Corona-Erholung (1/2) Erste Tourismus-Lockerungen helfen innerdeutschem Luftverkehr kaum

Wann können Menschen trotz Corona wieder reisen? Das ist die Frage, die sich nicht nur die Touristik aktuell stellt. Die Öffnung von Hotels in Deutschland hilft dem Luftverkehr kaum. Eine Analyse zum Restart des Binnentourismus.

Ein Reisender trägt einen Mundschutz an einem Flughafen. © dpa / Thibault Camus

Wird es im Sommerurlaub möglich sein, wegzufahren und vielleicht sogar über die eigenen Landesgrenzen hinweg? Das ist die bange Frage, die sich viele Menschen stellen und die wesentlichen Einfluss auf die Geschicke der Luftverkehrswirtschaft haben wird. Dieser Hintergrund-Artikel soll helfen, die aktuelle Situation zu beurteilen, ist jedoch nur eine Momentaufnahme mit dem Datenstand des 29. April 2020, die sich schnell ändern kann. Dieser Teil geht auf denn innerdeutschen Markt ein, ein zweiter Teil zu den wichtigsten internationalen Luftverkehrsmärkten folgt.

Um die Möglichkeit für eine Wiederaufnahme von Flügen zu beurteilen hilft ein Blick in die Corona-Statistiken jener Länder, die von Deutschland aus gesehen zu den bedeutendsten Luftverkehrsmärkten gehören. Zunächst einmal lohnt aber auch die Sicht ins eigene Land, denn die Verbreitung von Sars-Cov-2 und die davon ausgelöste Krankheit Covid-19 zeigt bei der Ausbreitung noch immer beachtliche regionale Unterschiede.

Zunächst muss gesagt werden, dass das Reisen innerhalb Deutschland während Corona nicht so deutlich eingeschränkt ist, wie das internationale Reisen. Geschäftsreisen sind prinzipiell weiterhin möglich. Trotzdem zögern Firmen damit, ihre Mitarbeiter innerdeutsch auf Reisen zu schicken.

Anders ist die Situation im Tourismus, der hierzulande auf Länderebene bis auf sehr spezielle Ausnahmen komplett stillgelegt ist. Hotels, die Übernachtungen für Privatpersonen anbieten, müssen mit hohen Strafen rechnen. Doch diese Verbote werden, wenn es keinen großen zusätzlichen Ausbruch gibt, im Laufe der ersten Mai-Wochen wieder auslaufen.

So tritt etwa in Nordrhein-Westfalen das touristische Übernachtungsverbot mit dem Ablauf des 3. Mai außer Kraft. In der Kalenderwoche 19 spricht also (Stand 29. April) rein rechtlich nichts gegen einen kurzen NRW-Trip ins Grüne mit passendem Hotel. Andere Einschränkungen bleiben aber bestehen. Ausflüge zum Shopping mit Restaurantbesuchen und Kultur bleiben schwierig bis unmöglich.

Erste Beschränkungen fallen Anfang Mai

Die meisten andere Bundesländer beenden ihre Verbote in einem ähnlichen Zeitrahmen. Entweder direkt zum 3. Mai oder zumindest in der Kalenderwoche 19. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Mecklenburg-Vorpommern bleibt bis zum 10. Mai vorsichtig. Auch Berlin und Bayern setzen auf eine Extrawoche.

Zudem sollte bedacht werden: Solche Verordnungen können kurzfristig verändert werden. Eine sehr gute Übersicht mit den Links zu den Verordnungen der jeweiligen Bundesländer hat der Deutsche Tourismusverband zusammengestellt. Nachtrag, Stand 6. Mai 2020: Viele Bundesländer aktualisieren kurzfirist ihre Verordnungen soweit, dass vor dem 8. Mai mit keiner Öffnung gerechnet werden kann. Manche Verordnungen wurden bis Ende Mai verlängert.

Für die Luftfahrtbranche sorgt die Aufhebung allerdings bestenfalls für geringe Entspannung. Der innerdeutsche Flugverkehr ist entweder stark geschäftlicher Natur oder aber internationaler Umsteigeverkehr.

Denn Deutsche machen nicht den gesamten Teil des Binnentourismus in Deutschland aus. Internationale Touristen mit mehreren Zielen innerhalb Deutschlands kommen zu einem großen Teil mit dem Flugzeug ins Land und fehlen aktuell komplett.

Nur wenige Touristen fliegen innerdeutsch

Ohnehin fliegen nur wenige Touristen innerhalb Deutschlands. Die Reisenden verteilen sich vor allem auf den Individualverkehr, den Busverkehr und die Bahn. Die Deutsche Bahn hingegen fährt in der Krise mit einem vergleichsweise geringfügig reduzierten Angebot weiter, so dass hier viele Angebote bestehen.

Während Fahrten im PKW möglich sind, ist es mit dem Fernbusverkehr bisher noch nicht so weit, dieser ruht weiterhin. Flixbus teilte auf Anfrage mit, dass man die Situation beobachte und in engem Austausch mit den Behörden stehe. "Leider können wir im Moment noch keine genauen Aussagen treffen, ab wann wir unsere Fahrten wieder aufnehmen können."

