airliners.de Logo
Spaethfolge (73) Gastautor werden

Nur Liegen ist schöner

Die ITB letzte Woche habe ich häufig in der Horizontalen verbracht: beim Probeliegen in den neuesten sogenannten Lie-Flat-Sitzen verschiedener Airlines. Leider ist deren Komfort ziemlich oft mehr Schein als Sein.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. © airliners.de

Flach muss die Schlafstatt am Himmel sein, und vor allem absolut eben ausfahrbar, genau parallel zum Kabinenboden. Nur dann, so weiß jeder Vielflieger, gibt es tatsächlich eine Chance auf etwas Nachtruhe im Flugzeug, die diesen Namen auch verdient. Die Passagiere, die den Airlines am meisten für ein Ticket bezahlen, verlangen heute, sich auf Langstrecken lang strecken zu können. Daran führt kein Weg mehr vorbei, auch wenn die Fluggesellschaften seit vielen Jahre immer neue blumige Namen für ihre Sitze erfinden, die zwar Bett und Schlaf suggerieren, aber dieses Versprechen fast nie halten können. Stratosleeper, Kosmo Suite, Skyloft und was auch immer sich die Marketing-Strategen Wolkiges an Markennamen für ihre Premium-Produkte ausdenken – Fakt ist: Meist sind sie unbequem – und vor allem nicht „Full Flat“, was sich heute als Begriff eingebürgert hat für wirklich ebene Himmelsbetten.

Ist ja auch kein Wunder, dass die Airlines hier mit den Zentimetern knausern – Kabinenfläche in einem Langstreckenflieger gehört zum teuersten Grund und Boden der Welt. Mir hat mal ein Experte erklärt, dass ein Quadratmeter Kabinenfläche das 500- bis Tausendfache pro Flug an Umsatz erwirtschaften muss im Vergleich zu einem Quadratmeter eines Hotelzimmers pro Nacht. Jedenfalls hat British Airways bereits 1998 ihre First-Class-Kunden flach und eben gebettet und die Business-Gäste ab dem Jahr 2000. Damals eine Weltsensation und bis heute immer noch nicht bei allen großen Wettbewerbern angekommen.

Auf der ITB letzte Woche in Berlin stellte die Lufthansa mit großem Brimborium ihren neuen Business-Class-Sitz dem staunenden Publikum vor. Unglaublich! Völlig waagerecht liegen! Eine Sensation! So trommelte die Marketing-Maschine. Dabei kann die Lufthansa ohne diese späte Innovation nur noch schwer konkurrieren. Seit Jahren ist in allen Vielflieger-Foren zu lesen, wie sich die Kunden ärgern über die schiefe Ebene, gern auch Rutschbahn genannt, auf den heutigen Business-Class-Sitzen des Kranichs. Und es wird bis 2016 dauern, mindestens, bis nun alle Langstreckenflieger den neuen Wundersessel eingebaut bekommen. „Da ist es doch bequemer, auf dem Flug zu schlafen als in irgendwelchen Hotelbetten“, erklärte uns der zuständige Kranich-Vorstand in Berlin im Brustton der Überzeugung.

Ich machte ein paar Stunden später die Probe aufs Exempel und legte mich für zehn Minuten in die zweite Reihe der vier aufgestellten Sitze. Also – wirklich waagerecht ist der Sitz, und das ist erstmal das Allerwichtigste. Aber, obwohl ich furchtbar müde war vom Messerummel, bin ich nicht eingeschlafen, sondern habe mich nach meinem kuscheligen Hotelbett gesehnt. Denn die Kranich-Liegestatt ist zum einen sehr schmal, und zum anderen ist der Fußraum, durch eine kleine Trennwand von dem des Nachbarn getrennt, etwa so groß wie der Platz für eine Henne in der Legebatterie. Und obwohl ich nur 1,88 Meter messe und die Liegefläche angeblich 1,98 Meter, stießen sowohl meine Schädeldecke als auch meine Fußsohlen gegen Wände. Das Angebot der Produkt-Dame, doch mal nachzumessen, musste ich mangels Messinstruments ablehnen, ich konnte ihr allerdings glaubhaft versichern, dass es relativ ausgeschlossen sei, dass ich unbemerkt zehn Zentimeter Körpergröße zugelegt hätte.

Ich kam auf der ITB noch öfter zu Liegen letzte Woche, rein dienstlich versteht sich. Denn auch Air Berlin hat sich aufgerafft, sozusagen fünf vor Oneworld, ihre Business-Kunden jetzt flachzulegen. Allerdings konnte mich auch die charmante Flugbegleiterin, die den Sitz erklärte, nicht von dessen Qualitäten überzeugen. Mit nur 50 Zentimeter Breite ist er um ein sattes Drittel schmaler als der ebenfalls in Berlin enthüllte sensationelle neue Qatar-Airways-787-Business-Sitz, und außerdem von grauenhafter Rutschen-Eigenschaft. Der Aha-Effekt kam dann später, als ich den CCO von Etihad Airways darauf ansprach. Der versicherte mir, dass dieses Produkt nicht lange Bestand haben würde, jetzt wo Etihad als Partner an Bord ist. Es gab sogar Gerüchte, Air Berlin würde demnächst gleich selbst die recht kommoden Etihad-Business-Betten in ihre A330 einbauen.

Da hat es ein anderer Nischenanbieter mit überschaubarer A330-Flotte gleich beim ersten Versuch besser hingekriegt – Brussels Airlines zeigte auf der ITB ihre bequemen und funktionalen neuen Bett-Sitze, voll flach versteht sich. Mir schwirrte nach all dem Getöse um fliegende Betten jedenfalls der Kopf – und mir fiel plötzlich auf, wie man „Lie Flat“ – ein wenig frei – auch mal übersetzen könnte: als „glatte Lüge“.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de Jetzt Gastautor werden

Lesen Sie jetzt

Drei Fragen zwischen Reiselust und Corona-Frust

Gastbeitrag Eine Trend-Umfrage zur Corona-Pandemie zeigt die Veränderungen im Buchungsverhalten von Urlaubsreisenden. Manuel Wehner von der Frankfurt University of Applied Sciences leitet daraus drei konkrete Fragen ab, die sich Branchen-Entscheider jetzt stellen müssen.

Lesen Sie mehr über

Fluggesellschaften Gastbeitrag Management Marketing Spaethfolge