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Handgepäck beim Sicherheitscheck am Flughafen. © dpa / Federico Gambarini

Für viele Jüngere ist es wahrscheinlich gar nicht vorstellbar, aber früher gab es an Flughäfen gar keine Kontrollmaßnahmen für Passagiere und Handgepäck. Eingeführt wurden die Kontrollen erst Ende der sechziger Jahre - vor dem Hintergrund zunehmender Flugzeugentführungen.

Die Passagierzahlen in Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt mit rund 15 Millionen pro Jahr noch sehr überschaubar. Trotz des damals rein manuellen Kontrollprozesses gab es daher keine größeren Wartezeiten für die Passagiere. Heute ist die Situation allerdings ganz anders. Im vergangenen Jahr nutzten über 235 Millionen Passagiere die Flughäfen in Deutschland - also rund 15 Mal mehr als im Jahr 1969.

Trotzdem läuft der Prozess der Passagiersicherheitskontrollen heute praktisch noch genauso wie vor 50 Jahren. Zwar gibt es mittlerweile einige technische Hilfsmittel im Kontrollprozess wie Röntgengeräte, Torsonden oder auch neuerdings Bodyscanner. Das Prinzip ist aber immer noch dasselbe:

  • Alle Passagiere, und zwar völlig unabhängig von ihrem individuellen Gefährdungspotential, müssen sich in gleicher Weise und Intensität dem Sicherheitscheck unterziehen.
  • Der Kontrollprozess ist sehr umständlich und hochgradig händisch organisiert. So müssen Flüssigkeiten und elektronische Geräte separat durchleuchtet werden, genauso müssen eine Reihe von Kleidungsstücken abgelegt werden. Hinzu kommt eine hohe manuelle Nachkontrollquote.
  • Die heutige Kontrolltechnik ist so aufgebaut, dass der langsamste Passagier die Geschwindigkeit in der Kontrollstelle bestimmt und damit die Gesamtdurchflusskapazität pro Sicherheitsschleuse.
  • Es wird für die von der Bundespolizei beauftragten privaten Sicherheitsunternehmen immer schwieriger, in ausreichender Anzahl qualifiziertes Sicherheitspersonal zu finden und einzustellen.

In der Folge haben die Beschwerden über schwere Störungen und Verzögerungen bei den Passagiersicherheitskontrollen an deutschen Flughäfen in den letzten Jahren massiv zugenommen. Erinnern wir uns an die Bilder von total erschöpften Passagieren an den Flughäfen Hamburg oder Düsseldorf, die stundenlang vor den Kontrollstellen ausharren mussten. Oder jüngst vor Ostern am Frankfurter Flughafen, wo 3500 Lufthansa-Passagiere aufgrund langer Schlangen vor den Kontrollstellen ihren Flug verpassten.

Ohne grundlegende Änderungen droht der Kollaps

Ohne eine grundlegend andere Sicherheitsarchitektur droht dem System der Luftsicherheitskontrollen in Deutschland schon in den nächsten Jahren der Kollaps. Alle gängigen Luftverkehrsprognosen gehen von einem weiteren deutlichen Passagierwachstum aus. Bis zum Jahr 2030 sollen in Deutschland über 350 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden. Das entspricht einem Zuwachs von rund der Hälfte des heutigen Passagieraufkommens.

Die Überarbeitung des Systems der Passagierkontrollen ist daher zwingender denn je. Dazu ist es zunächst dringend notwendig, einen komplett neuen Grundaufbau der Kontrollschleusen vorzunehmen. Ein sehr innovatives Konzept hierzu wurde im letzten Jahr in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei und der Luftverkehrsindustrie unter dem Arbeitstitel "Easy Security" am Flughafen Köln/Bonn entwickelt und getestet.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: Neues Sicherheitskontroll-System wird am Flughafen Köln/Bonn getestet

Dieses System setzt vor allem auf Effizienz. Schnelleren Passagieren ist es im gesamten Kontrollprozess möglich, langsamere zu überholen. So können beispielsweise bis zu fünf Passagiere ihr Handgepäck parallel in Wannen legen. In Folge konnte die Durchflusskapazität pro Schleuse deutlich gesteigert werden.

