Hintergrund Mit diesen Problemen kämpft Airbus' "Kassenschlager"

100 A320-Jets warten laut Airbus halbfertig auf ihre Auslieferung. Denn die Triebwerke der Neos machen seit Monaten Probleme. Trotzdem hält sich der Flugzeugbauer mit Kritik zurück - Experten sind überrascht.

A320neo von Airbus: Große Probleme mit den Triebwerken. © AirTeamImages.com / Steve Flint

Die Auslieferung von 100 A320-Mittelstreckenjets von Airbus verzögert sich seit Monaten wegen Triebwerksproblemen. Dies sagte der Chef der Airbus-Flugzeugsparte, Guillaume Faury. Eigentlich will Airbus pro Monat 50 Maschinen der A320-Familie ausliefern.

Im kommenden Jahr soll die Zahl auf 60 und langfristig laut Faury sogar auf bis zu 75 monatliche Flugzeugauslieferungen steigen. Faury wird als Nachfolger für den scheidenden Konzernchef Tom Enders gehandelt.

Allerdings muss Airbus diesen Produktionshochlauf vorsichtig gestalten. Denn viele Zulieferer von Einzelteilen haben nur einen einzigen Kunden: Airbus. Das Aufstocken der A320-Produktion würde bei ihnen Investitionen bedeuten, die wohl durchdacht sein müssen.

"Der Konzern spielt Tetris"

Die aktuellen Maschinen - "Glider" genannt - würden laut eines Branchenkenners bei Airbus geparkt. Und dabei komme durchaus Fantasie zum Einsatz: "Der Konzern spielt auf den Stellflächen Tetris. Überall, wo noch ein bisschen Platz ist, wird ein halbfertiges Flugzeug hingeschoben", berichtet er im Gespräch mit airliners.de.

Fertigungslinie

Das Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder ist der wichtigste Standort für die A320-Produktion vor Toulouse, Tianjin (China) und Mobile (USA). Jüngst hat der Flugzeugbauer in der Hansestadt eine vierte A320-Montagelinie in Betrieb genommen. Diese soll mit zwei Robotoren zum Vorreiter für die Produktion in anderen Werken werden, so Airbus. Auch verfügt die vierte Linie über mobile Plattformen, auf denen die einzelnen Flugzeugteile automatisiert durch den Hallentrakt bewegt werden können. Lasertechnik soll die Endmontage zusätzlich noch weiter präzisieren.

© Airbus, Lesen Sie auch: Hamburg bekommt weitere A320-Fertigungslinie

Ein anderer Manager eines Zulieferers bezweifelt, dass lediglich 100 Maschinen auf ihre Auslieferung warten: "In Tolouse sollen allein 120 bis 150 Flugzeuge stehen. Da sind ja ohnehin schon die A320-Flugzeuge, die eine große Golf-Airline wegen der Motorenprobleme nicht wollte." Nicht zuletzt sei dort vor den A380-Hallen noch ausreichend Stellfläche für weitere Jets.

Probleme mit den Triebwerken

"Halbfertig" sind die Neo-Flugzeuge, weil ihre Motoren noch fehlen. Antriebe werden für die Neo-Jets von zwei Herstellern verwendet: Zum einen kommen Triebwerke von Pratt & Whitney zum Einsatz, zum anderen werden die Leap-Motoren von General Electric verbaut.

Der Triebwerksbauer Pratt & Whitney kämpft bei dem Projekt, an dem auch die Münchner MTU beteiligt sind, schon länger mit Problemen. Erst machte Hitze den Turbinen zu schaffen, dann gab es Softwareprobleme und nun löst eine Dichtung Ausfälle bei den Starts aus.

Keine längeren Flüge über Wasser

Flugaufsichtsbehörden sprachen für mehrere Dutzend Flugzeuge mit P&W-Motoren Verbote aus. Jets, die nur auf einer Seite die fehlerhafte Turbinendichtung verbaut bekommen hatten, durften zwar fliegen, aber keine längeren Strecken über Wasser zurücklegen. Airbus stoppte die Auslieferung fertiger A320-Flugzeuge daraufhin ganz.

Doch der Chef des A320-Programm, Klaus Roewe, sagte kürzlich der Nachrichtenagentur "Bloomberg", dass man kurz davor stehe, das Problem zu lösen. Man warte noch auf die Freigabe der Aufsichtsbehörden, sei aber optimistisch, dass diese "sehr bald" kommen werde. Dann könne man neue Dichtungen verbauen.

Airbus plant, die Flugzeuge Ende des Jahres ausliefern zu können - denn dann stünden wieder ausreichend Triebwerke zur Verfügung. Diesen Weg ist man laut eines Sprechers bereits Ende vergangenen Jahres gegangen. So konnten im Dezember 127 A320-Jets ausgeliefert werden - Monatsrekord.

Experten über Zurückhaltung erstaunt

Eines überrascht aber: Airbus ist für seine Verhältnisse aktuell ziemlich zurückhaltend mit Schuldzuweisungen, sagt ein Experte, der ungenannt bleiben möchte. "Gerade im Fall von Zulieferern war man in der Vergangenheit nicht zimperlich."

So hatte Airbus Zulieferer Zodiac längere Zeit für Neuaufträge "intern auf eine schwarze Liste gesetzt". Denn: Zodiac kaufte vor einigen Jahren viele kleine Zulieferer im Interior-Bereich zu, doch diese wurden nicht integriert.

"Es entstand ein aufgeblähter Konzern, der bei seinen Allround-Produkten keine gute Qualität ablieferte. Da wurden Airbus einige dicke Eier ins Nest gelegt." Damals sei nicht mit öffentlicher Kritik gespart worden. "Nun ist man ruhig - gibt es einen Nichtangriffspakt?"

"Brot- und Butter-Flugzeuge" von Airbus

Die Jets der A320-Familie sind mit rund 14.000 festen Bestellungen und knapp 8000 Auslieferungen seit Produktionsstart 1987 zum Kassenschlager von Airbus avanciert, so Experten. Die Maschinen werden unter Experten auch gern als "Brot- und Butter-Flugzeuge" des Konzerns bezeichnet.

A320-Neubestellungen
Bestellte Maschinen der A320-Familie
2008 559
2009 228
2010 452
2011 1470
2012 783
2013 1253
2014 1545
2015 1015
2016 790
2017 1160

Stichtag ist jeweils ist der 31. Dezember. Quelle: Airbus

Die A320-Familie besteht aus den Modellen A318, A319, A320 und A321, die unterschiedlich lang sind. Für die Modelle A319, A320 und A321 bietet Airbus seit einigen Jahren die Variante neo an, die mit hochgebogenen Flügelspitzen (Winglets) und den neuen Triebwerken der beiden Hersteller den Airlines hilft, rund 15 Prozent Kraftstoff zu sparen.

Von: cs

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