Analyse Luftfahrtindustrie vor Kostensenkungen und Übernahmen

Die Luftfahrt-Zulieferindustrie stand schon vor Covid-19 unter Druck - jetzt steht sie vor den größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. Dennoch ergeben sich in der Krise auch Chancen, analysiert Bernhard Lietzmann.

Herstellung eines Bauteils aus CFK bei Spirit AeroSystems © Spirit AeroSystems

Die weltweiten Reisebeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie werden laut eines Forecasts der Iata allein im zweiten Quartal 2020 zu einem Liquiditätsverlust von 61 Milliarden Dollar führen. Bernhard Lietzmann analysiert, welche Auswirkungen die Krise auf die Fertigungs- und MRO-Lieferketten haben.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den freien Cashflow für die betroffenen Unternehmen sind enorm und spiegeln sich in der Unsicherheit der gesamten Lieferketten wider.

Aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen bei den Unternehmen wird es in den kommenden Wochen in der zivilen Luftfahrtindustrie zu herben Einschnitten kommen müssen – wann die Luftfahrthersteller einen signifikanten Solidaritätsbeitrag Ihrer Lieferanten einfordern, ist vermutlich nur eine Frage von Tagen oder maximal Wochen.

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Über den Autor

Bernhard Lietzmann ist Partner der Unternehmensberatung Ingenics AG und verantwortet den Bereich der Luft-und Raumfahrt. Seine Schwerpunkte sind Produktionsstrategien, Effizienzsteigerung Produktion und Administration sowie die Umsetzung der digitalen Transformation in der Praxis. Kontakt: contact@ingenics.com

Durch die jetzt bestehenden Überkapazitäten am Markt könnte es zu einem Ungleichgewicht zwischen Lieferanten kommen – mit den neuen Produktionsraten bei Boeing und Airbus muss die Frage nach der Aufteilung zwischen First/Second Source Suppliern gestellt werden – hier könnten nationale Interessen zu einer Verlagerung von Marktanteilen führen.

Zulieferindustrie stand schon vor Corona unter Druck

Für die Lieferanten, die durch die Einstellung der Produktion des A380 und die Verschiebung der Produktion und des Flugverbots für die Boeing 737 bereits unter Druck standen, ändert sich die Situation erneut deutlich.

Es erweist sich weiterhin als fatal, dass die Margen für die Zulieferer in der Luft- und Raumfahrttechnik und deren Zulieferer, besonders im Aerostructure-Umfeld vergleichsweise niedrig sind. Durch die fehlende Liquidität kann der Wiederanlauf zur Herausforderung werden – dieses ist bereits innerhalb der Boeing Supply Chain ersichtlich.

Auch die bis dato starke MRO-Branche (Maintenance, Repair and Operations) ist massiv von den globalen Einschränkungen betroffen. Firmen mit neuen Geschäftsmodellen, die beispielsweise auf der Bereitstellung von Services beruhen (etwa Verfügbarkeit im Triebwerksbereich) sind überproportional stark durch die Krise betroffen.

Wenn sich diese Situation in den nächsten Monaten im Hinblick auf eine Wiederaufnahme des Flugbetriebs nicht ändert und wir global bis Jahresende von einem restriktiven Szenario in der Luftfahrt ausgehen, wird ein höherer zweistelliger Prozentsatz der Zulieferer mit signifikanten Liquiditätsengpässen konfrontiert sein.

Shut-Down- und Stabilisierungsphase als Chance nutzen

Bei einer langsamen Rückkehr zum Flugbetrieb wird es für Fluggesellschaften darauf ankommen, einen passenden Flottenmix vorhalten zu können und gleichzeitig den Bedürfnissen der Passagiere in Bezug auf Sicherheit und Flexibilität in der Reiseplanung nachzukommen. Zudem werden Airlines eine Mitverantwortung tragen müssen in der Verhinderung eines regionalen Neuausbruchs der Pandemie.

Das Airbus-A220-Programm könnte somit zu einem Gewinner der Krise werden, da die Nachfrage nach Flugzeugen mit einer geringeren Kapazität gegenüber der Boeing 737 und der A320 steigen, während gleichzeitig die Nachfrage nach Großraumflugzeugen zurückgehen könnte. Hier gilt es die Supply Chain zu stärken und die Kosten des Gesamtprogramms deutlich zu senken, um das Flugzeugprogramm noch attraktiver für die Airlines zu machen.

Zulieferer, die heute einen signifikanten Portfolioanteil im militärischen Segment haben, könnten ebenfalls von der Krise profitieren – vorausgesetzt, dass die nationalen Investitionsprogramme den heimischen militärischen Markt berücksichtigen.

Phasenmodell für Covid-19 Krisenbewältigung Foto: © Ingenics AG

Die Absicherung der Liquidität und der Geschäftstätigkeit stehen jetzt im vollen Fokus der Unternehmen. Die Notwendigkeit eines integralen Ansatzes im Hinblick auf die Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette wird in der Krise sehr deutlich. Das nächste Kostensenkungsprogramm in den einzelnen Unternehmen ist bei einem großen Teil der Firmen in der Vorbereitung.

