Analyse Lufthansa Group bezahlt 80 Millionen Euro im Emissionshandel

Exklusiv

Knapp 100 Millionen Euro mussten die Fluggesellschaften in Deutschland im vergangenen Jahr für Zertifikate im EU-Emissionshandel ausgeben. Den Löwenanteil trägt der Lufthansa Konzern - vor allem wegen Eurowings. Die Zertifikate von Air Berlin verfallen – während die Preise stark steigen. Ein Überblick.

Leitwerke von verschiedenen Lufthansa-Airlines. © Lufthansa Group

Die Lufthansa Group hat im vergangenen Jahr rund 80 Millionen Euro für Zertifikate im Rahmen des europäischen Emissionshandel EU ETS bezahlt. Das geht aus den Ausweisungen der EU für den Berichtszeitraum 2018 hervor, den airliners.de analysiert hat.

Dabei musste der deutsche Airline-Konzern nicht nur in Deutschland für die Emissionen seiner Fluggesellschaften bezahlen. Für Brussels Airlines meldet die Gruppe nach Belgien, Austrian Airlines ist in Österreich gelistet und Air Dolomiti in Italien.

Neben der Lufthansa selbst werden Lufthansa Cargo, Eurowings und Germanwings in Deutschland verrechnet. Dasselbe gilt für Sun Express Deutschland und auch die türkische Sun Express, die ihre innereuropäischen Emissionen ebenfalls bei der deutschen Emissionshandelsstelle DEHSt meldet.

Zertifikatzukäufe in der Lufthansa Group
Betreiber (Register) Zertifikate davon Zukauf Kosten in Mio. Euro
Eurowings (DE) 2.385.511 2.385.511 35,78
Lufthansa (DE) 4.350.902 2.223.242 33,35
Brussels Airlines (BE) 780.508 501.083 7,52
Austrian Airlines (AT) 874.529 461.954 6,93
Air Dolomiti (IT) 94.914 91.472 1,37
Sun Express Deutschland (DE) 70.369 33.497 0,50
Edelweiss (ES) 66 -84 0,00
Sun Express (Türkei) (DE) 658 -903 -0,01
Lufthansa Cargo (DE) 1.137 -10.641 -0,16
Swiss (GB) 250 -14.824 -0,22
Germanwings (DE) 11.906 -366.512 -5,50
Summe 8.570.750 5.303.797 79,56
Die Zertifikatzukäufe der Lufthansa-Group-Airlines im Rahmen des EU-Emissionshandels und die Kosten dafür bei einem Durchschnittspreis von 15 Euro pro Zertifikat im Berichtszeitraum 2018. Ohne eventuelle Zukäufe aus EUAA-Versteigerungen. Quelle: EU-ETS, EXX

Die schweizerischen Beteiligungen – jeweils nur für ihre inner-EU-Flüge vom Emissionshandel erfasst – sind dagegen in den Ländern ihres größten innereuropäischen Flugangebots im Erhebungszeitraum 2005 meldepflichtig. Für Swiss ist das Großbritannien und Edelweiss wird in Spanien geführt.

Fluggesellschaften in Deutschland zahlen fast 100 Millionen Euro

Aus demselben Grund sind derweil auch etliche Airlines aus Drittländern für den Emissionshandel ihrer innereuropäischen Flüge in Deutschland gelistet. Das betrifft vorwiegend asiatische Airlines, viele davon aus dem Bereich Luftfracht.

Von den insgesamt rund 97 Millionen Euro, die in Deutschland gelistete Fluggesellschaften im vergangenen Jahr nach airliners.de-Berechnungen für den EU-ETS bezahlt haben, kommt aber nur ein Bruchteil von den Drittland-Fluggesellschaften. Gerade einmal knapp eine Million Euro mussten die ausländischen Airlines in Deutschland für ihre innereuropäische Emissionen aufbringen.

Auf in Deutschland registrierte Fluggesellschaften entfielen derweil rund 80 Millionen Euro für den Zukauf an den Handelsplattformen für Emissionszertifikate. Hinzu kommen weitere 16,3 Millionen Euro für die Versteigerungen der nicht kostenlos zugeteilten EU-Luftverkehrszertifikate (EUAA) am Spot-Markt der Europäischen Energiebörse EEX (European Energy Exchange) in Leipzig.

