Günstiger, leichter und Inhalte aus der "Cloud" Neue Trends bei Inflight-Entertainment-Systemen

Der Markt für Inflight-Entertainment-Systeme schien Jahre lang klar abgesteckt. In fast jedem größeren Flugzeug gehörten Audio/Video-On-Demand-Systeme von Panasonic und Thales schon fast zum Standardequipment. Auf der Aircraft Interiors Expo in Hamburg stellten nun etliche neue Firmen ihre Ideen vor. Von "fast traditionell" bis "revolutionär" reichen dabei die Ansätze. Ein Einblick in die aktuellen Trends.

Contour NFW (Not for Wimps) Designstudie © Contour Aerospace Limited / Contour
Internetzugriff auf mobilem Endgerät über BoardConnect von Lufthansa Systems © Lufthansa Systems

Vielleicht sind die beiden großen Inflight-Entertainment-(IFE)-Anbieter Panasonic und Thales in diesem Jahr mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch nach Hamburg angereist. Es hatte sich nämlich gleich eine ganze Reihe von teilweise bislang vollkommen unbekannten Firmen angemeldet, um Entertainment-Neuentwicklungen vorzustellen.

Auch wenn es an den Ständen der beiden etablierten Größen der Branche nach wie vor voll war und den Gästen im exklusiven Inneren der Stände zahlreiche Köstlichkeiten wie etwa Sushi und schön aussehende Mixgetränke angeboten wurden - die Stimmung auf der diesjährigen Aircraft Interiors Expo war deutlich anders als in den Jahren zuvor.

Mit dem zunehmenden Wettbewerb der Airlines untereinander wird die Kabinenausstattung zu einem immer wichtigeren Unterscheidungsmerkmal. Vor allem die Fluggesellschaften aus Nahost und Asien setzen schon lange neue Standards in der Kabine – besonders im internationalen Verkehr. Was etliche Airlines bislang aber vom Einbau der Systeme - beispielsweise auch auf der Kurz- und Mittelstrecke - abhielt, liegt auf der Hand: Herkömmliche Systeme haben den Ruf, teuer zu sein. Angefangen beim Anschaffungspreis über aufwändige Einbau- und Wartungsprozeduren bis hin zu einer unflexiblen Content-Aufspielung gibt es etliche Argumente gegen Audio/Video-On-Demand (AVOD)-Systeme. Zudem sind die Systeme, bestehend aus mehreren Servern, Verteilern und Kabeln, auch sehr schwer.

Sogar einige Passagiere würden sicherlich lieber ohne Entertainment reisen, wenn dafür die zum Teil doch sehr großen IFE-Steuerboxen unter den Sitzen des Vordermanns wegfielen. Und die Passagiere, die doch gerne einen Film sehen wollen, sitzen zudem immer genau in der Sitzreihe, die leider gerade ausgefallen ist. Inflight-Entertainment-Systeme bieten also viel Raum für Innovationen.

Herausforderer sind leichter und günstiger

Zahlreiche neue Firmen gibt es auf dem Markt, die sich den Fortschritt aus der Consumer-Electronics-Welt, gepaart mit pfiffigen Ideen, zunutze machen, um mit neuen Produkten zu punkten. Was schon seit längerem am Boden technisch möglich ist, wird nun also nach und nach auch in Flugzeugkabinen Einzug erhalten.

Fast noch traditionell arbeitet beispielsweise das "Fiber to the Screen"-System (FTTS) von Lumexis. An dem herkömmlichen System eines zentralen Inhalte-Servers ändert der US-amerikanische Hersteller zunächst einmal nichts. Durch den Einsatz von Glasfasertechnologie erreicht Lumexis aber den Wegfall von Verteilerstationen, Zonenboxen und Sitzsteuerboxen. Dank einer hohen Bandbreite kann eine "Server/Switch-Unit" jeden Sitz einzeln mit AVOD-Daten versorgen.

Lumexis-CEO Douglas Cline zeigt sich im airliners.de-Interview auf der Messe zuversichtlich. Das neue System sei im Vergleich zu herkömmlichen Systemen um mehr als die Hälfte leichter. Zudem koste das Lumexis-System nur rund die Hälfte und auch der Einbau sei durch die extrem dünnen Glasfaserkabel viel einfacher.

Neben dem Erstkunden FlyDubai konnte Lumexis auf der Messe zudem einen neuen Kunden präsentieren: Die russische Transaero wird ihre Boeing 777- sowie die 747-Flotte mit dem FTTS-System ausstatten. Damit habe Lumexis den ersten Widebody-Kunden überzeugen können, freut sich Cline.

Zudem setzt Lumexis technisch auf ein offenes System, das es den Airlinekunden ermöglicht, die Darstellung der Inhalte selbst anzupassen. Das funktioniert letztlich wie die Anpassung einer Webseite im Internet. Mehr zu den technischen Details des FTTS-Systems im Video:

Vorteile bei der Ausfallsicherheit

Interessant ist bei allen vom Aufbau her einfacheren Systemen auch die hohe Ausfallsicherheit. Bei Lumexis setzt man als Redundanz zwar auch auf einen zweiten Server, letztlich geht der Anbieter aber auch so weit, in jedem Sitz ein reduziertes Inhalte-Programm lokal vorzuhalten, sollte das System an irgendeiner Stelle haken.

