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Die Tutorial-Kolumne zum Thema industrielles Luftfahrtmanagement. Kollage ©: airliners.de / AirTeamImages, fotolia: Dinosoftlabs, Photocreo Bednarek, Gorodenkoff, contrastwerkstatt

In Europa, wie quasi überall auf der Welt, bestehen gesetzliche Vorgaben zur Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung luftfahrttechnischer Produkte. Die Vorgaben von EU und EASA verlangen, dass Unternehmen in der Luftfahrt-Zulieferindustrie ein innerbetrieblich übergreifendes Qualitätssystem unterhalten, das in der Lage ist, die Funktions- bzw. Leistungsfähigkeit der gesamten Wertschöpfung unter Qualitätsaspekten zu steuern und zu überwachen. In einem solchen System müssen der Organisationsaufbau und die betrieblichen Abläufe dokumentiert festgelegt sein und deutlich machen, dass eine kontrollierte Leistungserbringung in einem beherrschten Arbeitsumfeld stattfindet.

Der Gedanke hinter der Verpflichtung zu einem anerkannten QM-System ist, dass ein solches eine Auseinandersetzung mit den betrieblichen Abläufen, Schnittstellen und Zuständigkeiten fordert und fördert. Indem die Organisation transparent und messbar gemacht wird, wird ein Überwachungssystem aufgebaut und Stabilität geschaffen, so dass insgesamt weniger Fehler gemacht werden.

Die Notwendigkeit für QM-Systeme ist aus der Erkenntnis erwachsen, dass die unzureichende Prozessgestaltung eine der Hauptgründe für das Auftreten von Fehlern und Minderqualität darstellt.

In vielen Branchen ist das Vorhandensein eines strukturierten Qualitätsmanagements bereits Industriestandard. Beispielhaft seien hier der Automobilbau, die chemische Industrie oder eben die Luftfahrtbranche genannt. Während jedoch QM-Systeme bei den Automobilherstellern und deren Zulieferindustrie wesentlich im Rahmen „freiwilliger“ Selbstverpflichtungen (über die IATF 16949) Verbreitung gefunden haben, sind es in der Luftfahrtindustrie primär in gesetzlichen Bestimmungen. Solche Vorgaben finden sich in Gesetzen, Verordnungen und Erlassen wie z.B. im EASA Part 21 und dem Part 145, in Lufttüchtigkeitsanweisungen (ADs) oder in Bauvorschriften (CS).

Anforderungen an QM-Systeme

Ausgangspunkt für die Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems bildet die schriftliche Formulierung einer Qualitätspolitik sowie daraus abgeleitete Qualitätsziele. In diesem Zuge trägt die Unternehmensleitung eine nicht delegierbare Verantwortung für die Qualitätsorientierung. Das Management ist insoweit nicht nur in das Qualitätsmanagement einzubinden; es muss dieses uneingeschränkt vorleben. Dies entspringt dem Gedanken, dass sich Entscheidungen, die unmittelbar durch die Unternehmensführung angeordnet und nachhaltig überwacht werden, am wirkungsvollsten in der Organisation verankern lassen.

Die wichtigsten Bestandteile von Qualitätsmanagementsystemen sind

  • Abläufe / Prozesse: Die Fähigkeiten des Managements und der Mitarbeiter sind dann wirkungslos, wenn kein Konzept für deren strukturierten Einsatz existiert. Qualitätsmanagementsysteme fordern daher immer die Verfahrens- bzw. Prozessorientierung. Im betrieblichen Fokus stehen also nicht Abteilungen, sondern der Ablauf der Leistungserstellung.
  • Dokumentation: Die Ablauforganisation muss nicht nur physisch existieren, diese ist ebenso schriftlich zu fixieren. Prozessabfolgen müssen definiert, sowie Schnittstellen und Wechselwirkungen zu vor- und nachgelagerten Prozessen, beschrieben sein. Diese Prozessdokumentation muss einen Detaillierungsgrad aufweisen, der es ermöglicht, eine unter Qualitätsaspekten angemessene Durchführung und Steuerung der Leistungserbringung zu gewährleisten.
  • Personal: Es müssen Mitarbeiter in ausreichender Anzahl und mit hinreichender Ausbildung, Kenntnissen und Erfahrung nachgewiesen werden. Dies gilt im Luftrecht explizit in Hinblick auf Führungskräfte, Produktionsmitarbeiter, Mitarbeiter mit technischer Planungsverantwortung, Ingenieure sowie den Qualitätsverantwortlichen und sog. freigabeberechtigen Produktionspersonal.
  • Ressourcen: Im Zuge der Leistungserbringung muss stets sichergestellt sein, dass die dafür benötigten Ressourcen nicht nur vorhanden sind, sondern zum erforderlichen Zeitpunkt auch zur Verfügung stehen. Zu den Ressourcen gehören dabei neben Material und Betriebsausstattung auch Informationen und angemessene Arbeitsbedingungen.
  • Zielorientierung: QM-Systeme sind darauf ausgerichtet, dass die Erfüllung der Qualitätsanforderungen der Behörden bzw. der Kunden stets im Fokus der Leistungserbringung steht. Über Mechanismen zu deren Überwachung, Messung/ Prüfung und Analyse soll dabei sichergestellt sein, dass Prozessabweichungen vom Soll-Zustand identifiziert werden.
  • Verbesserungen: Einen wichtigen Baustein von QM-Systemen bildet die Auseinandersetzung mit der eigenen Leistungsfähigkeit und der kontinuierlichen Verbesserung. Das Streben nach ständiger Verbesserung kann wesentlich dazu beitragen, Wiederholfehler und Verschwendung zu minimieren. QM-Systeme müssen daher immer auch einen fest in der Organisation verankerten Prozess der kontinuierlichen Verbesserung umfassen.

