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Ein Pilot hält seine Pilotenlizenz in der Hand. © Vereinigung Cockpit

Hinweis: Dieses Interview wurde ursprünglich am 25. Mai 2020 veröffentlicht.

Die Corona-Krise trifft auch Piloten hart. Kaum bis gar keine Flüge und nur wenig Training im Simulator lassen wichtige eingespielte Routinen verblassen, sagt VC-Pressesprecher Janis Schmitt im Interview mit airliners.de. Darüber hinaus erläutert der LGW-Pilot, wann der Verlust der Lizenz droht, welche Hilfen die Sicherheitsbehörden getroffen haben und wie der Neustart geregelt werden müsste.

airliners.de: Welche Probleme ergeben sich für Piloten durch die Flugausfälle in der Corona-Krise?

Janis Schmitt: Unter Umständen kann ein Lizenzverfall drohen. Dieser Faktor kommt aber erst ins Spiel, wenn sehr lange nicht geflogen wird. Viel wichtiger ist bereits jetzt das Thema "Loss of Skills". Das heißt, uns fehlt schlicht die tägliche Praxis des Fliegens. Damit geht Routine verloren, die in sicherheitskritischen Situationen wichtig ist. Darüber hinaus haben viele Kolleginnen und Kollegen jetzt auch längere Zeit kein Training im Simulator gehabt. Die Kombination aus den beiden Faktoren - wenig bis gar nicht Fliegen im Alltag und wenig Training - kann potenziell zu Problemen führen. Um es mal so zu formulieren: Uniform abstauben reicht halt nicht!

Unter welchen Umständen droht denn der Lizenzverlust?

Bis jetzt ist das eher kein Thema für Airline-Piloten. Im Alltag wichtiger ist die Voraussetzung, innerhalb der letzten 90 Tage drei Starts und Landungen im Flugbuch stehen zu haben, um im kommerziellen Lufttransport tätig sein zu dürfen. Das verfällt jetzt schon bei vielen.
Der eigentliche Lizenzverfall hängt am Ablaufdatum, das durch einen Check jeweils um ein Jahr verlängert wird. Durch die Schließung von Simulatorzentren kann eine Verlängerung unmöglich werden, wenn dieses Ablaufdatum ungünstig liegt. Für kommerziell fliegende Piloten gibt es zusätzlich noch einen zweiten Checkflug pro Jahr, so dass grob gesagt alle sechs Monate ein Simulator-Checkflug stattfinden muss.
Und dann gibt es zusätzlich für den Operator noch einige zusätzliche Dinge, die zu beachten sind. Da wären zum Beispiel Emergency Training, Crew Resource Management Training, Checks für spezielle Flughäfen und weitere Punkte. Es gibt wirklich viel zu beachten.

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Über den Interview-Partner

Janis Schmitt ist seit 2018 Pressesprecher der Vereinigung Cockpit. Er fliegt bei LGW als Kapitän auf Dash-8 Q400. Schmitt ist seit elf Jahren Kapitän.

Können die Aufsichtsbehörden in der Sondersituation nicht den Druck nehmen?

Die Easa ermöglicht ihren Mitgliedsstaaten Ausnahmen und Deutschland hat darauf basierend Ausnahmeverfügungen erlassen, die eine Verlängerung der Lizenz ohne Check unter bestimmten Bedingungen für bis zu vier Monate ermöglicht. Dasselbe gilt auch für die medizinische Tauglichkeit. Das kann, wenn es nötig werden sollte, nochmal um weiter vier Monate verlängert werden. Danach ist allerdings auch nach Europarecht erstmal Schluss.
Wir begrüßen diese Regelung grundsätzlich. Problematisch kann sie aber im internationalen Verkehr werden, wenn es Anerkennungsprobleme gibt. Vor allem bei Flügen ins außereuropäische Ausland müssen sich betroffene Piloten vorher sehr genau informieren, da neben dem Zielland auch alle überflogenen Staaten die Verlängerungen der Gültigkeiten anerkennen müssen.

Müssen Piloten denn real fliegen, oder könnten auch alle nötigen Tests im Simulator erfolgen?

In gewissem Rahmen können alle Schulungen im Simulator erfolgen, sofern der Simulator dafür zugelassen ist. Wenn es, grob gesagt, länger als zwölf Monate dauert, müssen auch noch Flüge mit einem Ausbilder erfolgen.

Wie reagieren die Airlines denn auf diese Situation?

Das ist tatsächlich schwierig. Viele versuchen, die wenigen Flüge, die noch stattfinden, auf möglichst viele Piloten zu verteilen. Sobald diese Verteilung auf reale Flüge nicht mehr klappt, müssen die Piloten in den Simulator. Dann gibt es entweder einen regulären Checkflug oder man fliegt Platzrunden, um die Voraussetzung drei Starts und Landungen in 90 Tagen wieder zu erfüllen.

Ergeben sich dann andere Trainingsvorgaben durch diese besondere Situation?

Ja, die Herausforderungen erstrecken sich auf viele Bereiche. Das gesamte System Luftfahrt ist darauf ausgelegt, einen einzelnen, der gerade etwas aus der Übung ist, aufzufangen. Das ist einer der Gründe für das extrem hohe Level an Sicherheit, die wir erreicht haben. Problematisch wird es allerdings, wenn das gesamte System aus der Übung ist, also nahezu alle Piloten, dazu noch Dispatcher, Controller und so weiter betroffen sind.
Normalerweise wird das gesamte Piloten-Corps einer Airline über das Jahr verteilt trainiert. Genau das geht aber gerade nicht und der Trainingsbedarf staut sich immer weiter an. Deshalb ist es umso wichtiger, dass alle Ausbilder zur Verfügung stehen, sobald der Verkehr wieder stärker hochgefahren wird. Daneben kann es durch die fehlenden alltäglichen Flüge auch noch zu einem erhöhten Trainingsaufwand kommen, denn die Routine baut sich ja nicht sofort wieder auf, wenn man dann mal einen Flug hat.

Gibt es auch spezielle Corona-Trainings?

Das Training selbst ändert sich nicht grundlegend durch die Krise. Aber um den Flugverkehr wieder hochfahren zu können, müssen wir wie gesagt darauf achten, als erstes die Ausbilder im Blick zu behalten. Denn auch die haben Lizenzen, die erhalten werden müssen, damit sie wiederum ausbilden können.

Dazu kommt, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Plötzlich müssen Masken aufgesetzt werden, was die Kommunikation erschwert. Die Boarding/De-Boarding Prozesse sind andere und wir sehen auch ein erhöhte Wahrscheinlichkeit von Unruly Situationen an Bord, da der Stresslevel durch die vielen Maßnahmen natürlich auch bei den Passagieren steigt.

Wer trägt dabei eigentlich die Mehrkosten für die Ausbildung?

In der Regel zahlt das die Airline als Arbeitgeber. Schwierig wird es bei Scheinselbständigkeit, Freelancern oder Arbeitslosen. Diese Kollegen sind auf sich selbst gestellt. Da zahlt der Pilot den Simulator und den Ausbilder/Prüfer selbst. Das ist natürlich in der derzeitigen Situation sehr schwierig, da die künftige Einkommenssituation für die nicht fest angestellten Piloten sehr unsicher ist.

Vielen Dank für das Gespräch.