Die nächste Initiative zur Wertschöpfungskette muss sich neben der Krisenbewältigungs- und Wiederherstellungsstrategie auf strategische Kernthemen mit einer klaren Vision für einen kurz-, mittel- und langfristigen Ansatz konzentrieren:

  1. Geschäftsprozess-Reengineering in Administration und Produktion
  2. Industrial Performance Benchmark
  3. Führungsverhalten und Führungsentwicklung
  4. Arbeitskosten und Arbeitseffizienz
  5. Kosten und Qualität von Kaufteilen
  6. Synergieeffekte in Unternehmen und Merger & Acquisition Szenarien
  7. Digitalisierung und Erweiterung der Geschäftsmodelle auch in anderen Bereichen
  8. Transparenz und Prozessharmonisierung in der Lieferkette
  9. Produktionsstrategie/White-Book-Upgrade
  10. Aufbau und Neustrukturierung von Resilienzen gegen zukünftige Herausforderungen

Es ist jetzt für die Luftfahrt Branche unerlässlich, die Effizienz der Wertschöpfungskette zu verbessern, indem man sich auf die relevanten Aspekte der Unternehmenstransformation und des Endkundenwerts konzentriert.

Eine Restrukturierung der Tier-1 bis Tier-n-Zulieferer wird erforderlich werden – eine Beschleunigung der vertikalen Integration in den kommenden Monaten ist eine logische Konsequenz.

Ein aktiv gestaltetes Stakeholdermanagement zwischen Regierungen, Kunden und Lieferanten zur Strategieanpassung ist von der Firmenleitung gefordert – Anpassungen der Geschäftsmodelle sind zu evaluieren und durchzuführen.

Fokus auf stabile Geschäftsmodelle

Während das letzte Jahrzehnt vor allem durch eine kontinuierliche Steigerung der Produktionskapazitäten geprägt war, wird das nächste Jahr stark von der Stabilisierung und Justierung der Geschäftsmodelle geprägt sein - und von der Vorbereitung auf die nächsten Herausforderungen.

Die Cash Situation der Fluggesellschaften muss durch die gesamte Wertschöpfungskette unterstützt werden. Eine Fokussierung auf die Zuverlässigkeit der Flotte und eine Reduzierung der Durchlaufzeiten sind durch die Partner der Fluggesellschaften beeinflussbar.

Eine weitere Frage besteht darin, mit welchen Instrumenten die Value Chain geschützt werden kann – ein Aviation Bond könnte eine Lösung sein. Ebenso könnte ein nachhaltiges Konstrukt einer Auffanggesellschaft für die gesamte Luftfahrtindustrie mit dem Ziel einer späteren Wiedereingliederung sein.

Der Wiederanlauf – Domestic und international flights

Ein Rückblick auf die Krisen der Luftfahrtindustrie in den vergangenen Jahrzehnten (9/11, Sars, Weltwirtschaftskrise) verdeutlicht, dass auch unter pessimistischen Annahmen eine Erholung der globalen Luftfahrtindustrie und weiteres Wachstum vorstellbar ist - der große Unterschied zu allen bisherigen Krisen ist jedoch die Kombination einer Pandemie mit einer drohenden Rezession.

Dieser Rezession wird durch staatliche Investitions- und Anreizprogramme begegnet. Durch die Fortsetzung der verhängten Beschränkungen, die auch noch das dritte Quartal betreffen werden, werden die Passagiernachfragen vorerst weiter sinken.

Foto: © Iata

Laut Zahlen von Oxford Economics und der Iata ist ein Szenario realistisch, dass sich der Markt für Inlandsflüge bereits im 3. Quartal wieder öffnen wird und dass die internationalen Flüge im Q4 bis zu 50 Prozent Ihrer Kapazitäten wiedererlangen werden. Dass würde in dem Szenario für das Jahr 2020 einen Rückgang der Passagierumsätze um 314 Milliarden Dollar oder 55 Prozent laut aktueller Prognose bedeuten.

© Iata, Lesen Sie auch: 55 Prozent geringere Erlöse für Airlines - Iata immer pessimistischer

Währenddessen könnte es am europäischen Markt zu einer Konsolidierungswelle der Airlines nach amerikanischem Vorbild kommen. Dieses hätte zur Folge, dass deutlich größere Konzerne mit einer stärkeren Marktmacht entstehen.

Sollten sich die Regierungen wie im Falle Alitalia an den nationalen Fluggesellschaften beteiligen, würde es nicht zu einer Konsolidierungswelle kommen und der Wettbewerb um die im Wiederanlauf geringeren Passagierzahlen wird sich noch weiter verstärken und die Flagship Carrier unter massiven Druck setzen. Hier werden Airlines die Kunden mit einem Sicherheitsversprechen, neuen Services und Preisnachlässen begeistern müssen.

© Christoph Brützel, Lesen Sie auch: Zum Einfluss der Coronakrise auf den Luftverkehr: (1) Europäische Airline-Industrie Aviation Management

Aufgrund eines fehlenden Impfstoffs gegen Covid-19 eine rasche Rückkehr zu globalen Geschäfts- und Tourismusaktivitäten aber noch nicht abzusehen. Eine Wiederaufnahme der Geschäftsaktivitäten in mehreren europäischen Ländern ist derzeit für Ende April vorgesehen; allerdings mit strikten Einschränkungen und einer kontinuierlichen Bewertung der Situation.

Ein Fazit

Jetzt gilt es zu handeln - es ist die Zeit um große und nachhaltige Effizienzprogramme umzusetzen. Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, wer die richtigen Maßnahmen eingeleitet hat und vom Wiederanlauf profitieren kann. Durch die aktuelle Situation sind alle notwendigen Maßnahmen zur Unternehmenssicherung denkbar – und kommunikativ vertretbar. Wer zudem über ausreichend Liquidität verfügt sollte mögliche Zukäufe evaluieren um gestärkt aus der Krise rauszukommen. Ein professionelles Change Management und der Einsatz eines gut ausgerüsteter und bewährter Methodenkoffers werden zum Unternehmenserfolg und der Umsetzung der Strategie beitragen.

Von: Bernhard Lietzmann für airliners.de

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