Fracht-, Ferien- und Bedarfsfluggesellschaften zahlen hohe Summen

Neben den fünf deutschen Fluggesellschaften des Lufthansa-Konzerns müssen in Deutschland zwölf weitere Fluggesellschaften deutscher Betreiber für ihre Emissionen bezahlen. Die größten Zukäufe außerhalb der Lufthansa-Gruppe fielen dabei in Deutschland im vergangenen Jahr bei der Leipziger DHL-Fluggesellschaft European Air Transport an, die rund acht Millionen Euro bezahlte, gefolgt von Condor mit vier Millionen sowie Tuifly mit zwei Millionen Euro.

Auffällig sind auch die relativ hohen Zahlungen aus der allgemeinen Luftfahrt. Air Hamburg allein musste den Berechnungen zufolge rund eine halbe Million Euro für den EU-ETS bezahlen, DC-Aviation, der Volkswagen Airservice sowie die Privatjet-Flotten von Würth und Bosch kommen auf jeweils fünf- bis sechsstellige Euro-Summen.

Zertifikatzukäufe in Deutschland
Betreiber Zertifikate Anteil Zukauf Kosten in Mio. Euro
Deutsche Lufthansa 4.350.902 51% 33,35
Eurowings 2.385.511 100% 35,78
European Air Transport Leipzig 894.940 60% 8,08
Diverse via EUAA-Auktionen* 800.000 100% 16,3
Condor 468.397 56% 3,94
Tuifly 338.087 36% 1,82
Sun Express Deutschland 70.369 100% 1,06
AeroLogic 38.529 63% 0,36
Air Hamburg 31.505 100% 0,47
Korean Air 26.671 25% 0,10
Air Bridge Cargo 25.952 92% 0,36
Atlas Air 20.275 76% 0,23
Volga Dnjepr Airlines 18.092 -2% 0,00
Asiana Airlines 16.950 41% 0,11
Germanwings 11.906 -3078% -5,50
MNG Airlines 11.735 82% 0,15
DC Aviation 7.668 94% 0,11
Volkswagen AirService 6.763 93% 0,09
Silk Way West Airlines 5.958 70% 0,06
Azur Air 4.347 100% 0,07
Adolf Würth 3.808 97% 0,06
Air China Cargo 2.953 -196% -0,09
Robert Bosch 2.948 97% 0,04
SkyWork 2.696 97% 0,04
Iraqi Airways 2.585 100% 0,04
Freebird Airline 2.313 74% 0,03
SAP 1.459 98% 0,02
Urwantschky 1.326 98% 0,02
Lufthansa Cargo 1.137 -936% -0,16
BASF-Luftverkehr 1.062 96% 0,02
Pegasus 922 -42% -0,01
Iran Air 773 -319% -0,04
Sun Express 658 -137% -0,01
Aeroflot 376 25% 0,00
Parc Aviation 320 101% 0,00
Montenegro Airlines 253 78% 0,00
Fancourt Flugcharter 230 99% 0,00
Air Moldova 217 -377% -0,01
SDM 204 71% 0,00
Pentastar Aviation 190 96% 0,00
Atlasjet Airlines 167 -1% 0,00
Ural Airlines 82 39% 0,00
Air Astana 32 106% 0,00
Siberia Airlines 31 106% 0,00
Ball Corporation 24 96% 0,00
Summe 8.761.299 61% 96,89
Die Zertifikatzukäufe der im deutschen Emissionshandelsregister geführten Flugzeugbetreiber und die Kosten dafür bei einem Durchschnittspreis von 15 Euro pro Zertifikat im Berichtszeitraum 2018, *) Versteigerung EUAA-Zertifikate im Oktober 2018 zum Preis von 20,38 Euro pro Zertifikat. Quelle: EU-ETS, EXX

Eurowings muss am meisten zukaufen

Die Kosten, die einzelne Fluggesellschaften für den Zukauf von Emissionszertifikaten zu stemmen haben, sind dabei nicht gleich. Das liegt an den unterschiedlichen Zuteilungen an kostenlosen Zertifikaten, die die EU auf Basis eines Referenzzeitraums vor 15 Jahren festgelegt hat.

So muss etwa der Lufthansa-Konzern aktuell für Eurowings fast genauso viele Zertifikate zukaufen wie für die Lufthansa Passage-Airline, obwohl der Billigflieger nur halb so viele innereuropäische Emissionen verursacht. Das liegt daran, dass es Eurowings im EU-Erhebungszeitraum für die Verteilung der kostenlosen Zertifikate noch nicht gab.

© Adobe Stock 186565804, alfexe Lesen Sie auch: So bezahlen die Fluggesellschaften für den EU-Emissionshandel Hintergrund

Gleichzeitig kann die Lufthansa Gruppe aber auch nicht gebrauchte Zertifikate der heute deutlich kleineren Germanwings verkaufen. Das ist aber schon fast ein Sonderfall im Emissionshandel – in der Regel zahlen nämlich alle Airlines drauf, was dem Wachstum im Vergleich zum Referenzzeitraum 2004 bis 2006 geschuldet ist.

