Orat - das komplexe Programm rund um eine Flughafeneröffnung

Orat ist der internationale Begriff für das Projekt Flughafeneröffnung. Diese braucht intensive Vorbereitung und die Hilfe Zehntausender. Trotz BER-Debakel - deutsche Anbieter haben sich Weltruf im Management des komplexen Themas Flughafenumzug erworben.

Testpassagiere schauen während des Probebetriebs auf dem zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg auf eine Anzeigetafel © FBB
227 Personen werden am 08.12.2011 auf dem neuen Flughafen BER f © dpa / Bernd Settnik
Dichtgedrängt stehen Komparsen beim Probebetrieb auf dem zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg an den Abfertigungsschaltern. © dpa / Bernd Settnik
Mitarbeiter von Airlines fertigen Komparsen beim Probebetrieb an den Abfertigungsschaltern ab. © dpa / Bernd Settnik
Dichtgedrängt stehen Komparsen beim Probebetrieb auf dem zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg an den Abfertigungsschaltern. © dpa / Bernd Settnik

Die Eröffnung eines neuen Verkehrsflughafens ist eine umfassende logistische und operative Herausforderung, für die sich international der Begriff "Orat" für Operational Readiness and Airport Transfer etabliert hat. Mit dem starken Wachstum des Luftverkehrs und dem entsprechenden Aus- und Neubauboom von Flughäfen in den vergangenen beiden Jahrzehnten, hat sich rund um den Globus eine eigener Dienstleistungszweig für die reibungslose und weitgehend gleichzeitige Inbetriebnahme aller Flughafeneinrichtungen entwickelt. Auch die Fraport AG und die Flughafen München GmbH bieten den anspruchsvollen Service an und sind eine feste Größe auf dem Markt.

Bereits rund zwei Jahre vor einer geplanten Flughafeneröffnung startet die Planung des ORAT-Programms. Ein Team von Experten aus allen relevanten Flughafen- und Flugbetriebsbereichen entwickelt einen Masterplan für die Inbetriebnahme sowie Konzepte für die operativen Prozesse. Dies erfolgt im Austausch mit den zuständigen Aufsichtsbehörden, um die rechtzeitige Zertifizierung aller für den Betrieb relevanten Bereiche sicherzustellen.

Probebetrieb entscheidend

Vor der eigentlichen Eröffnung eines Flughafens steht der Probebetrieb. Das komplexe Zusammenspiel aus verkehrlicher Effizienz, Sicherheitsaspekten und möglichst hoher Aufenthaltsqualität der Passagiere, wird bei neuen Terminals oder ganzen Flughäfen schon Monate zuvor mehrmals von den künftigen Mitarbeitern und Komparsen, die als Passagiere auftreten, simuliert. So sollen für den Probebetrieb vor der geplanten Eröffnung im Oktober kommenden Jahres am BER 20.000 Komparsen engagiert werden, die alle Anlagen am neuen Airport einem echten Stresstest unterziehen, vom Check-In bis zur Gepäckabholung. Die Nachfrage nach dem Job ist dabei laut Betreiber groß, Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup vermutet dahinter Freude über die Exklusivität, die neuen Anlagen als erstes nutzen zu dürfen.

© dpa, Patrick Pleul Lesen Sie auch: BER-Systempartner brauchen Klarheit über Eröffnungstermin

Bevor die Passagier-Darsteller im Sommer 2020 zur Tat schreiten sollen, hat ein großer Teil der künftigen BER-Mannschaft bereits ab April alle Abläufe hinter den Kulissen geübt. Die Gestaltung dieses Eingewöhnungs- und Ausprobierprozesses (Familiarization & Trial) für die direkten Mitarbeiter eines Flughafens, aber auch die vielen, die bei Subunternehmen, Behörden oder kommerziellen Mietern im Terminal beschäftigt sind, wird von Experten als besonders wichtig erachtet. Mitarbeiter, die sich auskennen, mitunter auch ein Stück weit über den eigenen Tellerrand hinaus, gelten als unabdingbar, um die einzelnen Prozesse ineinandergreifen zu lassen und kurzfristige Problemstellungen lösen zu können. Daher ist es auch wichtig, das Mitarbeiter-Training erst stattfinden zu lassen, wenn der Flughafen betriebsfertig ist, also eine gewisse Zeitspanne zwischen dem Ende aller relevanten Bauarbeiten und technischen Abnahmen bis zur Flughafeneröffnung einzuplanen. Diese liegt meist zwischen drei und zehn Monaten.

Münchens Flughafen-Umzug ist in der Branche legendär

Unmittelbar vor der Eröffnung steht der Umzug in die neuen Einrichtungen. Entweder im Kleinen innerhalb des Flughafengeländes in ein neues Terminal oder im Großen zum komplett neuen Flughafen. In der Vergangenheit war oft der vollständige Flughafenumzug innerhalb einer Nacht das Ziel. Bekannte Beispiele für Umzüge, bei denen abends das Licht am alten Airport ausgemacht wurde und wenige Stunden später die erste Maschine am neuen Flughafen landete, wobei sich in der Zwischenzeit das gesamte Equipment auf die Reise gemacht hat, sind München 1992 und Hong Kong 1998. Die Münchner Flughafengesellschaft gilt seitdem als Beratungsinstanz für Orat-Programme.

Mittlerweile ist jedoch meistens ein "Soft Opening" der Prozess der Wahl. Dabei wird die Verkehrsleistung am neuen Flughafen schrittweise oder kontinuierlich über mehrere Monate hochgefahren, während ein möglicherweise für die Schließung vorgesehener älterer Airport während dieser Zeit den Betrieb aufrecht erhält. So wurde beim neuen Istanbul Airport ebenso verfahren wie derzeit am neuen Pekinger Großflughafen Daxing. Auch bei "Soft Opening"-Varianten ist der Planungsaufwand für das jeweilige Orat-Team groß, da ein stabiler Flugbetrieb verlässliche Angaben braucht, wann welches Equipment wo verfügbar ist.

Am BER hat man eine Art schnelles Soft Opening geplant. So soll der alte Flughafen Tegel zwar noch sechs Monate betriebsbereit bleiben, der eigentliche Umzug von TXL nach BER ist aber in einer etwa zweiwöchigen Übergangsperiode vorgesehen. Direkt am Anfang dieser zwei Wochen soll nach Angaben aus Berliner Flughafen-Kreisen in einem großen Schwung der Großteil des Umzugs statt finden.

©dpa, Lefteris Pitarakis Lesen Sie auch: Flughafen-Umzug in Istanbul abgeschlossen

Ist der neue Flughafen dann eröffnet und vollständig in Betrieb, endet die Arbeit für das Orat-Teams noch nicht. In einer Evaluations- und Review-Phase gilt es, die Prozesse zu optimieren und falsche Abläufe möglichst früh zu eliminieren. Das Potenzial dafür ist der Erfahrung nach stets groß, denn wo derart viele Menschen arbeiten und durchgeschleust werden wie auf einem großen Verkehrsflughafen, ergeben sich fast zwangsläufig unvorhergesehene Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten. Diese zu identifizieren und anzugehen ist Grundkonstante während des gesamten Orat-Programms.

Von: dk

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