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Ver­suchs­platt­form Tragschrauber © DLR

Auf den ersten Blick sieht der Alaady Demonstrator eher wie etwas aus, mit dem Karlsson vom Dach in den Urlaub fliegen würde. Tatsächlich verbirgt sich in dem Prototypen der unbemannten Frachtdrohne jede Menge Pioniergeist und Spitzentechnologie. Alaady (kurz für "Automated Low Altitude Air Delivery", etwa "automatisierte Luftfracht aus niedriger Höhe") ist das fliegende Versuchskaninchen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Am Nationalen Erprobungszentrum für Unbemannte Luftfahrtsysteme in Cochstedt (Salzlandkreis) soll es fliegen lernen - und zwar autonom, gesteuert von einer Künstlichen Intelligenz.

Der umgebaute Tragschrauber muss keinen Schönheitspreis gewinnen. An Alaady will das DLR zeigen und erforschen, was mit unbemannter Luftfahrt möglich ist und welche Probleme davor noch gelöst werden müssen. Am vor drei Monaten eröffneten Drohnen-Testzentrum in Cochstedt können die Forscher ihren Prototypen nun ausprobieren.

Erste Versuche seien vielversprechend

Die ersten Flugversuche seien vielversprechend verlaufen, sagt der kommissarische Leiter des Testzentrums, Daniel Sülberg. Vor allem Start und Landung würden aber noch Probleme machen. Auf dem Forschungsplan stehen außerdem Fragen der Reichweite, der Kommunikation und der Intervention von Menschen im Notfall. So will das DLR unter anderem Systeme entwickeln, die verhindern sollen, dass sich selbstständige Flugsysteme verselbstständigen.

Die Bedingungen in Cochstedt seien optimal, betont Sülberg. Der Flughafen liegt rund 35 Kilometer entfernt von Magdeburg in dünn besiedeltem Gebiet. Vor allem haben es die unbemannten Fluggeräte aber für sich allein: "Es gibt international einige Erprobungszentren, die an Flughäfen angeschlossen sind", sagt Sülberg. Ein Flughafen mit dem expliziten Ziel der Erprobung unbemannter Luftfahrtsysteme, quasi ein reiner Drohnen-Flughafen, sei aber "ziemlich einzigartig", sagt Sülberg.

Kampagne mit NASA geplant

Selbst die Nasa habe ihn darum beneidet, als er das Konzept für Cochstedt auf einer Reise in die USA vorgestellt habe, berichtet Sülberg. "Wir versuchen aktuell daher auch die Kollegen der Nasa für eine gemeinsame Kampagne nach Cochstedt zu holen." Das sei wegen der Corona-Krise leider etwas ins Hintertreffen geraten.

Frachtdrone ALAADy © DLR

2016 war der zweite Versuch gescheitert, den früheren sowjetischen Militärflughafen als Flughafen für Billig-Airlines zu etablieren. Drei Jahre später übernahm das DLR die Anlage, baute das frühere Terminal und den früheren Tower in Forschungs- und Büroräume um. Ende März nahm das Testzentrum den Betrieb auf. Auf 110 Hektar erstreckt sich das Flughafengelände - für die Tests steht den Drohnen-Forschern sogar ein Gebiet von rund vier mal zehn Kilometern zur Verfügung.

Noch testeten erst eine Handvoll Teams in Cochstedt. Das DLR rechnet in den kommenden Jahren aber mit einer steigenden Nachfrage, denn der Drohnen-Markt wächst. Zwar sieht der Verband Unbemannte Luftfahrt den Höhepunkt der Hobby-Drohnen, die derzeit noch 90 Prozent aller Drohnen in Deutschland ausmachen, schon überschritten. Kommerzielle Drohnen-Nutzung boomt dafür, wie eine Studie des Verbands zeigt.

Keine Exklusivität für das DLR

Demnach hat sich die Zahl kommerziell genutzter Drohnen seit 2019 mehr als verdoppelt und könnte das in den nächsten zwei bis drei Jahren erneut. Mit einem Jahresumsatz von derzeit 840 Millionen Euro hat Deutschland demnach den viertgrößten Drohnen-Markt der Welt, nach den USA, China und Japan. Knapp 400 Unternehmen in Deutschland beschäftigen sich laut der Studie mit den unbemannten Fliegern, die meisten davon junge Unternehmen mit kleinen Teams.

Auch ihnen soll Cochstedt helfen, in der Branche Fuß zu fassen. Sie können sich auf dem Testzentrum einmieten, Büros beziehen, an ihren Drohnen herumschrauben und sie unter Realbedingungen testen. Neben Alaady steht derzeit etwa die Testdrohne einer niederländischen NGO, die Hilfsgüter ferngesteuert über Krisenregionen abwerfen soll. Das Forschungszentrum ist als Co-Working-Space konzipiert. Und auch das DLR-Personal versprüht Start-Up-Atmosphäre.

Sülberg leitet das Testzentrum nicht in Kittel und Klemmbrett, sondern in Jeans, offenem Hemd und Surfer-Frisur. Der Chef ist erst 35 und damit so alt wie die meisten seines bisher 17-köpfigen Teams. Bewegt wird sich auf dem Gelände per Fahrrad, Betriebskatze Minka sorgt für Zerstreuung, man duzt sich. Viele der jungen Mitarbeiter kommen aus der Region, dem Salzlandkreis, der vor dem Testzentrum keine Jobs in der Spitzenforschung bieten konnte. Genau das verspricht sich auch das Land, das in den kommenden Jahren rund 15 Millionen Euro in Cochstedt investiert von dem Prestigeprojekt: Hochqualifizierte Arbeitsplätze am Testzentrum, dessen Infrastruktur noch weitere Firmen aus der Branche in die Region locken soll.

Gefragt sind in Cochstedt längst nicht nur Ingenieure und Physiker, die Einrichtung ist ausdrücklich auf interdisziplinäres Arbeiten ausgelegt. "Bei Philosophen sind wir zwar noch nicht angekommen", sagt Sülberg schmunzelnd. "Aber es muss nicht jeder, der hier anfängt ein super Drohnen-Experte sein. Es kommt vor allem auf die Fähigkeit zum vernetzten Denken an." Bei der Erforschung der Lärmbelästigung durch regelmäßigen Drohnenverkehr in Städten werde man etwa auch mit Städteplanern und Materialforschern zusammenarbeiten. Dazu soll auf und neben dem Flughafen eine Modellstadt entstehen.

"Einige der Fragen, denen wir uns hier widmen, hatten wir vorher gar nicht so direkt auf dem Schirm" so Sülberg. Als man mit den örtlichen Behörden etwa klären wollte, ob die Versuchsdrohnen auch über ein Naturschutzgebiet in der Nähe fliegen dürfen, wurde klar, dass in Behörden über die Auswirkungen von Drohnen auf Naturschutzgebiete, etwa das Brut- oder Jagdverhalten von Vögeln, kaum etwas bekannt ist. Schon war die nächste Forschungsfrage aufgeworfen, ihr soll nun mit Hilfe von Biologen nachgegangen werden. Welche Professionen er noch in seinem Team braucht, kann Sülberg aber auch drei Monate nach dem Start des Forschungszentrums nicht sagen.

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