne. Von diesem Preisniveau ist CORSIA noch weit entfernt. Angesichts des Pariser Klimaabkommens wird die Politik aber darauf hinarbeiten, diese Schere zu schließen und CO2 Preise schrittweise zu erhöhen. Solch eine effektive CO2 -Bepreisung trifft zwar vor allem die Fluggesellschaften, aber ebenso die Flughafeninfrastruktur – auch sie muss in den nächsten Jahrzehnten dekarbonisiert werden.

Regionalflughäfen jetzt zu schließen wäre also wirtschaftspolitisch falsch: Die Pandemie ist ein externer Effekt. Der Staat muss helfen und die Regionalflughäfen wie auch die Lufthansa retten. Dank der "Bazooka" ist das Geld auch dafür vorhanden. Gleichzeitig erinnert uns der Klimawandel aber daran, als Gesellschaft darüber nachzudenken, welche Regionalflughäfen aus volkswirtschaftlicher Sicht - einschließlich der Umwelteffekte- notwendig sind.

Rechtfertigung mit falschen Argumenten

Diese Diskussion sollte schon heute geführt werden - und zwar mit rationalen Argumenten. Und genau hierin liegt das Problem. Haben wir denn bisher diese Frage ökonomisch rational diskutiert? Leider nein und dies liegt nicht an den so viel gescholtenen Politikern oder an den Bürgern, die den Luftverkehr angeblich verteufeln, sondern vor allem auch an Teilen der ökonomischen Zunft, die der Versuchung erlegen sind, für Regionalflughäfen und auch für internationale Verkehrsflughäfen Gutachten und Studien anzufertigen, die grob falsch oder doch zumindest irreführend sind.

Von: Hans-Martin Niemeier, Peter Forsyth, Eric Tchouamou Njoya Jetzt Gastautor werden

Lesen Sie jetzt

Wie andere Länder regionale Flughäfen organisieren

Regionalflughäfen (6/7) Regionalflughäfen in Deutschland werden meist von regionalen Stakeholdern betrieben. Dass es auch anders geht, zeigt ein internationaler Vergleich von Dr. Tolga Ülkü. Ein Blick auf verschiedene Organisationsformen und die Eigentumsverhältnisse von Flughäfen in Europa.

"Regionale Flugplätze helfen, dass die großen überhaupt Geld verdienen können"

Regionalflughäfen (5/7) Was genau erschwert den wirtschaftlichen Betrieb von Regionalflughäfen und warum kommen kleine Plätze tendenziell besser durch Corona? Im Interview mit Klaus-Jürgen Schwahn, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze, geht es zudem um Ideen für die Zukunft und das Zusammenspiel mit den großen Flughäfen.

Lesen Sie mehr über

Gastbeitrag Flughäfen Politik Rahmenbedingungen Kennzahlen Wirtschaft Strategie Management Statistik Netzwerkplanung Verkehr airliners+