Interview Lot will Leading-Carrier in Zentral- und Osteuropa werden

Vom Sorgenkind zum Leading Carrier in Osteuropa. Die polnische Lot setzt seit sieben Jahren auf Wachstum und scheint damit Erfolg zu haben. Im Interview mit airliners.de spricht der Vertriebschef Ray über neue Langstreckenziele, den deutschen Markt und die Probleme mit Boeing.

Eine Boing 787 der Lot. © AirTeamImages.com / Yochai

Der polnische Flag Carrier Lot feiert in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Vor noch rund sieben Jahren stand die Airline kurz vor der Pleite. Heute hat sie sich als Alternative auf der Langstrecke etabliert und konnte ihre Passagierzahlen in den vergangenen Jahren deutlich steigern. Waren es im Jahr 2016 noch fünf Millionen Gäste, plant Lot in diesem Jahr damit, die zehn Millionen-Marke zu knacken. airliners.de hat mit Amit Ray, dem Vertriebschef der Airline für die DACH-Region und Asien über die Bedeutung des deutschen Marktes, die Langstreckenexpansion der Airline und die Boeing-737-Max-Problematik gesprochen.

airliners.de: Lot ist auf Expansionskurs. Kürzlich wurde bekannt, dass nun auch Delhi neu ins Streckennetz aufgenommen wurde.
Amit Ray: Das ist richtig. Wir haben Neu-Delhi Anfang September in unser Langstrecknetz aufgenommen. Generell beginnt Lot Polish Airlines immer mit drei wöchentlichen Verbindungen ex Warschau in ein neues Ziel. Aufgrund der hohen Nachfrage haben wir uns dazu entschieden, die Route bereits mit fünf wöchentlichen Flügen zu starten.

Lot hat auch zahlreiche weitere Langstreckenverbindungen angekündigt. Dabei fokussieren Sie sich weiterhin auf den asiatischen und den nordamerikanischen Markt. Ist das korrekt?
Ja, das sind unsere Key-Märkte. Wir fliegen aktuell nach Astana (Nur-Sultan), Tokio-Narita, Seoul, Peking (Capital Airport), Singapur, Neu-Delhi und ganz neu nach Colombo. Zusätzlich werden wir ab Januar 2020 Flüge zum neuen Pekinger Großflughafen Daxing anbieten. Auch Richtung Nordamerika bieten wir aktuell elf Langstreckenverbindungen ab Warschau, Krakau, Rzeszów und Budapest an und werden im August 2020 mit Warschau-San Francisco eine weitere Verbindung aufnehmen.

Streichen Sie dann die Flüge zum Peking Capital Airport, oder fliegen Sie beide Airports an?
Beide, wir sehen eine hohe Nachfrage für beide Pekinger Flughäfen. Das Potenzial nach und von Peking ist definitiv da.

Der Interviewpartner

Amit Ray ist seit 2014 bei Lot Polish Airlines und verantwortet heute als Regional Director den DACH- und den indischen Markt. Davor war als Sales Manager Deutschland für Czech Airlines tätig. Zuvor arbeitete Ray neun Jahre für American Airlines und verantwortete unter anderem die Verkaufsaktivitäten für Firmenkunden und Ketten in Deutschland und Österreich.

Blickt man auf die Langstreckenziele von Lot, fällt auf, dass Sie mit Peking, Tokio, Seoul und Singapur Destinationen im Portfolio haben die eigentlich nahezu jeder großer Legacy-Carrier im Programm hat. Warum geht Lot in diese Märkte?
Reisende auch aus Deutschland müssen in der Regel einmal umsteigen, um ihr interkontinentales Ziel zu erreichen. Wir haben uns in der Vergangenheit als Star-Alliance-Qualitätsfluggesellschaft auf dem deutschen Markt etabliert. Wir bieten beispielsweise auf jedem grenzüberschreitenden Flug eine Drei-Klassen-Konfiguration an. Damit fliegt auch jeder Premium-Economy-Gast auf dem Feeder-Flug Premium Economy und nicht nur auf dem Langstreckenflug. Das ist ein Differenzierungsfaktor, der uns in Europa unterscheidet.