Einen Schritt weiter geht der ebenfalls amerikanische Anbieter "The IMS-Company" (IMS) mit ihrem neuen "RAVE"-System. IMS setzt dabei erstmals auf eine "Seat-Centric"-Architektur. Das bedeutet: Jeder Sitz ist unabhängig von der Gesamtstruktur, der gesamte Entertainment-Inhalt aus Filmen, Musik und allen Daten ist direkt im Monitor gespeichert.

Damit kommt das IMS-System mit nur zwei Komponenten-Typen aus: Der Server dient aber lediglich zum (in der Regel monatlich einmaligen) Bespielen der "Seat Display Units" mit neuen Inhalten. Ansonsten läuft das System ohne Inhalte-Streaming vom Server. Die Vorteile liegen auch hier vor allem in der Gewichteinsparung.

Aber IMS hat noch einen weiteren Vorteil: Durch den Wegfall des Server-Streamings kann das System wirklich nur noch sitzweise ausfallen. Und selbst das ist kein Problem: Mit nur wenigen Handgriffen kann die Kabinencrew einfach einen Ersatzmonitor einsetzen. Im airliners.de-Video zeigt Larry Girard, Vice President Business Development bei IMS, den einfachen Austausch einer Sitz-Unit:

Für diesen konsequenten Ansatz hat RAVE dieses Jahr im Rahmen der Messe sogar den "Crystal Cabin Award" in der Kategorie "Unterhaltung und Kommunikation" gewonnen. Bereits vor der Messe konnten die Amerikaner übrigens Air Berlin überzeugen, die RAVE ab Herbst in die A330-Flotte einbauen wird. Lufthansa testet das System zudem im Juli auf einer Boeing 747.

Inflight-Entertainment aus der "Cloud"

Noch einen Schritt weiter geht der französische Technologiekonzern Altran in Kooperation mit Siemens. Bei ihrem Joint-Venture bringen die beiden Unternehmen ein komplett auf WLAN basierendes Entertainment-System auf den Markt.

Siemens und Altran gehen davon aus, dass ohnehin fast jeder Passagier ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop bei sich führt. Darauf kann nun einfach das Inflight-Entertainment der Airline abgespielt werden. Filme, Musik und Daten werden über WLAN gestreamt.

Revolutionär ist bei diesem Ansatz der komplette Wegfall von Sitzmonitoren. Damit fallen nach Altran-Angaben zwischen zwei bis acht Kilogramm pro Sitz weg, sogar im Vergleich zu den neuen IFE-Alternativen. Das ganze System wiegt insgesamt weniger als 20 Kilogramm. Zudem dauert der Einbau in ein Flugzeug nur wenige Stunden.

Die Unternehmen sehen entsprechend den Retrofit-Markt als größtes Potential und bauen auf die Chance, mit dem günstigen System auch Lowcost-Airlines überzeugen zu können. Endgeräte können die Fluggesellschaften beispielsweise gegen Gebühr zur Ausleihe stellen. Auch die Abspiel-Apps für die passagiereigenen Geräte könnten verkauft werden.

Das System ist zudem speziell auf den Einsatz in Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen ausgerichtet, erklärt Stefan Jenzowsky, Bereichsleiter Communications, Media und Technology bei Siemens, im airliners.de-Interview. Bis zu 155 Endgeräte könne das System gleichzeitig mit AVOD-Daten versorgen.

Technisch ist das nicht trivial. Jedes Endgerät benötigt im Zweifel eine eigene "App" und spezielle Daten. Genaueres erklärt Jenzowsky im airliners.de-Videointerview und demonstriert dabei das System auf einem iPhone sowie einem iPad:

Bei der Streaming-Lösung für klassische Entertainment-Inhalte ist übrigens auch "Digital Rights Management" (DRM) ein wichtiges Thema. Kein Inhalteanbieter würde auch nur einen Film beisteuern, wenn jeder Passagier einfach nach Belieben Inhalte auf den eigenen Rechner ziehen könnte.

Entsprechende DRM-Lösungen biete Siemens für die verschiedenen Endgeräte an, so Jenzowsky. Bis zu 40 verschiedene Endgeräte und Betriebssystemversionen wolle man ständig aktualisiert verfügbar halten. Siemens bringt dazu das entsprechende Knowhow des "Content-Managements in der Cloud" mit in die Gemeinschaftsentwicklung ein, Altran kümmert sich um die Produktion und erarbeitet die Zertifizierung für die Luftfahrt.

Launch-Customer für das neue System wird übrigens Hapag-Lloyd. Allerdings zunächst einmal mit ihren Kreuzfahrtschiffen. Ob auch die TUIfly-Flugzeuge folgen werden, bleibt offen. Mit der Zertifizierung für die Luftfahrt rechnet Altran zur kommenden Aircraft Interiors Expo in einem Jahr.

Condor jedenfalls hat sich bereits für ein Konkurrenzprodukt der Lufthansa Systems entschieden, um ihre Boeing 767 mit einem WiFi-Entertainment auszustatten. Es geht also los… die neuen Systeme kommen langsam aber gewaltig und machen den etablierten Anbietern Konkurrenz. Die Airlines wird es freuen - und die Passagiere sowieso.

Als nächstes werden nun wahrscheinlich die Sitzhersteller nachziehen, und integrierte Systeme anbieten. Vielleicht kommt es dann auch eines Tages wirklich zu so aufregenden Gaming- und Entertainment-Sitzen wie in der Designstudie des Sitzherstellers Contour. Genießen Sie einfach das folgende Video, in dem Factorydesign-Chef Adam White sein Werk vorführt: "Sushi auf der einen Seite, einen Martini in der Hand."

Von: airliners.de

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