Studie zeigt weniger Gesundheitsrisiken durch Lärm

Für viele scheint Verkehrslärm unerträglich. Eine neue Studie zu Flug-, Straßen- und Bahnlärm zeigt jedoch weniger Gesundheitsrisiken als befürchtet - und Flughafengegner schlafen unruhiger als ihre Nachbarn.

Ein Passagierflugzeug fliegt über Wohnhäuser bei Flörsheim in der Nähe des Frankfurter Flughafens hinweg. © dpa / Arne Dedert

Viele Menschen, die rund um einen Flughafen wohnen, fühlen sich belästigt, ebenso wie Menschen in der Nähe von Autobahnen oder Bahnstrecken. Aber ist Lärm "nur" lästig, oder macht er auch krank? Ja, aber weit weniger und oft anders als bisher diskutiert - zu diesem Ergebnis kommt die Studie Norah (Noise-Related Annoyance, Cognition and Health).

In Teilstudien beschäftigten sich die Autoren mit der Lebensqualität, dem Schlafverlauf, der Häufigkeit von Krankheiten und der Veränderung des Blutdrucks in Lärmgebieten. Auf 2500 Seiten haben sie ihre Ergebnisse zusammengefasst - nach ihren Angaben die bisher umfassendste Untersuchung von Lärmwirkung.

Kurz zusammengefasst zeigt die Studie folgendes: Chronischer Verkehrslärm verursacht insgesamt geringere Gesundheitsrisiken als bisher angenommen. Schwerwiegende Risiken bringt den Auswertungen zufolge auch der Flugverkehr im Speziellen nicht.

Umfangreichste Lärm-Studie

An der Norah-Studie haben Wissenschaftler verschiedener Disziplinen fünf Jahre lang gemeinsam die gesundheitlichen Folgen von Flug-, Straßen- und Schienenlärm in den Regionen Stuttgart, Rhein-Main und Köln-Bonn untersucht. Die Kosten der Untersuchung von knapp zehn Millionen Euro tragen das Land Hessen, Kommunen, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport und Luftverkehrsgesellschaften.

Für die Studie wurde die Belastung durch Flug-, Straßen- und Schienenlärm im Raum Frankfurt für 900.000 Gebäude berechnet und zusätzlich Lärmdaten von je 2500 Anwohnern der Flughäfen Köln-Bonn und Stuttgart erhoben. Zur Belästigung wurden 29.000 Flughafen-Anwohner befragt, für die Krankheitsrisiken wurden Krankenkassendaten von rund einer Million Menschen im Rhein-Main-Gebiet ausgewertet. An der Schlafstudie nahmen rund 200 Menschen teil, an der Blutdruckstudie 844 Menschen.

Fluglärm ohne Auswirkungen auf Blutdruck

Dabei bleiben die Ergebnisse weiter diffus: Wenig überraschend ist, dass der nächtliche Schlaf besser ist, wenn die Lärmquelle wegfällt - nämlich während des Nachtflugverbots, das in Frankfurt 2011 eingeführt wurde. Fluglärm generell erhöht zur Überraschung der Forscher das Risiko, an einer Depression zu erkranken; Herz-Kreislauferkrankungen riskieren eher Menschen, die an einer vielbefahrenen Bahnstrecke wohnen.

Überraschend in der neuen Studie sei dabei der Zusammenhang zwischen Depressionen und Lärm. "Das lässt uns schon aufhorchen", sagte der Psychologe Dirk Schreckenberg vom Zeus Zentrum für angewandte Psychologie (Hagen). Es gebe weiteren Forschungsbedarf. Das gilt nach Ansicht der Wissenschaftler auch für das Herzschwäche-Risiko, das bisher unterschätzt worden sei.

Auf den Blutdruck habe Dauerlärm aber gar keinen Effekt. Damit weichen die Norah-Ergebnisse von bisherigen Untersuchungen ab. Studien aus Mainz und des Umweltbundesamts konstatierten gegenteilige Effekte. Die Norah-Autoren betonten, keine der früheren Untersuchungen des Effekts auf den Blutdruck sei so umfangreich wie ihre.

Flughafengegner schlafen unruhiger als ihre Nachbarn

Ohnehin scheint vieles auf eine persönliche Komponente hinzuweisen: Die innere Einstellung zum Flugverkehr spielt laut Studie offenbar eine wichtige Rolle. Wer gerne fliegt und in der Nähe eines Flughafens wohnt, leidet weniger unter Fluglärm und schläft besser als ein Flughafenkritiker in der Wohnung nebenan. Das ist jetzt wissenschaftlich belegt.

Und noch ein Ergebnis ist in Sachen Fluglärm-Wahrnehmung ist durchaus interessant: Subjektiv fühlten sich Menschen rund um alle untersuchten Airports auch ohne Lärmzunahme heute stärker belastet als zu Studienbeginn. Diese Beeinträchtigung der Lebensqualität bei gleichbleibendem Dauerschallpegel in den vergangenen Jahren berichten die Forscher verschiedener Disziplinen.

Fraport hofft auf Neuanfang im Anwohnerdialog

Der Flughafenbetreiber Fraport hält angesichts der "minimalen" Auswirkungen des Fluglärms auf die Gesundheit weitere Regulierungen für überflüssig. Im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern und auch im Vergleich zu früheren Studien hätte die Norah-Studie insgesamt die geringsten Risikoerhöhungen durch Fluglärm gezeigt.

Künftig wolle das Unternehmen daran arbeiten, zu einem vertrauensvollen Umgang mit den betroffenen Menschen zurückzufinden, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte: "Die Ergebnisse zeigen, dass Anwohner des Flughafens aufgrund des Flugbetriebs keine Angst um ihre Gesundheit haben müssen."

© dpa, Frank Rumpenhorst Lesen Sie auch: Hohe Zustimmung für Lärmpausenmodelle am Flughafen Frankfurt

Der hessische Grünen-Verkehrsminister Tarek al-Wazir warnte dagegen vor Verharmlosung. Hersteller von Fahrzeugen, Flugzeugen und Zügen seien genauso in der Pflicht wie die Bürger mit ihrem Mobilitätsverhalten. Die Studie zeige, dass die Lärmbelastung durch Straße, Schiene und Flugzeuge gleichermaßen reduziert werden müsse.

Von: dh, mit Material von dpa

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