Einbindung von Zulieferern

Luftfahrttechnische Betriebe sind für die Qualität ihrer Leistungserbringung vollumfänglich verantwortlich. Dies gilt nicht nur für die eigene Wertschöpfung, sondern auch für alle von Lieferanten zugekauften Teile, Materialen und Dienstleistungen. Daher sind Betriebe in der Luftfahrtindustrie verpflichtet, ihre Zulieferer in das eigene Qualitätsmanagement zu integrieren. Das Bindeglied bilden dabei die Normen der EN 9100er Reihe. Die Zulieferer müssen in regelmäßigen Abständen akkreditierte Zertifizierungsinstitute beauftragen, um die Einhaltung der Normenanforderungen in ihrer Organisation überprüfen und bestätigen zu lassen. Das auf dieser Grundlage ausgestellte Zertifikat dient dem Lieferanten dann als Nachweis gegenüber seinen Kunden. Die OEMs weisen so selbst die Qualitätsfähigkeit ihrer Zulieferer gegenüber ihren Luftfahrtbehörden oder ihren eigenen Kunden nach.

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Safety-Management ab 2021

Neben dem Qualitätsmanagement wird in naher Zukunft das Safety-Management flächendeckend bei behördlich zugelassenen Luftfahrt-Zulieferbetrieben zum Einsatz kommen. Entsprechende EASA-Regularien für den Part 21 und Part 145 sind in der finalen Abstimmung und sollen im 3. bis 4. Quartal 2020 in Kraft treten.

Beim Safety-Management handelt es sich um die strukturierte Auseinandersetzung mit sicherheitsrelevanten Risiken in luftfahrttechnischen Betrieben. SafetyManagement wird von der Grundidee getragen, Sicherheit als Führungsaufgabe zu verstehen, die gesamtbetrieblich zu verankern ist. Sicherheit soll systematisch in der Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung als eigener organisatorischer Grundpfeiler verankert werden und dabei alle Mitarbeiter einbeziehen.

Die Anforderungen an die betriebliche Sicherheit sind in einem Safety-Management-System (SMS) umzusetzen. Bei diesem SMS handelt es sich um ein formal verankertes Aufbau- und Ablaufkonzept, das die Sicherheit ausgelieferter Produkte gewährleisten soll.

Ein Safety-Management-System hat zur Aufgabe, Sicherheitsrisiken zu identifizieren und diese mit Hilfe des Risikomanagements unter Kontrolle zu halten bzw. wo immer möglich zu eliminieren. Wesentliche Bausteine eines SMS sind

  • Die Ableitung einer Safety-Politik, von Safety-Zielen und sicherheitsorientierter Organisationsstrukturen. Hierdurch soll sichergestellt werden, dass der Sicherheitsaspekt in die betrieblichen Führungsinstrumente integriert wird.
  • Die Herausbildung einer Safety-Kultur sowie den Aufbau von Safety-Wissens und eines Safety-Bewusstseins. Hierzu müssen Trainings und Ausbildungsmaßnahmen sowie Maßnahmen zur Herausbildung einer SafetyKultur nachgewiesen werden.
  • Im Fokus eines SMS steht ein Risikomanagement, welches die Identifizierung, die Bewertung und sicherheitsrelevanten Risiken überwacht und steuert. Ein solches Risikomanagement-System muss dabei in der Lage sein, sowohl latente Gefahren als auch die Kumulation geringer Risiken zu einer Produktgefährdung proaktiv zu verfolgen und zu behandeln.

In der Luftfahrttechnik-Management-Kolumne erläutert Prof. Martin Hinsch, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind. Der Text lehnt sich eng an sein Fachbuch "Industrielles Luftfahrtmanagement - Technik und Organisation luftfahrttechnischer Betriebe" an, das seit kurzem in neuer, 4. Auflage im SpringerVieweg Verlag verfügbar ist.

Ganz gleich, ob es nun um ein Safety- oder um ein Qualitätsmanagementsystem geht: In jedem Fall sollte deutlich werden, dass das Top-Management eine entsprechende Auseinandersetzung fordert und fördert. Denn der Erfolg eines QM- oder Safety-Management-Systems steht und fällt mit der Akzeptanz und dem Durchsetzungswillen des leitenden Personals. Sie müssen die Safety-Kultur vollumfänglich unterstützen, besser noch vorleben.

Über den Autor

Als Experte für Luftfahrttechnik erläutert Prof. Martin Hinsch in seiner Tutorial-Kolumne "Luftfahrttechnik-Management" auf airliners.de, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind und wie sie arbeiten.

Prof. Dr. Martin Hinsch Prof. Dr. Martin Hinsch ist Experte für luftfahrttechnisches Qualitäts-, Safety- und Prozessmanagement und lehrt Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Aviation-Management an der IUBH in Hamburg. Zudem ist er als authentifizierter Luftfahrt-Auditor zugelassen. Über seine Unternehmensberatung (aeroimpulse.de) unterstützt er luftfahrttechnische Industriebetriebe in Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war er rund zehn Jahre bei der Lufthansa Technik AG und als Senior Consultant in Katar beschäftigt.

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