Schiene, Straße, Luft (34) Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten

Die Debatte um eine deutsche Verkehrswende dreht sich viel um Verzicht und Verbote. Die Branche sollte dabei nicht in einer Opferrolle verharren, sondern verstärkt die positiven Aspekte des Reisens betonen, findet Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

© AirTeamImages.com / Danijel Jovanovic

Verkehrswende schön und gut. Wir alle müssen etwas ändern, auch in unserem täglichen Leben. Zurzeit gibt es Anzeichen dafür, dass uns so viel schlechtes Gewissen eingeredet wird, dass wir uns kaum noch aus dem Haus wagen. Deshalb sollten gerade diejenigen, deren Geschäft die Mobilität ist, pro-aktiv auch an den ethischen Aspekten des Reisens arbeiten und nicht in einer Opferrolle verharren, findet Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Die Deutsche Bahn ist fast pleite und sowieso ständiger Kritik wegen angeblicher Unfähigkeit ausgesetzt. Wer fliegt, soll sich schämen. Wer mit einem Kraftfahrzeug am Straßenverkehr teilnimmt, womöglich noch am städtischen, der macht auch alles falsch, selbst wenn das Kfz elektromobil ist. Und die Seefahrt ist auch weder lustig noch christlich, wie geflügelte Worte uns glauben machen wollen: Kreuzfahrtschiffe fördern Overtourism und haben eine schlechte Ökobilanz, übertroffen werden sie nur noch von der Schadstoffbilanz der Frachter.

Also lassen wir das mit der globalen Mobilität gleich ganz? Bitte nicht. Wahrscheinlich werden wir noch viele Klimagipfel brauchen, damit auch unseren Nachfahren noch ein gutes Leben und den Benachteiligten ein besseres garantiert wird. Aber jeden davon mit Weltuntergangsstimmung zu begleiten, bringt uns nicht weiter. Ein paar Terroristen haben uns das in dieser Woche gezeigt: Wie lange muss ganz Deutschland wohl fliegen und Auto fahren, um die Emissionen in den schwarzen Wolken aus der brennenden Raffinerie in Saudi-Arabien zu erzeugen?

Mehr Vernunft

Als Folge davon dürfte der Sprit für Auto, Jet und Schiff teurer werden. Zwar haben sich die Terroristen kaum an Termin und Zielen des deutschen Klimagipfels orientiert, aber sie schaffen damit schon mal einen Vorgeschmack auf das, was kommen wird, wenn dessen Maßnahmen umgesetzt werden.

Dabei ist es dem Verbraucher am Ende gleichgültig, ob der Sprit teurer wird, weil die Mineralölsteuer steigt oder weil der Emissionshandel ausgeweitet wird. Selbst Klimaleugnern muss bei dem derzeitigen Szenario ob der Abhängigkeit der zivilisierten Welt von Terroristen und Gewaltherrschern mulmig werden.

Es ist endlich an der Zeit, mehr Vernunft in der Mobilität walten zu lassen. Statt über den warmen Sommer in Mitteleuropa zu lamentieren, könnte der eine oder andere seine Urlaubsplanung anpassen und es mal riskieren, im Lande zu bleiben anstatt in mediterrane oder karibische Gefilde zu fliegen. Statt den lobbygetriebenen PS-Wettlauf auf der Straße mitzumachen, könnten Autokäufer und -fahrer sich ein Beispiel am Luftverkehr nehmen. Dabei richtet sich die Geschwindigkeit nach der Wirtschaftlichkeit. Also heißt es ein Auto kaufen, das den tatsächlichen Bedürfnissen des Alltags gerecht wird. Angeberei und pubertäres Gehabe am Steuer gehören mit Sicherheit nicht zu diesen Bedürfnissen.

Wer es kann, sollte öfter mal aufs Fahrrad anstatt ins Auto steigen. Auch dafür bietet der Klimawandel gute Voraussetzungen: Regnet es weniger, wird der Radfahrer seltener nass. Und er fühlt sich hinterher gut, denn er hat nicht nur etwas für seine Gesundheit getan, sondern auch fürs Klima. Übrigens auch dann, wenn er sich für ein E-Bike entschieden hat, denn ohne Strampeln geht das auch nicht. Und: Eventuelle Prestigebedürfnisse stillen auch luxuriöse Fahrräder.

Reisen bildet

Es geht darum, bei der Mobilität mehr Vernunft walten zu lassen und die Emotionen rauszunehmen. Es geht ums verbale Abrüsten, damit nicht am Ende das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Auch in Zeiten des Klimawandels gilt nämlich noch der Satz: "Reisen bildet." Bildung tut dringend not. Lautes Gebrüll aus Extrempositionen führt nur zu Trotzreaktionen. Aufklärung und Kommunikation sind gefragt und vernünftiges Handeln, das sogar Spaß machen kann.

Neben der anhaltenden Klimadiskussion gibt es gerade einen historischen Anlass, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Vor wenigen Tagen jährte sich der Geburtstag Alexander von Humboldts, des großen Weltreisenden, Naturforschers und Universalgelehrten, zum 250. Mal. Das Zitat: "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben", wird ihm zugeschrieben.

Gesagt hat er den Satz wohl nicht, aber richtig ist er allemal, wie sicher fast alle airliners.de-Leser bestätigen können. Humboldt hat damit wesentliche Grundlagen für die Globalisierung gelegt, der Europa, aber auch der Rest der Welt langfristig gesehen eine stetige Zunahme des Wohlstandes verdankt. Dass es dabei Fehlentwicklungen gegeben hat, steht außer Frage. Und genau die gilt es jetzt zu korrigieren. Wenn dabei Fliegen ein wenig teurer und Bahnfahren ein wenig billiger wird, geht die Welt im wahrsten Sinn des Wortes nicht unter.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig

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