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Politik auf dem Rücken der Tourismus-Industrie

Die Türkei gehört zu den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen. Obwohl die Corona-Fallzahlen sehr niedrig sind, gilt weiterhin eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Das ist eine politische Entscheidung, meint Politologe Yasin Baş.

Zwei Kunden buchen in einem Reisebüro während der Corona-Krise eine Reise. © dpa / Thierry Roge/BELGA

Die Reisefreiheit, die für uns als selbstverständlich gilt und von der wir uns während der Corona-Pandemie größtenteils verabschieden mussten, kehrt endlich schrittweise zurück. Zumindest für die meisten europäischen Staaten gelten die Reisewarnungen seit dem 15. Juni nicht mehr.

Die deutschen Flughäfen bereiten sich schon auf eine Zunahme des Flugverkehrs vor. Die ersten Ferienflieger sind bereits auf Mallorca, der Lieblingsinsel der Deutschen, gelandet. Allerdings bleibt die Reisewarnung der Bundesregierung für die Türkei nach wie vor bestehen.

Dabei wäre eine Aufhebung der Reisewarnung für die diesjährige Sommerurlaubssaison in der Türkei höchst berechtigt. Es gibt keine nachvollziehbaren medizinischen oder wissenschaftlichen Gründe für den Entschluss, die Reisewarnungen für die Türkei aufrechtzuerhalten. Denn die Türkei gehört zu den wenigen Staaten der Welt, die die Pandemie relativ milde überstand und durch die sehr früh getroffenen Maßnahmen der Regierung vergleichbar wenig Tote zu verzeichnen hatte.

Über den Autor

© Yasin Baş

Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor, freier Journalist, Übersetzer und Berater. Zuletzt erschienen seine Bücher: "Islam in Deutschland – Deutscher Islam?", "nach-richten: Muslime in den Medien" sowie "Muslime in den Medien 2018". Kontakt und Kritik: basmedia@gmx.de

Die Türkei hatte zuletzt (Stand: 23. Juni) rund 189.000 Corona-Infizierte, davon waren 162.000 wieder genesen. Durch die Pandemie waren pro einer Million Einwohner 59 Tote zu beklagen. Zum Vergleich: In Deutschland waren 192.000 Personen infiziert. Pro einer Million Einwohner gab es 109 Todesfälle.

Das bei Deutschen beliebte Reiseziel Italien musste rund 239.000 Infizierte und 34.657 Tote verkraften (549 pro Millionen Einwohner). In Spanien gab es sogar knapp 247.000 Infizierte und 28.324 Tote, was 572 Opfern je einer Million Einwohner entspricht.

TÜV Süd prüft türkische Hotels

Es wird deutlich, dass die Türkei im Kampf gegen die Corona-Pandemie im internationalen Vergleich sehr gut dasteht. Zudem hat das Land am Bosporus zeitnah vielerlei Sicherheitskonzepte für Kultur- und Reiserouten, Strände und Hotels entworfen. Die Corona-Maßnahmen der türkischen Tourismus-Industrie werden überdies vom deutschen TÜV Süd überprüft.

Die Touristen werden schon an den Flughäfen und Hotels mit Wärmebildkameras empfangen. Viele Hotels haben auf Einweggeschirr umgestellt und halten, sofern die Spa-Bereiche keinen ausreichenden Platz bieten, diese derzeit geschlossen. Sicherheitsabstände gibt es nicht nur an den Hotelpools und am Strand, sondern auch an den Buffets der Herbergen, in Kneipen, Cafés und Restaurants. Die Betreiber der Tourismusanlagen vermitteln ihren Gästen während ihres Aufenthaltes in der Türkei somit ein Gefühl der Sicherheit.

Das Gesundheitssystem der Türkei entwickelte sich in den letzten Jahren zu den besten der Welt. Ein bedeutender Teil ausländischer Gäste in der Türkei sind Gesundheitstouristen. Viele Ausländer kommen in die Türkei, um medizinische aber auch kosmetische Operationen durchführen zu lassen. Zudem gehört die Türkei zu den Staaten mit der meisten Anzahl an Intensivbetten.

Umsatzeinbußen von fast 20 Milliarden Euro

In der Beliebtheit der Deutschen rangiert die Türkei nach Spanien und Italien an dritter Stelle. Nachdem 2018 bereits 4,5 Millionen Bundesbürger Urlaub in der Türkei machten, reisten 2019 über fünf Millionen Deutsche dorthin. Die türkische Reisebranche trumpft vor allem mit ihrem unschlagbaren Preis- und Leistungskonzept sowie den Sicherheitsstandards bei den deutschen Urlaubern auf.