Wie wichtig ist der deutsche Markt bei ihrer Expansionsstrategie?
Deutschland ist uns sehr wichtig. Wir bieten derzeit Feeder-Flüge von acht deutschen Airports nach Warschau an. Berlin-Tegel hatten wir erst vor rund zwei Jahren ins Streckennetz aufgenommen und nun zum Winter 2019 um eine weitere auf vier tägliche Rotationen aufgestockt. Auch die anderen sieben Airports sind mit zwei bis drei täglichen Umläufen an unser Warschauer Drehkreuz angebunden.

Wie wichtig ist der deutsche Markt generell?
Deutschland ist für uns der wichtigste Quellmarkt in Westeuropa. Wir werden mit Budapest-Stuttgart zum Sommerflugplan 2020 eine weitere Route zu unserem zweiten Hub in Budapest aufnehmen. Das wird unsere erste Verbindung ab Deutschland, die nicht nach Warschau führt. Unsere acht Abflughäfen in Deutschland unterstreichen die strategische Bedeutung des deutschen Marktes für LOT Polish Airlines.

Erst nochmal zu Deutschland: Planen Sie weitere Verbindungen nach Deutschland aufzunehmen?
Der deutsche Markt ist sehr wichtig für Lot Polish Airlines und wir evaluieren regelmäßig Streckenpotentiale. Aktuell sehen wir uns mit acht Flughäfen in Deutschland gut aufgestellt. Zudem fliegen wir auch ab Billund und Luxemburg nach Warschau. Damit haben Gäste im grenznahen Bereich zwei weitere Flughäfen zur Auswahl.

Deutschland Kapazitäten der Lot im Winter
Flughafen Prozent
Düsseldorf 17.9
Frankfurt 17.6
München 15.9
Berlin-Tegel 15.6
Hamburg 11.1
Stuttgart 9.4
Nürnberg 6.3
Hannover 6.2

Die Grafik zeigt die prozentuale Verteilung der acht deutschen Flughäfen, die Lot im Winterflugplan anfliegt.Quelle: CH-Aviation

Jetzt zu Budapest. Warum setzen Sie auf ein zweites Drehkreuz?
Wir sehen dort die Möglichkeit, uns als Leading Carrier für Zentral- und Osteuropa zu etablieren. Denn vom Baltikum bis Rumänien gibt es derzeit keine Langstrecken-Airline. Diese Lücke wollen wir schließen. Wir bieten schon Langstreckenflüge aus Ungarn nach Nordamerika und ganz neu auch nach Seoul. Ferner wird das regionale Streckennetz ab und bis Budapest ausgebaut.

Und Lot fliegt auch ab Krakau nach Nordamerika. Wird Krakau ihr drittes Drehkreuz?
Nein, bezogen auf unsere Drehkreuz-Philosophie fokussieren wir uns auf Warschau und neuerdings auf Budapest. Gleichzeitig sehen wir auch eine große Point-to-Point-Nachfrage von Krakau als auch von Rzeszów nach Nordamerika, speziell in die Großräume New York und Chicago. Die Nachfrage aus den USA ist ebenfalls sehr stark. Daher bieten wir diese Strecken an.

In Osteuropa dominiert Wizz Air den Markt. Ist die selbsternannte Ultra Low Cost Airline eine Gefahr für die Expansionspläne von Lot?
Unsere Stärke ist das klassische "Hub-and-Spoke"-Modell. Wir führen unsere Passagierströme über unser Drehkreuz Warschau und künftig auch über unseren zweiten Hub in Budapest. Damit decken wir andere Passagierströme als beispielsweise der klassische Low-Cost-Carrier ab. Wie jeder andere Legacy-Carrier haben wir uns natürlich mit der wachsenden Konkurrenz auseinandergesetzt.

