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Hintergrund Komfortables WLAN soll Geschäftsreisende in die Bahn locken

Mit dem rollenden Arbeitsplatz gegen innerdeutsche Flüge: Die Deutsche Bahn will mit kostenlosem WLAN von Haustür-zur-Haustür punkten. In der Luftfahrt hätte eine derart durchgängige Internet-Verbindung deutlich höhere Hürden zu überkommen. Die verwendete Technik ist komplex.

Ein ICE der Deutschen Bahn verlässt den Fernbahnhof am Flughafen von Frankfurt. © dpa / Arne Dedert

Während in der Luftfahrt in Sachen Internet an Bord gerne von Gate-to-Gate-Konnektivität gesprochen wird, will die Deutsche Bahn für den Schienenverkehr bald ein sehr viel weitreichenderes Netz anbieten.

Die ersten Schritte hat der Bahn-Konzern sogar schon unbemerkt eingeleitet und konnte bei der Vorstellung des neuen Systems Mitte September bereits erste Erfahrungen präsentieren. Es geht um unterbrechungsfreies Roaming zwischen WLAN-Funkzellen, unabhängig von Standort, Geschwindigkeit oder dem genutzten DB-Fahrzeug. Im Idealfall soll sogar fast ein Haustür-zu-Haustür-Internet-Service unterbrechungsfrei und kostenfrei möglich werden.

Das liegt daran, dass die Deutsche Bahn alle wichtigen Verkehrsträger vernetzen will, die sie im Portfolio hat: der Regionalbus, die S-Bahn, Regionalzüge, natürlich der Bahnhof und die Fernverkehrsflotte. An einigen Stellen können Bahn-Kunden das schon seit Längerem nutzen. Dazu gehört das WLAN im ICE oder auch die Hotspots in größeren Bahnhöfen.

Wifi@DB als neuer Netzwerkname

Vollmundig heißt das geplante, DB-übergreifende Internet-Angebot dann auch "Wifi@DB", denn die Angebote in Bahnhöfen und der restlichen Flotte soll massiv ausgebaut werden. "Wifi@DB" ist auch gleichzeitig der Netzwerkname (SSID). WIFIonICE wird in Zukunft auslaufen. Derzeit ist das WLAN-Angebot allerdings noch lange nicht flächendeckend vorhanden. Im Wesentlichen müssen noch viele Züge abseits der ICE-Flotte nachgerüstet werden. Nur wenige Teilnetze im Regional- und S-Bahn-Verkehr sind bereits mit WLAN ausgestattet. Diese sollen nun aber nach und nach integriert werden. Selbiges gilt für den Internetzugang im DB-Regiobus.

Das Interessante an der neuen Internet-Offensive der Bahn ist, dass sich der Anwender für das gesamte Netz nur einmal anmelden muss, sprich den Bestimmungen zustimmen. Dann soll er über alle Grenzen Hinweg eingeloggt bleiben und sogar Videokonferenzen durchführen können. Das WLAN-Zellen-Roaming geht also nicht nur innerhalb eines Typs (Bahnhof, Zug, Bus), sondern auch darüber hinaus.

Bisheriges Wifi@DB-Netz im September 2020. Foto: © Deutsche Bahn

Während der aktuellen Testphase muss sich der Anwender noch einmal pro Tag anmelden. In Zukunft soll das einmal die Woche ausreichen. Die Deutsche Bahn tastet sich dabei vorsichtig hoch, um die Anzahl der gleichzeitig eingebuchten Geräte nicht zu schnell hochschnellen zu lassen. Denn nach einer Anmeldung wählen insbesondere Smartphones - auch bei Nichtnutzung - das WLAN der Bahn aus. Selbst wenn der Nutzer beispielsweise mit dem Auto neben einem Regionalzug fährt oder als Fußgänger in der Nähe eines Bahnhofs flaniert.

Eine Limitierung abseits dieser Anmeldung gibt es laut Deutsche Bahn nicht. Man geht nach dem Fair-Use-Prinzip. In der Spitze sind so pro Nutzer durchaus zwei bis drei MBit/s machbar. Allerdings nicht, wenn der Zug voll ist. Das Limit ist hier nicht das WLAN, sondern die Außenanbindung, die die Bahn ebenfalls aufrüsten will.

Warum nicht einfach mobil?

