Fluglotsenmangel führt zu Level Capping und Verspätungen

Die Deutsche Flugsicherung DFS hat nach wie vor zu wenig Lotsen. Das führt zu Kapazitätsengpässen, weshalb Flüge anders geroutet werden müssen. Erst mittelfristig ist eine Verbesserung der Lage zu erwarten.

Fluglotse Lutz Dreyer arbeitet in Schkeuditz auf dem Tower des Flughafen Leipzig-Halle. © dpa / Sebastian Willnow
Der Fluglotse hat drei Flughäfen im Blick. DLR
Upper Area Control Centre von Eurocontrol im Maastricht © Eurocontrol
Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) regeln im Tower des Flughafens Düsseldorf den Luftverkehr. © dpa / Oliver Berg

Der Lotsenmangel in Deutschland führt nach wie vor zu Problemen. Ute Otterbein, Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) sagte auf Anfrage von airliners.de, dass derzeit rund 250 Fluglotsen fehlen. Die Gewerkschaft der Fluglotsen (GDF) geht für kommendes Jahr sogar von rund 280 fehlenden Kolleginnen und Kollegen aus, wie Jan Janocha, Sprecher der GDF, gegenüber airliners.de sagte.

Der Mangel an Lotsen betrifft vor allem den oberen Luftraum, der vom Center Karlsruhe kontrolliert wird. Laut Janocha seien Sektoren im oberen Luftraum mittlerweile des Öfteren saturiert, also voll. Durch sie könnten keine zusätzlichen Flüge geführt werden.

Nach Angaben von Janis Schmitt, Sprecher der Vereinigung Cockpit, kann dies für Airlines und Flughäfen mit Nachtflugbeschränkungen zu Problemen führen, wenn die Flugzeuge abends nicht mehr zur Landung am planmäßigen Flughafen ankämen. Dadurch könnten Flugpläne durcheinandergewirbelt werden. Verspätungen könnten eine Folge sein.

Verspätungssituation wird 2019 nicht besser

Neben anderen Faktoren waren deshalb auch die durch Lotsenmangel beschränkten Lufträume ein Grund für die Verspätungsprobleme der Luftfahrtbranche im Sommer vergangenen Jahres. Zahlen des Central Office for Delay Analyses (Coda) der Eurocontrol zeigen, dass der Mangel an Fluglotsen für rund sechs Prozent der sogenannten Primärverspätungen im europäischen Luftraum verantwortlich ist. Der Großteil der Verspätungsgründe liegt Coda zufolge bei den Airlines, gefolgt von den Flughäfen.

Nach Einschätzung von GDF-Sprecher Janocha wird sich die Situation von 2018 in diesem Jahr eher noch etwas verschlechtern: „Es wird ganz schwer, dieses Jahr das Verspätungslevel von 2018 zu halten.“ Trotz der mittlerweile ergriffenen Gegenmaßnahmen sei wegen altersbedingter Abgänge momentan noch keine Besserung zu erwarten.

Um den Kapazitätsengpässen kurzfristig zu begegnen, hat die DFS mit der im letzten Jahr gestarteten „Vier Center Initiative“ Verkehr verlagert. Dabei werden Flugzeuge in Gebiete mit mehr Kapazität gelotst, also entweder in tiefere Lufträume (level capping) oder über andere Gebiete.

Level Capping entlastet oberen Luftraum

Die Flugführung durch andere Lufträume wurde laut DFS-Sprecherin Otterbein mittlerweile auf weite Teile des europäischen Luftraums ausgeweitet. Zur Häufigkeit des level cappings machten weder DFS noch GDF konkrete Angaben. Für Airlines sind tiefere Flughöhen ökonomisch gesehen unerfreulich, weil Turbinen in dichterer Luft mehr Sprit brauchen als in der dünneren Luft weiter oben.

Weitere kurzfristige Maßnahmen gegen den Lotsenmangel beziehungsweise die daraus resultierenden Verspätungen sind nach Angaben Otterbeins die Entlastung der Lotsen von Sonderaufgaben sowie freiwillige Sonderdienste der Belegschaft. Ebenso würden die Lotsen mit technischen Assistenzsystemen entlastet.

Außerdem versuche die DFS so genannte Ready Entries anzuwerben, also fertig ausgebildete Fluglotsen aus dem Ausland. Da aber beinahe in allen europäischen Ländern auch Lotsen gesucht werden, konnten bislang allerdings nur „mehr als 20 Bewerber aus dem Ausland rekrutiert“ werden. Auch GDF-Sprecher Janocha begrüßt die Rekrutierung von Ready Entries, hält die Möglichkeiten allerdings aufgrund der wenigen verfügbaren Lotsen auf dem Arbeitsmarkt für begrenzt.

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Ein weiterer Ansatz der Flugsicherung ist das Projekt „fly as filed“. Piloten sollen sich also soweit möglich an den ursprünglichen Flugplan halten und die Lotsen sollen nicht, wie normalerweise üblich, so genannte directs (direkte Streckenführung) oder andere vom Flugplan abweichende Streckenführungen freigeben. Damit solle eine bessere Planbarkeit und Vorhersehbarkeit der Verkehrsströme gewährleistet werden.

Langfristig hilft nur mehr Personal

Langfristig gesehen will die DFS dem Lotsenmangel mit mehr neuem Personal Herr werden. Gewerkschaft und Arbeitgeber haben in einem Kapazitätspakt vereinbart, dass die DFS auf dem maximal möglichen Level neue Lotsen ausbildet. Die Flugsicherung hat aber äußerst hohe Ansprüche an ihr Personal, die Erfolgsquote bei den Eignungstests für Lotsen liegt gerade einmal bei vier Prozent. Insofern ist die Rekrutierung von neuem Personal eine Herausforderung.

Im Jahr 2019 und den Folgejahren sollen nun 146 neue Lotsinnen und Lotsen pro Jahr ausgebildet werden, was der maximalen Kapazität der Flugsicherungsakademie entspricht. Weil es aber vier bis fünf Jahre dauert, bis ein neuer Lotse mit voller Kapazität einsatzfähig ist, wird von dieser Ausbildungsoffensive erst mittelfristig eine Verbesserung der Mangelsituation zu erwarten sein.

Bis 2015 hatte die DFS mit der umgekehrten Situation zu kämpfen und musste sich vor Fluggesellschaften dafür rechtfertigen, zu viel Personal zu haben. Darüber wird sich in absehbarer Zeit wohl niemand mehr beschweren.

© dpa, Britta Pedersen Lesen Sie auch: Deutsche Flugsicherung mit Umsatzrückgang trotz mehr Flügen

Von: hr

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