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Morgenrot statt Schichtleiter im Büro

Seit mehr elf Jahren arbeitet Ines Schaub am Frankfurter Flughafen. Statt über ihre Tätigkeit am Check-in berichtet sie heute sehr subjektiv darüber, wie sie die Corona-Krise am Flughafen erlebte und erlebt.

Noch nicht von der Natur zurück erobert: Check-in-Bereich am Flughafen Frankfurt während Corona. © Ines Schaub
© Ines Schaub

Über die Autorin

Ines Schaub ist Check-in Agentin am Frankfurter Flughafen. Vorher arbeitete sie als Krankenschwester im In- und Ausland. Ein Germanistik-Studium hätte die Liebe zum Schreiben beinahe zerstört, doch während des Volontariats zur PR-Journalistin kehrte sie umso inniger zurück.

An diesem Morgen im April fühlte es sich an, als sei ich gegen eine ebenso unsichtbare wie bruchfeste Glaswand gelaufen. Ich war so vor den Kopf gestoßen, dass die Tränen unkontrolliert losliefen. In Wahrheit stand ich vor dem heruntergelassenen Rolltor der erweiterten Halle C in Terminal 1. Zum ersten Mal in all meinen Jahren am Flughafen.

Es hatte schon früher begonnen. Dann breitete sich das Coronavirus aber derart rasant aus, dass immer mehr inner- und außereuropäische Länder Einreisesperren verhängten - gefühlt im Minutentakt. Infolgedessen wurden immer mehr Flüge annuliert, die Kollegen nicht mehr gebraucht und in Kurzarbeit geschickt.

Dass ich an diesem Morgen im April nach zwei Wochen wieder einmal arbeiten durfte, verdankte ich der Tatsache, dass ich außer meiner Tätigkeit am Check-in im Büro die Zeitdaten meiner Kollegen bearbeite.

Wie komme ich jetzt ins Büro?

Dass es links neben dem Rolltor zwei Türen gab, durch die ich gehen durfte ohne einen Alarm auszulösen, musste mir erst mal jemand erklären. Der Anblick der leeren Halle C ohne Licht und Menschen und Koffer war ein Schock, zudem war es merklich kühler als sonst. Fotoserien über verlassene Orte, die die Natur sich zurückgeholt hat, erschienen vor meinem geistigen Auge.

Schnell stellte sich heraus, dass das mit dem Bearbeiten der Zeitdaten so eine Sache war. Da am Flughafen niemals auch nur irgendjemand mit Kurzarbeit gerechnet hatte, musste SAP erst einmal durch ein entsprechendes Programm erweitert werden. Es dauerte also, bis meine Kollegin und ich loslegen konnten.

© Privat, Andreas Sebayang Lesen Sie auch: Gähnende Leere rund um den Frankfurter Flughafen Reportage

Morgenrot als Artefakt

Die ganzen Jahre war das Büro unserer Schichtleiter 24 Stunden besetzt, entsprechend brannte rund um die Uhr Licht. Jetzt war es meistens leer, wenn ich kam und mich zu meinen paar Zeitdatendiensten melden wollte; das Licht ausgeschaltet. Einzige Zeugin meiner Anwesenheit war die Stechuhr.

Doch eines Morgens sah ich Licht im Büro. Voller Vorfreude auf einen Vorgesetzten drückte ich die Türklinke herunter, musste aber enttäuscht feststellen, dass die Tür doch abgeschlossen war. Das Licht war lediglich das Morgenrot über Frankfurt. "Scheiß Artefakte", dachte ich und nahm der Natur ihre Schönheit aus tiefster Seele übel.

Im Rahmen seiner mehrteiligen Dokumentation über den Frankfurter Flughafen, "Mittendrin", strahlte das hessische Fernsehen aus Anlass der Coronakrise einige Sondersendungen aus. Im geschlossenen Terminal 2 brach die interviewte Terminal Duty Managerin vor laufender Kamera in Tränen aus, rang um Fassung, bis sie wieder sprechen konnte. Ich fühlte mit ihr. Nur was soll man tun?

