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PTL und der Charme eines bescheidenen Anfangs

PTL gilt als CO2-neutraler Kraftstoff, der aber noch viel zu teuer ist. Eine Überlegung zur Markteinführung des synthetischen Kerosins von Verkehrspolitiker Ulrich Stockmann (SPD), dem wohl nur fundamentalen Kritikern des Fliegens widersprechen können.

Betankung eines Businessjets. © Avfuel

Nichts nervt Wissenschaftler, Techniker und Politiker mehr als eine geniale Problemlösung, die sich nicht zeitnah umsetzen lässt, weil sie noch nicht wettbewerbsfähig ist. Das "A und O" sind deshalb Implementierungsstrategien, die mit ersten einfachen Maßnahmen eine beschleunigte Markteinführung versprechen.

Vor einer solchen Hürde steht auch die Einführung des synthetischen Kraftstoffes (PTL). Er gilt als CO2-neutraler Kraftstoff, der in differenzierter Form für alle Verkehrsträger mit Verbrennungsmotoren einsetzbar ist. Insbesondere der Luftverkehr sieht ihn mittelfristig als Kerosin-Alternative. Da ein rein batteriegespeister elektrischer Antrieb aufgrund der geringen Leistungsdichte und des hohen Gewichts der Batterien, auf absehbare Zeit nur für Sonderanwendungen vorstellbar ist, scheinen hybridelektrische Lösungen mit PTL realistischer.

Über den Autor

Ulrich Stockmann

Ulrich Stockmann (SPD) war Mitglied der ersten freigewählten Volkskammer der DDR und bis Dezember 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Den Großteil seiner politischen Laufbahn verbrachte er im EU-Parlament in Brüssel. Zunächst als Beobachter für Sachsen-Anhalt, von 1994 bis 2009 als ordentliches Mitglied im im Europäischen Parlament. Er war Mitglied des Verkehrsausschusses. Aktuell engagiert er sich politisch für Regionalflughäfen und die allgemeine Luftfahrt.

Aber die technisch mögliche Herstellung von PTL ist auf längere Frist weder in den erforderlichen Mengen noch zu einem abbildbaren Preis verfügbar. Die Preisdifferenz zwischen dem von Kerosin für Linienflieger und den Herstellungskosten für PTL beträgt zur Zeit aber mindestens 1 zu 4. Und eine vorgeschriebene Quotenlösung der Beimischung von PTL wäre ohne drastische Wettbewerbsverzerrungen nur als europäische, besser weltweite Lösung, denkbar. Eine solche Lösung kann mehr als zehn Jahre dauern.

National vorgeschriebene Quoten würden durch einen "Tanktourismus" in den Nachbarländern konterkariert, mit dem Ergebnis einer verschlechterten CO2- Bilanz. Nicht zuletzt fehlen heute die erforderlichen Mengen an grünem Strom.

Was also tun?

Es gibt eine Einstiegsoption, die in kürzester Zeit möglich wäre. Der nichtgewerbliche Werksverkehr, sowie der Luftverkehr mit hoheitlichem Auftrag, zahlen für Kerosin plus Steuern einen Preis, der den Herstellungskosten von PTL sehr nahe kommt. Mit geringen Steuervergünstigungen könnte sich die Beimischung (Blending) von synthetischen Kerosin rechnen.

Für das nächste und übernächste Jahr sind (durch die Erhöhung der Luftverkehrsteuer) von staatlicher Seite je 100 Mio. Euro für die Einführung von PTL vorgesehen. Gestritten wird noch darüber, ob das Geld für Hardware- Zuschüsse (etwa eine große Produktionsanlage) oder zur Preisangleichung verwendet werden sollte. Ich plädiere für (mobile) dezentrale Produktionsanlagen an Standorten, wo das synthetische Kerosin unmittelbar eingesetzt werden kann.

In einer ersten, wissenschaftlich begleiteten Demonstrationsphase von zwei Jahren könnte der Strom aus regenerativen Energie mit einem Steuererlass aus dem Netz entnommen werden, danach kann er als Insellösung auf den geeigneten Flugplätzen mit Hilfe von Photosynthese-Anlagen erzeugt werden. Schon heute sind Beimischungen von bis zu 50 Prozent erlaubt, wenn bestimmte, bereits zertifizierte Herstellungsverfahren eingehalten werden.

Dezentrale Anlagen sind in einer Größe von ein bis zwei Schiffscontainern realisierbar. Eine entsprechend miniaturisierte Technik wurde in Deutschland entwickelt und könnte international exportiert werden. Ihre CO2 – Bilanz ist aufgrund überflüssiger Transportwege attraktiv.

© Raffinerie Heide, Lesen Sie auch: Der lange Weg zum CO2-neutralen Kerosin

Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Unternehmen, die für ihre wirtschaftlichen "Ambulanzflüge" und ihren Geschäftsreisen Werksverkehre betreiben, an dem Bau und Betrieb der PTL-Anlagen beteiligen. Denn es bedeutet einen nicht geringen Imagegewinn, wenn man zu den Pionieren einer nachhaltigen Verkehrswende gehört.

Das gilt auch für Flüge mit hoheitlichem Auftrag (beispielsweise Polizeistaffeln usw.). Auch der so laute Regierungshubschrauber der Kanzlerin könnte schon heute (ohne Risiko) einen großen Schluck PTL verkraften.

Einzig den fundamentalen Kritikern des Fliegens, die den Refrain des Songs von Wader: "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…" wörtlich nehmen, wie alle Fundamentalisten ihre Offenbarungen, wird der Charm dieser Implementierungsstrategie wohl nicht einleuchten.

Von: Ulrich Stockmann für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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