Gerade Bundesaußenminister Heiko Maas sollte in der Lage sein, zu erkennen, dass er allen voran die deutschen Tourismus-Industrie hemmt, wenn er darauf beharrt, die Reisefreiheit in Staaten außerhalb der EU zu beschneiden. Denn nicht zuletzt sind auch Tausende von deutschen Arbeitsplätzen in der ohnehin schon durch die Coronakrise arg gebeutelte, deutsche Tourismusbranche von den derzeitigen unverhältnismäßigen Maßnahmen betroffen.

Nach Berechnungen von Norbert Fiebig, Präsident des Reiseverbandes DRV, führen die Beschränkungen infolge der Corona-Pandemie zu Umsatzeinbußen für Reisebüros und Veranstalter von Mitte März bis Ende August von insgesamt fast 20 Milliarden Euro. Allein die Verlängerung der Reisewarnung für außereuropäische Länder, zu denen beliebte Sommerziele wie die Türkei, aber auch Tunesien und Ägypten gehören, bedeute für Juli und August neun Milliarden Euro Umsatzeinbuße, so Fiebig.

In der heutigen, globalisierten Welt hängen Wirtschaftszweige so eng beieinander und sind so stark voneinander abhängig, dass zu kurz gedachte, eindimensionale und einseitige Entscheidungen auch einem persönlich schaden können. Selbst Marcel Klinge, der tourismuspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, hat dies erkannt und bezeichnet die Reisewarnungen als einen "Todesstoß für die deutsche Reisewirtschaft".

Keine medizinische-, sondern politische Entscheidung

Die Aufrechterhaltung der Reisewarnung für die Türkei, die, falls die Entscheidung nicht revidiert wird, bis voraussichtlich Ende August andauern soll, ist daher wohl keine medizinische, sondern eher eine politische.

Denn es gibt mehrere bilaterale Streitpunkte, die schon seit langer Zeit auf eine Lösung warten. Die meisten dieser Kontroversen, wie zum Beispiel das EU-Türkei-Abkommen("Flüchtslingsabkommen"), die militärischen Offensiven der Türkei in Nordsyrien und im Nordirak oder die Rolle des Landes in Libyen und nicht zuletzt im Mittelmeer sind politischer Natur.

© dpa/dpa-tmn, Bernd von Jutrczenka Lesen Sie auch: Türkische Regierung weist Einstufung als Corona-Risikogebiet zurück

Auch Fragen in Bezug auf das Verhältnis zwischen der in Deutschland als terroristische Vereinigung eingestufte PKK sowie der Bewegung um den im amerikanischen Exil lebenden Prediger Fethullah Gülen und Deutschland führen nach wie vor zu Unstimmigkeiten beider Staaten.

Keine Frage: Die türkische Wirtschaft ist auf Urlauber aus der EU, allen voran aus Deutschland, angewiesen. Außenminister Maas darf sich jedoch die Frage stellen, ob es ein probates Mittel ist, auf diese sicherheitspolitischen Streitpunkte mit wirtschaftspolitischen Hebeln zu reagieren.

© AirTeamImages.com, Daniel Nicholson Lesen Sie auch: Tourismusbeauftragter deutet zeitnahe Aufhebung von Reisewarnung für Türkei an

Denn: Wie vernünftig kann eine Politik sein, die eine ökonomisch instabile Türkei in Kauf nimmt und auf der anderen Seite von einem intakten Europa ausgeht? Eine stabile und sichere Türkei bedeutet zugleich auch Sicherheit und Stabilität für uns in Europa. Bei der Rechnung, die uns die Bundesregierung präsentiert, gibt es freilich keine Gewinner.

Würden sich aber beide Seiten auf Augenhöhe begegnen und die Interessen des Partners beachten, sähe es ganz anders aus. Beide Seiten würden davon profitieren. So aber werden die Konflikte emotional und leider auf dem Rücken der Tourismusindustrie in beiden Ländern und dem der Urlauber ausgetragen, die sich ein ganzes Jahr lang auf den Sommer gefreut hatten. Sie müssen jetzt diese Probleme buchstäblich ausbaden.

Von: Yasin Baş Jetzt Gastautor werden

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