Mit dem Ferienflieger nach Funchal

Meine Chefin kam im Zeitdatenbüro vorbei. "Gestern bin ich zum ersten Mal mit dem Ferienflieger geflogen, in einer Boeing 757 von Stuttgart nach Funchal", erzählte ich, "und morgen werde ich vielleicht mit einer Boeing 767 von Frankfurt nach Mauritius fliegen."

Der Gesichtsausdruck meiner Chefin war ebenso verblüfft wie belustigt. "Eine Dokumentation dieses Fluges aus Sicht des Cockpits habe ich gestern als Film auf Youtube geschaut", erklärte ich. "Ach so", sagte sie erleichtert und gestand mir, dass sie ebenso ab und zu Landungen von Flugzeugen guckt.

In diesem Büro begannen sich auch die zurückgegebenen Uniformen zu türmen. Von etlichen Kolleginnen und Kollegen konnten die befristeten Verträge nicht verlängert werden. Nicht, weil sie es fachlich nicht draufhatten, sondern, weil ihre Verträge zum falschen Zeitpunkt ausliefen.

Am Check-in war ich sehr aufgeregt

Anfang Juli saß ich dann nach dreieinhalb Monaten Coronazwangspause zum ersten Mal wieder am Check-in. Es fühlte sich merkwürdig an, fremd. Das lag nicht nur an der Plexiglasscheibe an meinem Schalter und daran, dass die Shortcuts für die Eingaben beim Check-in nur zögerlich aus den Tiefen meines Gedächtnisses auftauchten.

Dadurch, dass die Gäste Mund-Nase-Bedeckungen trugen, waren viele von ihnen schwieriger zu verstehen. Das machte es nicht leichter, der Verpflichtung nachzukommen, E-Mail-Adressen oder Telefonnummern für eine mögliche spätere Kontaktaufnahme wegen Corona abzufragen und ins System einzugeben.

Am ersten Tag fühlte ich mich auch zutiefst verunsichert wegen der Einreisebestimmungen. In Timatic, der Online-Bibel aller Einreisebestimmungen, stand nicht drin, für welches Land die Gäste auf welcher Regierungsseite registriert sein mussten.

© Adobe Stock, Corona Borealis; Privat, Lesen Sie auch: Die Corona-Party findet nicht im Flugzeug statt Die Born-Ansage (143)

Am nächsten Tag war die Anspannung weitgehend von mir abgefallen. Es war schön, wieder mit den Gästen zu lachen und zu scherzen, auch wenn auf beiden Seiten eine noch eher gedämpfte und demütige Grundstimmung vorherrschte. Die Gäste waren mehrheitlich diszipliniert, was das Tragen der Masken und das Einhalten der Abstandsregeln betraf.

"Hoffentlich verhalten sie sich genau so auch an ihren Urlaubsorten", dachte ich während der ersten Tage besorgt, nur um wenige Tage später in der Zeitung lesen zu müssen, dass es auf Palma de Mallorca wilde Partyexzesse ohne Masken und Abstand geben hatte.

Die Flugpäne der verschiedenen Gesellschaften sind nach wie vor reduziert. Dennoch zeigt sich während der Sommerferien, dass das Bedürfnis der Menschen, an entfernte Orte zu fliegen, der Angst zum Trotz ungebrochen ist. Vor allem die Flüge nach Griechenland und Spanien sind mehrheitlich ausgebucht. Dann sind die Schlangen im Lining lang, und es fühlt sich beinahe normal an, so, wie vor Corona. Wenn da nur nicht die Desinfektionsmittelspender, Plexiglasscheiben, Mund-Nasebedeckungen, QR-Codes und ein vollkommen unsichtbares Virus wären.

Von: Ines Schaub Jetzt Gastautor werden

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