Aber auch bei den eingesetzten Röntgengeräten ist technisch deutlich Luft nach oben. An amerikanischen Flughäfen sind zum Beispiel schon heute deutlich leistungsfähigere Geräte im Einsatz. Passagiere können dort Laptops oder Flüssigkeiten einfach im Handgepäck belassen.

All diese Detailverbesserungen führen zu einer spürbaren Beschleunigung des Kontrollprozesses. Das ist wichtig, denn Platz für noch mehr Sicherheitsschleusen ist an den meisten deutschen Flughäfen schlicht und einfach nicht vorhanden.

Profiling als grundlegend neuer Ansatz

Allerdings werden Detailverbesserungen am herkömmlichen System allein langfristig nicht ausreichen. Der eigentlich sinnvolle Quantensprung für die Luftsicherheitskontrollen der Zukunft besteht vielmehr in einer Verknüpfung von zwei innovativen Ansätzen, nämlich dem "Profiling" in Verbindung mit der Nutzung von "Big Data".

Profiling bedeutet, die Sammlung von Daten, um sie anschließend zu analysieren und auszuwerten. Mit diesem Ansatz wäre es möglich, innerhalb von Sekunden über jeden Passagier an der Kontrollstelle ein individuelles Risiko- und Gefährdungsprofil zu erstellen. Nach dem Ampelprinzip „Grün, Gelb, Rot“ würde das System den Fluggast dann der entsprechenden Schleuse zuordnen. Das hieße, je höher die Gefährdungseinstufung, je intensiver der Kontrollprozess.

Ein solches System hat das Potential, wesentliche Erleichterungen für das Gro der Passagiere zu ermöglichen - und zwar ohne Abstriche bei der Sicherheit. Gleichzeitig würde es den Kontrollprozess aber deutlich beschleunigen. Der bundesdeutsche Zoll wendet ein ähnliches Verfahren sogar schon seit längerem an, um bei internationalen Versandkontrollen verdächtige Sendungen und Pakete herauszufiltern.

In den USA wurde zudem bereits ein erster Schritt in diese Richtung durch die Einführung von "TSA Pre" realisiert. Dieses Programm ist speziell für Vielflieger entwickelt worden, die nach einer Registrierung spezielle Kontrollspuren nutzen dürfen, in denen sie weitere Erleichterungen in Anspruch nehmen dürfen.

Schon heute müssen neue Rahmenbedingungen definiert werden

Die Umsetzung eines derartigen Ansatzes für alle Passagiere ist sicher komplex, geht mit einer großen Kraftanstrengung einher und ist natürlich nicht von heute auf morgen zu stemmen. Zentrale Problemstellungen wie Sicherheit, Datenschutz oder technische Umsetzbarkeit müssen berücksichtigt und gelöst werden.

Insbesondere die Einordnung der Passagiere in unterschiedliche Risikoklassen wird mit dem deutschen Rechtssystem nicht so einfach in Übereinklang zu bringen sein. Aber gerade deshalb wäre es so wichtig, eben jetzt die Weichen zu stellen - und dies am Besten in einer nationalen Initiative der deutschen Luftverkehrsindustrie im engen Schulterschluss mit dem Bundesinnenministerium und der Bundespolizei.

Ein besserer Beitrag zur Stärkung des Luftverkehrsstandortes Deutschland wäre kaum vorstellbar.

Über den Autor

Michael GarvensMichael Garvens ist selbstständiger Unternehmensberater. Zuvor war er über 30 Jahre in führenden Positionen in der Airline- und Airportbranche tätig, zuletzt als CEO des Flughafens Köln/Bonn. Er war zudem in leitenden Verbandsfunktionen aktiv, so als ADV-Präsident sowie als BDL-Präsidiumsmitglied. Kontakt

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