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Ohnehin muss davon ausgegangen werden, dass der Binnentourismus mit den wegfallenden Übernachtungsbeschränkungen keinesfalls auf normalem Niveau neu startet. Die bisherigen Lockerungen zeigen, dass die Menschen nicht sofort in den Alltag zurückkehren, sondern vorsichtig sind. Das ist etwa erkennbar an vielen Geschäften, die zwar im Rahmen der Lockerungen nun wieder geöffnet wurden, aber nur zaghaft besucht werden.

Regionale Unterschiede bei den Corona-Zahlen

Dennoch lohnt ein Blick auf aktuelle Zahlen, insbesondere die regionale Betrachtung, um zu beurteilen, welche Urlaubsregionen bezogen auf Covid-19 ein geringes Risiko haben. Im internationalen Vergleich sieht Deutschland derzeit sehr gut aus, auch wenn die Messmethoden sich bisweilen unterscheiden.

Deutschland hat in allen Punkten sehr niedrige relative, also auf die Bevölkerung gerechnete, Werte. Das gilt sowohl für Zahlen mit tendenziell geringer Dunkelziffer (Todesfälle) als auch Zahlen, die mit Tests entdeckt werden müssen (Fallzahlen). Deutschland testet vergleichsweise oft, auch wenn die neuesten Daten dazu derzeit vom 19. April sind. Für die Betrachtung der Daten in der verlinkten Quelle muss der Zeitstrahl angepasst werden.

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Zudem ist die "Übersterblichkeit" in Deutschland nicht deutlich erkennbar. So sind - wohl auch Dank der Maßnahmen - bisher "nur" etwas mehr als 6.000 Menschen gestorben. Laut Eurostat starben in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland normalerweise über 950.000 Menschen pro Jahr. Somit deutet derzeit alles auf eine leichte "Übersterblichkeit" hin.

Das bedeutet aber nicht, dass Corona ungefährlich ist. Das stark unter einem Covid-19-Ausbruch leidende Spanien - mit jährlich normalerweise über 400.000 Todesfällen - hat beispielsweise über 20.000 Covid-19-Tote zu beklagen und damit eine deutlich erkennbare "Übersterblichkeit", die auch das Euromomo-Projekt gut erkenntlich macht. Deutschland fehlt hier leider, denn Euromomo hat nur Daten für Hessen und Berlin.

Die vom Robert Koch Institut nach Bundesländern aufgeschlüsselten Daten zeigen grob ein ähnliches Bild. Manche Bundesländer wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern wurden sogar bislang so gut wie gar nicht vom Virus erreicht. Die kumulative Inzidenz liegt bei 69 respektive 42 Fällen je 100.000 Einwohner (Stand: 28. April). Davon sind natürlich viele schon längst wieder gesund.

Der sehr ausführliche Report von Mecklenburg Vorpommern (28. April) zeigt nur noch wenige Neuinfektionen, die entdeckt werden. Der Inzidenz-Wert von kumulativ 42 pro 100.000 Einwohner ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass andere Länder im 14-Tage-Inzidenz-Bereich beim doppelten Wert liegen.

Das Robert-Koch-Institut arbeitet in seinen Publikationen auch mit einer zeitabhängigen Inzidenz. Dies ist etwa im Situationsbericht vom 28. April nachzulesen. Der Bezugszeitraum liegt bei sieben Tagen. Sie bestätigen den Gesamttrend. Der Situationsbericht zeigt aber, dass es immer noch regionale, stark betroffene Hot-Spots gibt. Die Stadtkreise Rosenheim und Straubing liegen etwa beide bei einem Sieben-Tage-Inzidenz-Wert von über 100, was unangenehm hoch ist. Doch die Werte sind trotzdem gut, da es laut dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren zu einer Entspannung kam.

Im Norden Deutschlands ist das Risiko am geringsten

Hoch ist das aber immer noch. Zum Vergleich: Alle Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern liegen bei unter fünf neuen Fällen je 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Hier sind die Chancen gut, dass nur wenige unentdeckte Krankheitsfälle unterwegs sind, die andere Menschen anstecken können und so einen größeren Ausbruch erzeugen könnten.

Übermittelte COVID-19-Fälle der letzten sieben Tage in Deutschland nach Landkreis und Bundesland (n=10.943), 28.04.2020, 0:00 Uhr). Die Fälle werden nach dem Landkreis ausgewiesen, aus dem sie übermittelt wurden. Dies entspricht in der Regel dem Wohnort, der nicht mit dem wahrscheinlichen Infektionsort übereinstimmen muss. Grafik: © Robert Koch Institut

In einigen Regionen Süddeutschlands sieht es nicht so gut aus. Aus der Karte wird deutlich, dass Reisewarnungen für bestimmte Gebiete nicht ausgeschlossen werden können. Eine Ungewissheit bleibt, denn eine Verbreitung des Virus kann auch schnell wieder lokal zunehmen. Die Vergangenheit zeigte, dass eine Verkettung ungünstiger Umstände die Virusverbreitung sofort lokal hochschnellen ließ.

