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Gedankenflug Liebe Bahn, so klappt das mit der Auslastung

Bei der Bahn drängelt man sich entweder auf dem Gang oder man hat den halben Wagen für sich allein. Hier kommt ein Tipp von airliners.de-Herausgeber David Haße. Denn von der Luftfahrt lernen, heißt siegen lernen. Zumindest in Sachen Auslastung.

Robert Habeck © Die Grünen / Dominik Butzmann

Abseits der tagtäglichen Meldungen machen sich die Redakteure bei airliners.de Gedanken über das weniger Offensichtliche. Mit unseren "Gedankenflügen" wollen wir Sie daran teilhaben lassen und hoffen, die eine oder andere Anregung geben zu können. Ein Kommentar von airliners.de-Herausgeber David Haße zum Verkorksten Versuch der Bahn, die Auslastung auf Basis von Prognosen zu steuern.

Die Deutsche Bahn hat ein echtes Problem, wenn es um die Auslastung Ihrer Züge geht. Mal ist es extrem voll, meist aber viel zu leer. Im Durchschnitt fahren im Fernverkehr fast die Hälfte aller Sitze leer herum. Im Regionalverkehr ist die Auslastung noch dürftiger.

Das sind echte Probleme: Wenn es zu voll ist, ärgern sich nämlich die Passagiere und fahren nächstes Mal lieber mit dem Auto. Wenn es aber zu leer ist, ist das kontraproduktiv für die Einnahmen und auch für die Klimabilanz der Bahn.

Dabei wäre Abhilfe eigentlich ganz einfach zu schaffen. Die Bahn müsste nur von der Luftfahrt lernen.

Bei Auslastungszahlen auf Flugzeug-Niveau hätte die Bahn dann sogar die realistische Chance, den Fernbus als klimaschonendstes Verkehrsmittel abzulösen. Endlich könnte die Bahn die unliebsame Konkurrenz auf der Straße dann auch in ihrem "UmweltMobilCheck" ausweisen. Sie müsste ihren umweltbewussten Kunden die klimamäßig beste Alternative dann nicht länger unterschlagen. Aber das ist eine andere Geschichte:

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Kommen wir zurück zum Auslastungs-Problem der Bahn und was sie sich bei der Luftfahrt abschauen kann. Es ist nämlich gar nicht so lange her, da hatten auch die Airlines Probleme mit der Auslastung. Noch in den 1990er Jahren lag die durchschnittliche Sitzplatzauslastung im Luftverkehr bei rund 60 Prozent und damit nicht viel besser als heute in einem ICE.

So muss Auslastung

Mittlerweile fliegen dagegen manche Fluggesellschaften mit Auslastungen knapp unter 100 Prozent. Was hat sich also geändert? Wie hat es der Luftverkehr geschafft, den CO2-Ausstoß vom Passagierwachstum zu entkoppeln? Richtig: Durch Fortschritte in der Antriebstechnik, eine viel engere Bestuhlung und nicht zuletzt durch einen grandiosen Sprung in Sachen Auslastung.

Die älteren von uns erinnern sich noch an die Zeiten, in denen man ein Flugticket auf Papier kaufte. Es war in der Regel ein Jahr gültig. Die Tickets waren sogar bei allen Iata-Airlines einlösbar und auf allen erdenklichen Routen, solange die grobe Richtung stimmte.

Darum wusste damals auch keine Fluggesellschaft, mit welchem Flug eigentlich wie viele Leute reisen wollten. Deswegen war die Auslastung mies und Überbuchungen an der Tagesordnung. Das ist grob die Situation, in der die Bahn heute ist.

Merken Sie, worauf ich hinaus will? Die Fluggesellschaften haben ihre Tickets so restriktiv gestaltet, dass sie nur noch für einen Flug gelten. Damit haben sie die Möglichkeit geschaffen, die Kapazitäten viel effizienter zu steuern.

Warum verkauft die Bahn Tickets ohne Sitz?

Nun gibt es bei der Bahn mittlerweile auch die Zugbindung bei einigen Tarifen, aber im Grund kann jeder überall einsteigen und rumfahren. Ob mit Bahn-Card, flexiblem Ticket, als Kind oder Soldat. Auch einen Check-In gibt es nicht. Aber mit diesem Wurmfortsatz der Iata-Ticketbuchungshistorie sollte sich die Bahn gar nicht erst aufhalten.

Stattdessen sollte sie ernsthaft darüber nachdenken, warum sie es ihren Kunden eigentlich zumutet, Tickets ohne Sitzplatz anzubieten.

Es soll durchaus Typen geben, die stehen darauf, im Gang zu sitzen. Ich gehöre definitiv nicht dazu. Aber noch hat jeder, der wegen meiner vier-Euro-Sitzplatzreservierung im Zug aufstehen muss, betrübt dreingeschaut. Ganz zu schweigen von den Drängel- und Hetz-Szenen, die sich regelmäßig beim Einstieg und im Gang unter meinen sitzplatzrisikofreudigeren Mitreisenden so abspielen.

In der "Zeit" ist gerade ein Artikel unter dem Titel "Reservieren oder Risiko" erschienen, der sich dem hilflosen Versuch der Bahn widmet, die Auslastung ihrer Züge neuerdings mit einem Prognose-Tool vorherzusagen. Die Kurzfassung: Es führt zu noch mehr Frust.

Warum scheut sich die Bahn also davor, es den Airlines gleich zu tun: Ticket = Sitzplatz. In anderen Ländern funktioniert das auch schon für Eisenbahnen gut.

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Und weil es für die Bahn - anders als für Airlines - nicht einmal teurer würde, wenn mehr Leute mitfahren, könnte sie ein Yield Management aufsetzen, dass die Auslastung mehr in Richtung - aber niemals über - 100 Prozent treibt. In jedem Zug, in jedem Segment. Bitteschön: Problem gelöst.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der Marketing- und Kommunikationsfachmann beschäftigt sich seit 2007 professionell mit den Themen der Luftverkehrswirtschaft und Luftverkehrspolitik
Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: David Haße

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