Deutschland soll Vorreiter für klimaverträgliches Fliegen werden

Bundeskanzlerin Angela Merkel betont bei der ersten Nationalen Luftfahrtkonferenz die Bedeutung der Luftfahrt und lobt die Anstrengungen der Branche beim Klimaschutz. Gleichzeitig will sie mehr Innovationen in Deutschland.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) © dpa / Ralf Hirschberger

Die Bundesregierung stärkt der deutschen Luftverkehrsindustrie auf der ersten Nationalen Luftfahrtkonferenz vor dem Hintergrund der Klimadiskussion demonstrativ den Rücken. Es gebe zunehmende Kritik gerade an der Frage des Flugverkehrs, stellt die Regierungschefin in Zeiten von "Fridays for Future" fest. "Umso wichtiger ist es, dass die Branche zeigen kann, dass Wachstum nicht immer mit mehr Wachstum klimaschädlicherer Emissionen verbunden ist." Es müsse eine Entkopplung erreicht werden.

Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kamen unter anderem Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sowie der Luftfahrtbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Jarzombek (CDU), zu dem großen Branchentreff am Flughafen Leipzig/Halle.

Die Bundeskanzlerin kündigte an, Deutschland zu einem führenden Standort für klimaverträgliches Fliegen zu machen. "Wir glauben, dass neue Technologien für Klimaschutz für Deutschland auch eine wirtschaftliche Chance sind." Der Luftverkehr sei in einer entscheidenden Phase für Zukunftstechnologien, so die Kanzlerin.

Verkehrsminister Scheuer hatte sich auf der Konferenz zuvor für eine gezielte Nutzung der Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer für die Forschung zu neuen Luftfahrttechnologien ausgesprochen. Auch der Luftfahrtbeauftragte Jarzombek aus dem Wirtschaftsministerium hatte die Vorschläge für eine Zweckbindung der jährlich über eine Milliarde Euro zur Klimaforschung im Luftverkehr begrüßt.

Luftfahrtforschung soll gestärkt werden

Um die Potenziale zu heben, müsse allerdings die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Luftfahrtstandortes Deutschland gestärkt werden. "Dazu müssen Bund, Länder und Unternehmen eng zusammenarbeiten", betonte die Bundeskanzlerin. Die Forschungen für eine elektrische Luftfahrt seien bemerkenswert, so die Kanzlerin: "Wir freuen uns, dass das elektrische Fliegen Fortschritte macht, wie die DO228 des DLR zeigt." Mit der zweimotorigen Maschine will das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt verschiedene alternative Antriebe testen.

Wichtigstes Problem bei der Batterieforschung: Bei vergleichbarer Energie wird derzeit das 70-fache Gewicht und Volumen von Kerosin benötigt - Platz, der in keinem Verkehrsflugzeug vorhanden ist. "Auf der Langstrecke können wir langfristig nicht auf Kohlenwasserstoffe verzichten", sagt daher der Airbus-Manager und Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, Klaus Richter.

Merkel kündigt Power-to-Liquid und Wasserstoff-Forschungen an

Wo heute noch fossiles Kerosin verbrannt wird, könnte bald aber auch synthetischer Kraftstoff eingesetzt werden, produziert mit grünem Strom durch Wasserstoff-Dialyse. Die CO2-neutralen Treibstoffe sind längst erprobt und genehmigt. Das Problem: Bislang stehen selbst im weltweiten Rahmen nur geringste Mengen des klimaneutralen Treibstoffs zu noch sehr hohen Preisen zur Verfügung.

"Wir wollen technologieoffen an die Dinge herangehen", sagte Merkel. Grundsätzlich lege die Bundesregierung bei der Luftfahrt der Zukunft einen Schwerpunkt auf Effizienz und Nachhaltigkeit. Schwerpunkt der Bundesregierung sei aber die Erforschung von Bio-Kerosin im Power-to-Liquid-Verfahren. Der klimaneutrale Treibstoff würde durch die Skalierung wirtschaftlich werden. Merkel kündigte außerdem an, bis Ende des Jahres eine nationale Wasserstoffstrategie zu beschließen. Die Potenziale für Luftfahrt seien in diesem Bereich längst nicht erschlossen.

© Boeing, Lesen Sie auch: Synthetische Treibstoffe sollen Klimabilanz der Luftfahrt retten

Derweil mahnt Manfred Aigner, Direktor des DLR-Instituts für Verbrennungstechnik, zur Geduld: "Für eine industrielle Produktion von vielen Tonnen klimaneutralen Kerosins wird es sicher noch zehn Jahre dauern", sagte er in Leipzig.

Das DLR hatte gerade angekündigt, sieben neue Institute zu gründen, die unter anderem mit der Erforschung von neuen Luftfahrttechnologien und der Dekarbonisierung von Industrieprozessen beschäftigen. Finanziert werden die Neugründungen von der Bundesregierung und den jeweiligen Bundesländern. Die Bundesregierung wird dafür 63,4 Millionen Euro pro Jahr aufwenden.

Für den Übergang würdigte Merkel die Anstrengungen der Branche in Sachen Klimaschutz und nannte Explizit das internationale UN-Programm Corsia. "Mit der Selbstverpflichtung zu Corsia hat sich die Luftfahrt wichtige Ziele gesetzt", sagte sie. Nun wolle man eine ambitionierte Gestaltung des Instruments erreichen. Die künftige Rolle des EU-Emissionshandel für Luftfahrt müssen man vor diesem Hintergrund noch klären.

Merkel: Keine erzwungenen Einschränkungen der Mobilität

Merkel verwies auf 850.000 Arbeitsplätze und die Bedeutung des Sektors für die Exportnation. Weltweite Kooperation sei für die Luftfahrt tägliches Selbstverständnis. "Der Wert der Luft-Exporte nach außerhalb der EU beläuft sich auf ein Viertel der Gesamtexporte", so die Kanzlerin. Exportnationen wie Deutschland würden deshalb besonders von der Luftfahrt profitieren. "Wir wollen keine erzwungenen Einschränkungen unserer Mobilität, wir wollen Fortschritt und Effizienz", sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Rede.

Mit Blick auf die Region Leipzig und die Ankündigung, dass wieder Flugzeuge am Standort gebaut werden sollen, sagte Merkel: "Ich freue mich über die D328Neu. Für die Region ist das ein weiterer Puzzle-Stein zum Strukturwandel."

In Sachsen stehen am ersten Oktober Landtagswahlen an, bei denen sich die CDU und die AFD in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Die Kanzlerin und ihre Minister haben also nicht nur ein wirtschaftspolitischer Interesse an einem großen Auftritt in Leipzig.

Von: dh, hr, mit dpa, AFP

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