Luftfahrtindustrie soll sich von alten Konzepten lösen

Die Luftfahrtindustrie steht mit der Umstellung auf klimaneutrale Konzepte vor einer Jahrhundertaufgabe. Der Koordinator der Bundesregierung warnt nun vor einem "Weiter so" und dämpft gleichzeitig Erwartungen auf eine bevorzugte Zuteilung von PTL-Treibstoffen.

Zwei Flugzeuge mit Kondensstreifen © AirTeamImages.com / Carlos Enamorado

Der Koordinator der Bundesregierung für die deutsche Luft- und Raumfahrt, hat die Branche vor einem einfachen "Weiter so" bei der Entwicklung neuer Flugzeuggenerationen gewarnt. Die Luftfahrtindustrie sollte nicht den Fehler der Automobilindustrie wiederholen, zu glauben, dass vor dem Hintergrund des Klimawandels alles beim Alten bleibe, sagte Thomas Jarzombek jetzt im Rahmen der Gesprächsreihe "AeroSpace Insights" in Berlin.

"Einfach nur synthetische Treibstoffe in bestehende Flugzeuge zu kippen wird nicht reichen", so der CDU-Politiker. PTL gilt in der Luftfahrt auf absehbare Zeit als einzige Möglichkeit für ein klimaneutrales Wachstum im Luftverkehr. Die synthetisch hergestellten Treibstoffe sind aktuell aber noch sehr teuer und stehen nicht in großen Mengen zur Verfügung.

Von der Idee, die als Übergangslösung wichtigen synthetischen Kraftstoffe vorrangig für den Einsatz in der Luftfahrt vorzusehen, hält der Koordinator dennoch nichts. PTL werde dort zum Einsatz kommen, wo sich im Markt die größte Nachfrage ergebe, sagte Jarzombek. Nur so könne der effektivste Einsatz der klimaneutralen Kraftstoffe garantiert werden.

Zwar habe es in der Vergangenheit große Fortschritte bei der Weiterentwicklung herkömmlicher Antriebe gegeben, so Jarzombek. Schon in den kommenden zehn Jahren würden nun aber hybridelektrische Regionalflugzeuge entwickelt. Das Luftfahrtforschungsprogramm LuFo der Bundesregierung werde dabei helfen, die Entwicklung voranzutreiben. "Das Programm wurde in diesem Jahr noch einmal deutlich aufgestockt. Deutschland habe die Chance, beim elektrischen und hybridelektrischen Fliegen ein weltweit führender Anbieter zu werden.

"Jahrhundertaufgabe der Umstellung"

DLR-Vorstand Rolf Henke sagte, es gehe bei der aktuellen Forschung darum, zu definieren, welche Flugzeuge für welchen Einsatz mit welchen Antrieben und in welchen Flughöhen am umweltschonendsten zu betreiben seien.

Dafür muss laut DLR viel Geld in die Hand genommen werden. Rund zwölf Milliarden Euro müssen den Angaben nach für ein "Clean Aviation" Programm in die Hand genommen werden, um die Entwicklung der neuen Technologien anzustoßen.

Podiumsdiskussion auf der "AeroSpace Insights" am 16.01.2020 in Berlin. Foto: © airliners.de, David Haße

"Zukünftig werden nicht mehr alle Flugzeuge mit Kerosin fliegen", so der DLR-Forschungsvorstand. Um diese "Jahrhundertaufgabe der Umstellung" zu stemmen seien nun alle Beteiligte gefordert: "Die Hersteller, Fluglinien, Flughäfen, Behörden, und ganz besonders die Forschung und die Politik."

Eines ist laut Henke aber sicher: "Es wird keinen Big Bang geben", woraufhin dann alle Flugzeuge elektrisch fliegen. Stattdessen stehe ein kontinuierlicher Übergang zu neuen Konzepten an. Dabei gehe es um verschiedene Technologien: PTL, Elektroantriebe mit und ohne Brennstoffzellentechnologie, Hybridlösungen sowie Wasserstoffantriebe.

Axel Krein, Executive Director bei der EU-Initiative "Clean Sky", bezeichnete es ebenfalls als zwingend notwendig, dass der Luftfahrt-Sektor im Rahmen des "European Green Deal" der EU einen Beitrag leistet: "Diese Aufgabe kann nur gesamteuropäisch, in enger Koordination zwischen den Mitgliedsstaaten und der EU finanziert werden." Das erfordere massive Investitionen in die Technologieentwicklung.

Triebwerkshersteller setzen auf unterschiedliche Konzepte

Eine wichtige Rolle kommt dabei den Triebwerkshersteller zu, die allerdings verschiedene Ansätze für die nähere Zukunft verfolgen.

Lars Wagner, Technikvorstand der MTU Aero Engines, setzt aktuell auf die Weiterentwicklung der konventionellen Fluggasturbine und dabei auf "revolutionäre Ideen mit alternativen Antriebskonzepten", wodurch Einsparungen von bis zu 30 Prozent möglich sein. Kurzfristig sei zudem der Einsatz von PTL-Kraftstoffen und Wasserstoff als Treibstoff in den aktuellen Triebwerkskonzepten möglich.

Bei elektrischen Konzepten sieht Wagner in der Zukunft derweil eine Verschiebung hin zu mehr kleineren Flugzeugen. Auf der Langstrecke erwartet Wagner dagegen die Brennstoffzellentechnologie.

© Airbus, Lesen Sie auch: Rolls Royce übernimmt E-Flugzeugmotoren-Sparte von Siemens

Alastair McIntosh, Geschäftsführer von Rolls-Royce Deutschland, will neben der konsequenten Verbesserung der Gasturbine die Erfahrung des Konzerns in Sachen Elektro- und Hybridantriebe aus den Bereichen Schiffs- und Bahnantrieb so schnell wie möglich in die Luft bringen. Dazu habe das Unternehmen bereits verschiedene Forschungsprojekte mit internationalen Partnern angestoßen, so unter anderem das Forschungsflugzeug E-Fan-X.

Von: dh

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