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Die Tutorial-Kolumne zum Thema industrielles Luftfahrtmanagement. Kollage ©: airliners.de / AirTeamImages, fotolia: Dinosoftlabs, Photocreo Bednarek, Gorodenkoff, contrastwerkstatt

Wie in anderen Branchen auch, sind Betriebe der Luftfahrtindustrie in hohem Maße von anderen Unternehmen abhängig. Durch die stetig zunehmende Spezialisierung gewinnen zugekaufte Leistungen seit Jahren mehr und mehr an Beschaffung. Dabei müssen nicht nur Material, Betriebsstoffe oder Norm- und Standardteile, sondern vor allem Komponenten, Module und Dienstleistungen extern bezogen werden. Die Bedingungen werden dadurch erschwert, dass luftfahrttechnische Betriebe volle luftrechtliche Verantwortung für die Qualität der zugelieferten Produkte tragen und eine Rückverfolgbarkeit des Materialflusses von der Quelle bis zum Einbau im Luftfahrzeug sicherstellen müssen.

Lieferantenauswahl

Ist die Entscheidung für einen Einkauf oder eine Fremdvergabe gefallen, so geht es in einem ersten Schritt darum, das Produkt oder die einzukaufende Leistung genau zu spezifizieren. Die wichtigsten Beschaffungsanforderungen sind dabei üblicherweise:

  • Produktmerkmale und Service
  • Preis und Lieferbedingungen
  • Flexibilität und Lieferzeiten

Im Vordergrund steht also die Beschreibung der zu erbringenden Leistung oder des Produkts einschließlich zugehöriger Mess- und Prüftätigkeiten. Darüber hinaus ist aber auch festzulegen, welche besonderen Anforderungen an die Herstellungsprozesse (zum Beispiel bei speziellen Prozessen) sowie Versand-, Lagerungs- und Transportbedingungen erwartet werden. Bei einer Fremdvergabe von Tätigkeiten oder Prozessen kann zudem die Personalqualifikation beim Lieferanten eine Rolle spielen.

Gleich im Anschluss an die Spezifikation der einzukaufenden Leistung kann die Suche nach einem Lieferanten erfolgen. Diese beginnt im Normalfall innerhalb des bestehenden Lieferantenpools und wird nur in Ausnahmefällen auf weitere Unternehmen ausgedehnt. Der Grund liegt darin, dass neue Lieferanten vor einer ersten Bestellung aufwendig zu bewerten, zu prüfen und unter Umständen auch zu entwickeln sind. Denn oft sind nicht nur Produkthaftungsrisiken zu berücksichtigen. Behördlich zugelassene Betriebe am Ende der Lieferkette sind auch luftrechtlich für die Qualität der Leistungserbringung in ihrer Lieferkette vollumfänglich verantwortlich. Daher müssen Luftfahrtbetriebe vor Eingehen einer Lieferbeziehung prüfen, ob sie ihre Lieferanten zur Leistungserfüllung für geeignet halten. Dies erfolgt üblicherweise mittels Lieferantenfragebogen beziehungsweise Dokumentenprüfungen, Probelieferungen oder Audits. Art und Umfang der Prüfung sind dabei vor allem abhängig von:

  • von (geplanten) Zusammenarbeit und der Kritikalität der zu liefernden Produkte beziehungsweise Leistungen,
  • der Erfahrung des Lieferanten,
  • etwaigen Zulassungen und Zertifizierungen des Lieferanten.

Bei Letzteren richtet sich der Blick zunächst auf die Luftfahrtnorm EN 9100. Sie gilt fast ausnahmslos als obligatorisch und ist damit die Eintrittskarte für Geschäfte in der Luftfahrt-Zulieferindustrie.

Erst wenn der Lieferant entsprechend seines Risikos und seiner Bedeutung auf Basis eines systematischen Vorgehens bewertet, ausgewählt und freigegeben wurde, darf dieser für Bestellungen freigegeben werden.