Lot fliegt aktuell mit 91 Fluggeräten. Davon kommen Flugzeuge von Wet-Lease-Partnern, worin liegen die Gründe?
Wir wollen auf der Langstrecke vorrangig unsere eigenen Boeing 787 einsetzen. Aktuell zählen wir 15 Dreamliner in unserer Flotte. Leider müssen wir aufgrund der Probleme mit den Rolls-Royce-Triebwerken unserer Dreamliner einige Maschinen am Boden lassen – aktuell handelt es sich dabei um drei Maschinen. Um einen operativ stabilen Flugbetrieb zu gewährleisten und keine Passagierflüge annullieren zu müssen, haben wir vor einigen Monaten auch Wet-Lease-Gerät eingeflottet. Sobald die Rolls-Royce-Treibwerke ausgetauscht sind, werden wir wieder ausschließlich eigenes Fluggerät einsetzen.

Wann soll der Austausch abgeschlossen sein?
Wir stehen in engem Austausch mit Rolls-Royce und warten die aktuelle Entwicklung ab. Gegenwärtig besteht unsere Langstreckenflotte aus 15 Dreamlinern und es kommen 2020 zwei neue B787-9 in die Flotte.

Für die kürzeren Strecken haben Sie auch einige Boeing 737 Max, wie ist hier der Stand?
Wir sind auch vom Grounding der 737 Max betroffen. Immerhin hatten wir zum Beginn des weltweiten Flugverbots fünf Maschinen in der Flotte. Es hätten bis Ende 2019 eigentlich vierzehn Maschinen werden sollen. Allerdings haben wir auch hier frühzeitig reagiert und Ersatzkapazitäten geleast, um mittelfristig auch hier operativ stabil zu bleiben. Wir stehen in engem Austausch mit Boeing, der FAA und insbesondere der EASA. Sobald alle Fluggesellschaften grünes Licht erhalten, werden wir mit der Wiedereinflottung beginnen. Allerdings machen wir keine Kompromisse bei der Sicherheit.

Wären die aktuellen Probleme mit ihren beiden Boeing-Typen nicht ein Grund, auch über alternative Hersteller nachzudenken?
Lot hatte seit der Einflottung der Boeing 767 in den 80er Jahren immer gute Geschäftsbeziehungen mit Boeing. Wir waren auch 2012 europäischer Erstkunde des Dreamliners. Wir wollen unser Wachstum in Zukunft fortführen, weshalb wir auch in Gesprächen mit weiteren Flugzeugherstellern sind.

Gibt es noch offene Bestellungen, die Sie in den kommenden Wochen und Monaten erwarten?
Ja, der Ausbau unserer Flotte ist aktuell noch nicht abgeschlossen. Wir bekommen im ersten Halbjahr 2020 zwei weitere Boeing 787-9. Diese benötigen wir auch, um einerseits weitere Destinationen aufnehmen zu können und um andererseits in unserem existierenden Streckennetz die Anzahl der wöchentlichen Verbindungen zu erhöhen. Wir haben eine sehr hohe Auslastung auf unseren Flügen, sodass wir ohne neues Fluggerät gar nicht weiterwachsen können.

Derzeit befindet sich Lot auf einem immensen Wachstumskurs. Gleichzeitig schreitet die Konsolidierung im europäischen Markt immer weiter voran. Wie sehen Sie Ihre Airline für die Zukunft aufgestellt?
Das ist ein sehr gute Frage. Der Luftverkehrsmarkt ist extrem wettbewerbsgetrieben. Wir waren selbst vor vier Jahren in einer schwierigen finanziellen Situation. Dank unseres damals aufgestellten Turnaround-Plans und der profitablen Wachstumsstrategie konnten wird die Kehrtwende erfolgreich meistern. Wichtig dabei war, dass wir auf nachhaltiges Wachstum und ein starkes Drehkreuz gesetzt haben und das werden wir auch weiter tun. Stillstand oder sogar ein Rückgang der Kapazitäten sind vor diesem Hintergrund keine Option.

Herr Ray, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Von: br

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