Ein weiterer Sonderfall in der Lufthansa-Group ist Sun Express Deutschland. Die Fluggesellschaft war zwar im Referenzzeitraum noch nicht aktiv, flog aber bereits lange, als der Emissionshandel der EU durch die erheblichen politischen Verwerfungen auf internationaler Bühne 2014 verspätet und rückwirkend ab 2012 in Kraft trat. Für diese Airlines gab es ein kleineres Kontingent nachträglich umsonst.

Air-Berlin-Zertifikate verfallen, Preise steigen

Aber der Anteil kostenlos zugeteilter Airline-Zertifikate sinkt auch aus einem anderen Grund. Gehen Fluggesellschaften pleite, werden ihre kostenlosen Zertifikate nämlich nicht versteigert. Stattdessen werden Sie aus dem Markt genommen und verfallen. In Deutschland war das im vergangenen Jahr nach den Insolvenzen von Air Berlin und der Germania besonders zu merken. Insgesamt knapp 1,7 Millionen Zertifikate im Marktwert von rund 25 Millionen Euro stehen der Branche nun nicht mehr kostenlos zur Verfügung.

Aber die Kosten für die Fluggesellschaften im EU-ETS werden auch aus anderen Gründen weiter steigen. So steigen die Preise für Emissionshandelszertifikate seit einiger Zeit rasant an. Lag der Preis im vergangenen Jahr noch im Mittel bei 15 Euro pro Tonne, ist der Preis aktuell fast zehn Euro teurer. In der Folge rechnen Beobachter für die teilnehmenden Airlines für das laufende Jahr mit einer Verdopplung der Kosten.

Das gilt für alle Betreiber im Handelssystem. Insgesamt sind die in Deutschland gelisteten Fluggesellschaften für rund 13 Prozent der Airline-Emissionen im EU-ETS verantwortlich. Jeweils rund 20 Prozent der Emissionen werden in Großbritannien und Irland verwaltet.

Emissionen und Zertifikatzukäufe im EU-ETS
Land Emissionen in Mio. Tonnen Kosten für Zukäufe in Mio. Euro
Großbritannien 12.91 124.53
Irland 12.42 126.03
Deutschland 8.76 96.34
Spanien 4.70 43.62
Frankreich 3.96 37.77
Niederlande 2.84 27.45
Schweden 2.79 24.56
Ungarn 2.33 26.53
Italien 1.88 13.28
Norwegen 1.52 12.64
Portugal 1.50 16.76
Belgien 1.42 15.66
Griechenland 1.34 13.22
Österreich 1.28 14.48
Finnland 1.17 11.96
Rumänien 0.92 10.21
Island 0.82 7.61
Dänemark 0.55 4.44
Tschechien 0.51 3.45
Lettland 0.37 3.33
Malta 0.33 2.93
Luxemburg 0.26 3.00
Polen 0.26 1.96
Kroatien 0.17 1.65
Bulgarien 0.14 1.27
Slovenien 0.10 1.02
Slovakei 0.01 0.04
Zypern 0.01 0.17
Estland 0.00 0.00
Littauen 0.00 0.00

Die Emissionen und die Kosten für Zertifikatzukäufe von Flugzeugbetreibern in den Emissionshandelsregistern im EU-ETS und die Kosten dafür bei einem Durchschnittspreis von 15 Euro pro Zertifikat im Berichtszeitraum 2018 sowie die Kosten aus den Versteigerungen der 15+3 Prozent der EUAA-Allowances je Land. Quelle: EU-ETS, EXX

Mit den Zahlungen für das Wachstum ihrer Emissionen werden die Fluggesellschaften daher mit immer höheren Zahlungen an den Kosten für den Abbau der Emissionen im gesamten Emissionshandelssystem beteiligt. Das funktioniert, indem sie durch Einsparungen überflüssige Zertifikate beispielsweise bei Kraftwerksbetreibern kaufen.

© dpa, Patrick Pleul Lesen Sie auch: So funktioniert der EU-Emissionshandel Hintergrund

Die Einnahmen aus den Versteigerungen der Luftverkehrszertifikate gehen derweil in einen Klimaschutz-Fond, aus dem Umweltprojekte in der ganzen Welt finanziert werden.

Von: dh

Lesen Sie jetzt
Themen
Emissionshandel Lufthansa Lufthansa Group Politik Rahmenbedingungen Umwelt Kapitalmarkt Wirtschaft Fluggesellschaften Exklusiv