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A330neo-800. © Airbus

Besserung ist vorerst nicht in Sicht - im Gegenteil: Die Lage bei den Zulieferern in der Luftfahrtindustrie entwickelt sich in der Corona-Krise schlimmer als befürchtet. Waren Experten für 2020 zunächst von einem pandemiebedingten Umsatzrückgang in der Branche von 40 Prozent ausgegangen, kam letztlich sogar ein Minus von 45 Prozent heraus.

Und auch für dieses Jahr ist die Lage düster. Inzwischen werde trotz leicht rückläufiger Coronazahlen und Fortschritten bei den Impfungen im Vergleich zu 2019 ein Umsatzrückgang von 33 Prozent erwartet, sagt der Geschäftsführer des Branchenverbands Hanse-Aerospace, Sebastian Corth. "Im Frühjahr lag dieser Wert noch bei 29 Prozent." Vor 2024 werde das Vorkrisenniveau wohl kaum wieder erreicht.

Ähnlich bedrohlich sieht der Verein Hamburg Aviation die Lage in der Metropolregion Hamburg als weltweit drittgrößtem Standort der zivilen Luftfahrtindustrie - nach Seattle mit Boeing und Toulouse mit Airbus. "Eine wirkliche Verbesserung der Situation ist seit Herbst leider nicht zu beobachten", sagt Sprecher Lukas Kaestner. Zwar habe sich die firmenweite Produktion der Maschinen der Airbus-A320-Familie bei 40 Flugzeugen pro Monat eingependelt. Das sei aber weit entfernt von den noch im März 2020 geplanten etwa 70 Maschinen pro Monat, auf die sich die Zulieferer mit Investitionen in ihre Firmen eingestellt hätten.

"Die Investitionskosten bekommen die Zulieferer nun auf absehbare Zeit nicht mehr amortisiert", sagt Kaestner. Hinzu komme der Wiederaufbau von Lagerbeständen, um im Falle eines kurzfristigen Weiterhochfahrens der Produktion lieferfähig zu bleiben. "Die Zulieferer müssen hierfür in Vorleistung gehen, was in der derzeitigen angespannten Lage eine weitere Belastung der Unternehmen darstellt", sagt Kaestner.

Noch schlimmer sehe es im Segment der Langstreckenflugzeuge aus, deren Erfolg unmittelbar mit dem weltweiten Fortschritt bei den Corona-Impfungen und der Aufhebung der Reiserestriktionen verknüpft sei. Airbus habe die Produktion der A330 Neo der A350 bereits im Frühjahr 2020 gedrosselt, die A380 laufe in diesem Jahr aus.

Boeing 777X-Verspätung hat Auswirkungen in Deutschland

Boeing wiederum habe die Erstauslieferung ihres neuen "Flaggschiffs", der 777X, erneut von 2021 auf nun Ende 2024 verschoben. "Dies betrifft auch deutsche Zulieferer, die für Boeing beziehungsweise Lufthansa als einen der Erstkunden des Modells tätig sind", sagt Kaestner.

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie ging es der Luft- und Raumfahrtindustrie in Hamburg dagegen noch richtig gut. Mehr als 41.000 Menschen arbeiteten bei Airbus, der Lufthansa Technik und am Flughafen sowie einem Netz von rund 300 Zulieferbetrieben. Sie erwirtschafteten einen jährlichen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Einer Befragung von Betriebsräten im Auftrag der IG Metall zufolge stieg die Zahl der erfassten Beschäftigten zwischen 2017 und 2019 im Norden um mehr als elf Prozent. Der durchschnittliche Auslastungsgrad bis 2021 wurde damals mit 90 Prozent angegeben, jedes zweite Unternehmen meldete Probleme bei der Suche nach Mitarbeitern.

Doch dann kam die Corona-Pandemie und die Luftfahrt erlebte einen beispiellosen Niedergang. Allein Airbus kündigte an, weltweit 15.000 der rund 90.000 Jobs in der Verkehrsflugzeugsparte zu streichen, rund 3000 davon in Norddeutschland. Laut einer bundesweiten Studie der h&z Unternehmensberatung AG zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie von Mitte Januar sind knapp zwei Drittel (63 Prozent) der zivilen Zulieferer direkt und unmittelbar von der Pandemie betroffen. 61 Prozent schätzten ihre Lage im Dezember schlechter oder sogar viel schlechter als sechs Monaten zuvor ein.

"Die Situation bei den Luftfahrtzulieferern macht uns große Sorgen", sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste. Es seien häufig kleine und mittelständische Unternehmen, die weniger Kraft hätten, die Krise zu überstehen. Laut der jüngsten Umfrage der IG Metall unter Betriebsräten von Mitte Dezember sehen die Arbeitnehmervertreter etwa 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr, davon rund 6300 in Norddeutschland.

Sowohl Corth vom Branchenverband Hanse-Aerospace als auch Kaestner vom Verein Hamburg Aviation beobachten bei den Zulieferern zwar derzeit keine umfangreichen Stellenstreichungen oder viele Insolvenzen, ein Grund zur Entwarnung sei das aber nicht, sagt Kaestner mit Blick auf den Personalabbau in anderen Ländern wie Großbritannien und den USA.

Luftfahrt-Zulieferer drängen in andere Branchen

"Durch Kurzarbeit, Darlehensprogramme und die eine oder andere staatliche Unterstützung haben sich die Unternehmen irgendwie eingerichtet", schildert Corth die Lage. Auch holten immer mehr Unternehmen auf Kosten der Unabhängigkeit Investoren ins Haus oder gingen strategische Allianzen ein. Luftfahrt-Zulieferer versuchten auch zunehmend, in anderen Branchen wie Automotive oder Medizintechnik Fuß zu fassen, sagt Kaestner. "Dies gilt insbesondere für das Segment der Ingenieursdienstleister, deren Auftragslage im Luftfahrtbereich seit Beginn der Krise nahezu implodiert ist und für die mittelfristig auch keine Besserung in Sicht ist."

Auch wenn Corth und Kaestner Hamburgs rot-grünen Senat für die Task Force Luftfahrt loben, aus Sicht der IG Metall muss die Branche bei der staatlichen Unterstützung gezielt in den Blick genommen werden. Und "auch Airbus ist in der Verantwortung, ihre Zulieferer zu stabilisieren", betont Friedrich - wobei Airbus in Hamburg-Finkenwerder noch ein anderes Problem hat: Wegen 21 Corona-Fällen, darunter sieben der britischen Variante, mussten die Flugzeugbauer 500 Beschäftigte in Quarantäne schicken und eine A320-Endmontagelinie vorerst schließen.