Warenübernahmen und Wareneingang

Nachdem das Produkt bestellt und angeliefert wurde, erfolgt die Warenübernahme und der Wareneingang. Denn bevor die zugelieferten Teile in den Materialkreislauf gelangen, muss sich der Betrieb vergewissern, dass diese gänzlich den Bestellanforderungen entsprechen. Nur wenn dies der Fall ist, das heißt keine Mängel oder Unstimmigkeiten aufweisen, dürfen diese dem betrieblichen Materialfluss (Einlagerung, Verarbeitung, Einbau) zugeführt werden. Aus luftrechtlicher Perspektive übernimmt der Herstellungs- beziehungsweise Instandhaltungsbetrieb mit dem erfolgreichen Abschluss der Wareneingangsprüfung Verantwortung für die betroffenen Teile oder Materialien.

Aus diesem Grund sind alle Teile und Materialien nach der Warenannahme einer Eingangsprüfung (Incoming Inspection) zu unterziehen, bei der diese auf Qualität und Vollständigkeit geprüft werden.

Im Einzelnen umfasst eine Standard-Wareneingangsprüfung folgende Aktivitäten:

  • Durchführung einer Sichtkontrolle an der Verpackung auf Beschädigungen, Übereinstimmung von Lieferanten- beziehungsweise Herstellernamen und Kennzeichnung / Bezeichnung,
  • Prüfung des Produkts auf offensichtliche Veränderungen oder Beschädigungen (z.B. Oberflächenschäden, Deformationen, Korrosion oder ähnliches.),
  • Abgleich zwischen Bestellung, Lieferschein und geliefertem Produkt hinsichtlich Menge und Übereinstimmung der Part- beziehungsweise Serialnummer,
  • Stichprobenartige Analyse von Standard- und Normteilen sowie Roh- und Verbrauchsmaterial (z.B. auf Basis des Werkstoffleistungsblatts oder beigefügter Prüfberichte),
  • Prüfung der beiliegenden Dokumentation. Diese muss mit der vom (internen) Besteller vorgegebenen Begleitdokumentation übereinstimmen. Neben dem Lieferschein handelt es sich hierbei um Konformitäts- oder Freigabebescheinigungen sowie gegebenenfalls weitere Produktinformationen.

Begleitdokumente bei der Beschaffung

  • Lieferscheine mit Herkunfts- und Qualitätsbescheinigung des Lieferanten
  • Herstell- oder Instandsetzungsaufzeichnungen
  • Freigabebescheinigungen (EASA Form 1, FAA Form 8130-3, TCCA Form 24-0078)
  • Abnahmezertifikate, Konformitätsbescheinigung (CofC), Werksbescheinigungen gegebenenfalls mit Referenz auf die entsprechende Norm
  • Hinweise auf verwendete Prüfberichte, statistische Aufzeichnungen, sonstige Herkunftsnachweise, Hinweise auf verwendete Revisionsstände
  • C of A for Export für Triebwerke oder Propeller aus einem Nicht-EASA Staat

Unter Umständen erfolgt nach der Standard-Wareneingangskontrolle eine weitergehende Produktprüfung durch die Qualitätssicherung. Dabei wird das Produkt dann im Detail auf Herz und Nieren geprüft. Dies geschieht vor allem bei Zeichnungsteilen und bei kritischen Bauteilen.

Entspricht die Lieferung vollständig der Bestellanforderung, ist also die Wareneingangsprüfung erfolgreich abgeschlossen, so kann das Produkt in den betrieblichen Materialfluss eingesteuert werden.

Verläuft die Wareneingangsprüfung indes nicht erfolgreich, ist das Teil oder Material zu beanstanden und ist dafür im Sperrlager abzustellen, bis eine Klärung herbeigeführt wurde. Durch eine klare Trennung der Klärungsfälle soll das Risiko einer unbeabsichtigten Zuführung in den betrieblichen Materialfluss minimiert werden. Um die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten, sind Aufzeichnungen über die wesentlichen Aktivitäten des Wareneingangs zu führen, die dann für die periodische Lieferantenüberwachung herangezogen wird.