Importierte Fälle aus anderen Ländern, wie etwa aus dem österreichischen Ischgl vor einigen Wochen, dürften hingegen aufgrund der weiterhin mehr oder weniger geschlossenen Grenzen unwahrscheinlich sein. Die Werte sehen insgesamt beruhigend aus.

Insgesamt lässt sich aus den Daten lesen, dass bei Reisen nach Nord- und Ostdeutschland mit geringeren Risiken und wenigen Überraschungen zu rechnen ist. Sowohl was das allgemeine Risiko bei Einhaltung der Regeln angeht als auch das Risiko plötzlicher Reiseverbote.

Forschung braucht Zeit, doch Zeit fehlt

Doch ausschließen lässt sich eine weitere Welle nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Die Forschung diesbezüglich beeilt sich zwar doch die Zahlen sind noch lückenhaft. Dazu gehört etwa das Feststellen von Antikörpern, doch diese Arbeit gestaltet sich für die Forscher schwierig. Für eine schnelle "Herdenimmunität", und damit einer Verringerung der Wahrscheinlichkeit einer zweiten Welle, reichen die Ergebnisse bisher selbst bei den besten Annahmen nicht. Noch ist das Wissen über das Virus allerdings dazu auch noch zu lückenhaft.

Die normalerweise benötigten Jahre der Forschung sind mit einem sich schnell verbreitenden Virus nur schwer vereinbar. Das lässt auch eine weitere Prognose zu: Die Politik wird wohl eher vorsichtig bleiben, da sie sich noch immer auf unbekanntem Terrain bewegt. Selbst Länder, die auf weniger Einschränkungen setzten, haben ihre Maßnahmen zuletzt eher verschärft, als sich zeigte, dass bei ihnen der Verlauf nicht so günstig war, wie etwa in Deutschland.

Somit ist weiterhin nicht davon auszugehen, dass der innerdeutsche Luftverkehr schnell wieder einen Aufwind erfahren dürfte. Da innerdeutsch auch die internationalen Passagiere fehlen, bleibt beispielsweise der Rumpfflugplan der Lufthansa folgerichtig auch weiterhin in Kraft und wurde aktuell bis Ende Mai verlängert.

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Im nächsten Teil betrachten wir dann die Lage in Europa und der Welt und blicken auf ausgewählte Länder wie Island, das an der Spitze zur Rückkehr zur Normalität steht und deutlich wichtigere Luftverkehrsmärkte wie Spanien, Italien und die USA, die besonders stark betroffen sind, sowie einige weitere wichtige interkontinentale wie auch kontinentale Ziele.

Bemerkungen zur Betrachtung von Corona-Daten

Nicht alle Zahlen haben auf dem Zeitstrahl immer dieselbe Relevanz, sodass ein Wechsel der Daten auf das jeweilige, auch zeitliche Szenario immer wieder berücksichtigt werden muss. Ständig steigende Fallzahlen verlieren im Laufe der Zeit ihre Relevanz, sind am Anfang allerdings interessant, da sie mit wenig Aufwand eine hohe Präzision bieten. Da sie die Gesundungen nicht berücksichtigen, kommt es hier nach einigen Wochen allerdings zu einem Problem. Absolute Fallzahlen suggerieren immer mehr Kranke in der Bevölkerung, obwohl die Anzahl der kranken Menschen tatsächlich abnehmen könnte, nämlich dann, wenn weniger Neuinfektionen mehr Gesundungen gegenüberstehen.

Mit anderen Worten, die klassische Anzeige der Fallzahlen in den Medien kann sich nicht verbessern. Zumal der Bezug zur Bevölkerung fehlt. In letzterem Falle kommt also die sogenannte Inzidenz zum Tragen, die Anzahl der Fälle in Relation zu den Einwohnern. In Deutschland wurde diese Zahl erst recht spät verwendet. So spät, dass sie auch schnell ihre Aussagekraft verlor, denn auch die Inzidenz kann nur schlimmer werden, selbst, wenn die Situation sich signifikant verbessert. Eine Lösung ist diesbezüglich der Blick entweder auf weitere Zahlen oder die oft genutzte 14-Tage-Inzidenz. Vor allem die Spanier und Europa setzen auf diese Werte und publizieren sie auch für andere Länder. Deutschland setzt vorwiegend auf die Sieben-Tage-Inzidenz.

Vorsichtig muss man auch sein, wenn zu große Regionen betrachtet werden. Die Lagebeurteilung ist schon mit deutschen Zahlen äußerst schwierig. Lokale, aber potenziell gefährliche Ausbrüche, wie etwa in Heinsberg, sind in den Zahlen von Nordrhein-Westfalen kaum erkennbar. Das Mecklenburg-Vorpommern fast gar nicht von dem Virus getroffen wurde, lässt sich beim Blick auf deutsche Zahlen ebenfalls nicht erkennen. Da Ausbrüche oft zuerst einen lokalen und dann erst einen regionalen oder schlimmstenfalls überregionalen Charakter haben, ist eine detaillierte Betrachtung der Zahlen eigentlich Pflicht. Aufgrund der Masse der Daten allerdings auch schwierig.

Von: Andreas Sebayang

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