Periodische Lieferantenbewertung

Zusätzlich zu den laufenden Wareneingangsprüfungen sind periodische Wiederholungsprüfungen der allgemeinen Qualitäts- und Leistungsfähigkeit des Lieferanten durchzuführen. Für luftfahrttechnische Betriebe ist es nämlich nicht ausreichend, einen Lieferanten einmalig zu prüfen und dann dauerhaft freizugeben. Die Qualitäts- und Leistungsfähigkeit der Zulieferer bedarf einer kontinuierlichen Überwachung. Es muss also ein Sicherheitssystem existieren, das die Lieferanten durch laufende Überwachung unter Zugzwang setzt, deren Betriebsstrukturen auf die Lieferung einer angemessenen Qualität auszurichten und so das Risiko fehlerhafter Teile reduzieren.

In der Luftfahrttechnik-Management-Kolumne erläutert Prof. Martin Hinsch, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind. Der Text lehnt sich eng an sein Fachbuch "Industrielles Luftfahrtmanagement - Technik und Organisation luftfahrttechnischer Betriebe" an, das seit kurzem in neuer, 4. Auflage im SpringerVieweg Verlag verfügbar ist.

Bei der periodischen Überwachung richtet sich der Blickwinkel auf einer kumulierten Bewertung zurückliegender Wareneingänge. Der Blick richtet sich hier typischerweise auf die Liefertermintreue, Wareneingangsbefunde, Validierungen von Testberichten sowie Prüfungen von Materialzeugnissen. Neben diesen Werten fließen Nachweise der Aufrechterhaltung von Zulassungen oder Zertifizierungen mit in die periodischen Lieferantenbewertungen ein. Bei wichtigen beziehungsweise Kritischen Lieferanten steuert das Qualitätsmanagement darüber hinaus Ergebnisse aus Lieferantenaudits bei. Auf Grundlage all dieser Information führt üblicherweise das Qualitätsmanagement eine Lieferantenbeurteilungen durch, die dann die Basis für eine Verlängerung der ursprünglichen Lieferantenfreigabe ist.

Das Gesamturteil der Lieferantenbewertung ergibt sich somit als ein Mosaik aus verschiedenen Quellen und unterschiedlicher Abteilungen. Die genaue Art und der Umfang der Bewertungskriterien wird von den individuellen Bedingungen und Fähigkeiten des Lieferanten sowie den von diesem zugelieferten Produkten und Dienstleistungen bestimmt. Zulieferer von sog. fliegenden Teilen, also jenen, die im Flugzeug verbaut werden, unterliegen einer strengeren Überwachung als Lieferanten von Werkzeugen oder Büromaterial. Lieferanten von kritischen (fliegenden) Teilen wiederum werden genauer beleuchtet, als Lieferanten von unkritischen (fliegenden) Norm- und Standardteilen.

Erfüllt der Lieferant alle an ihn gestellten Anforderungen und gab es in der Vergangenheit keine nennenswerten Mängel bei den Zulieferungen, so wird der Lieferant für weitere 12-24 Monate freigegeben.

Wenn sich der Lieferant nicht in der Lage sieht, eine angemessene Qualität oder Leistung zu liefern, ggf. sogar trotz eingeräumter Möglichkeit zur Nachbesserung nicht, so muss dieser Lieferant gesperrt werden.

Über den Autor

Als Experte für Luftfahrttechnik erläutert Prof. Martin Hinsch in seiner Tutorial-Kolumne "Luftfahrttechnik-Management" auf airliners.de, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind und wie sie arbeiten.

Prof. Dr. Martin Hinsch Prof. Dr. Martin Hinsch ist Experte für luftfahrttechnisches Qualitäts-, Safety- und Prozessmanagement und lehrt Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Aviation-Management an der IUBH in Hamburg. Zudem ist er als authentifizierter Luftfahrt-Auditor zugelassen. Über seine Unternehmensberatung (aeroimpulse.de) unterstützt er luftfahrttechnische Industriebetriebe in Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war er rund zehn Jahre bei der Lufthansa Technik AG und als Senior Consultant in Katar beschäftigt.

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