Warum das Ganze mag sich manch einer im Mobilfunkzeitalter (WWAN) Fragen, wenn Tarifen, dem Nutzer GByte-weise Daten bieten? Wer die Grundfrage nach der Berechtigung von WLAN stellt, der hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen großzügigen Mobilfunkvertrag für Deutschland mit einem guten Netzbetreiber und wohnt eher nicht auf dem Land.

Das übliche Vorurteil ist: Der Mobilfunkausbau ist doch schon gut genug und die Mobilfunkverträge bieten viel Volumen. Das mag für Großstädter unter den genannten Bedingungen durchaus gelten. Für die Fläche gilt das nicht. Das geht mitunter so weit, dass in Grenzgebieten, etwa zu Polen, Tschechien oder der Schweiz, der Empfang über das Nachbarland erheblich besser ist, als der über den deutschen Netzbetreiber.

Dazu kommen Nutzer mit schlechten oder auch günstigen Verträgen. Typisches WLAN-Datenvolumen ist über WWAN zudem oft nicht abdeckbar. Mobile Flatrates sind nach wie vor für viele zu teuer und Webseiten werden immer datenintensiver. Da muss man noch gar nicht an Videochats oder Musik-Streaming denken.

Der nächste Punkt sind Touristen, Geschäftsreisende und Besucher aus anderen Ländern. Diese arbeiten oft mit ihrer eigenen SIM-Karte im Roaming. Je nachdem, wo die Besucher herkommen, kann das schnell teuer werden. Zwar lässt sich die SIM-Karte tauschen, doch ohne Dual-SIM geht die Erreichbarkeit per Telefon dann verloren. Manche Messenger mögen einen Telefonnummernwechsel auch nicht. Relativ modern ist die eSIM, eine virtuelle, herunterladbare SIM-"Karte". Das ist tatsächlich eine Technik, die für viele Reisende attraktiv ist. Doch auch diese Tarife sind selten günstig und das Volumen schnell weg.

Investitionen von 44 Millionen Euro

Noch bis zum Jahresende will die Bahn etwa 44 Millionen Euro in das Projekt investieren und damit unter anderem 50 Prozent aller Reisenden im Bahnhof mit dem Internet verbinden. Konkret bedeutet das, dass dann die 130 verkehrsstärksten Bahnhöfe mit WLAN-Access-Points ausgestattet werden. Weitere Bahnhöfe sollen dann in den Folgejahren ausgerüstet werden. 700 sollen es insgesamt werden. Die für Geschäftskunden und Vielreisende wichtigen DB-Lounges sollen bereits vollständig WLAN bieten. In manchen Bahnhöfen wird sogar 5G-Mobilfunk als Verbindung ins Internet verwendet, so können auch Bahnhöfe mit schlechter Kommunikationsinfrastruktur ans schnelle Internet angebunden werden.

Im Jahr 2021 soll zudem ein großer Teil der DB-Regionalflotte mit WLAN ausgestattet werden. Sie gehört, genau wie die DB-Regionalbusse, zum Schwerpunkt der nächsten Jahre. Mehrere Hundert Fahrzeuge sollen ausgestattet werden, wie die Bahn angibt. Kaum erwähnt wurden die Intercity-Züge, doch deren Umrüstung ist ohnehin bereits in vollem Gang.

Bahn-WLAN in Zahlen

Der Aufbau eines WLAN ist grundsätzlich aufwendig. Allein im Berliner Hauptbahnhof sind es nach Angaben der Bahn 119 Access Points, die Reisende mit einem Internetzugang versorgen. In der Spitze wurden am Hauptbahnhof bereits rund 600 gleichzeitig eingebuchte Geräte erkannt, die sich vor allem mittags und gegen 17 Uhr einloggen. Im gesamten Bundesgebiet konnte die Deutsche Bahn so bereits fast 10.000 Geräte in Bahnhöfen erkennen.

In der ICE-Flotte waren es sogar erheblich mehr. Rund 13.000 Nutzer wurden in der Spitze gezählt, die im Zug interessanterweise vor allem am Morgen aktiv sind. Mit Beginn der Testphase hat die Deutsche Bahn auch die Anzahl der Endgeräte bestimmt, die im gesamten Netz erkannt wurden. Die Zahl liegt bei 4,7 Millionen Geräten, die insgesamt ein Datenvolumen von 440 TByte nutzten. Im Schnitt sind das etwas unter 100 MByte je Nutzer.

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Von: Andreas Sebayang

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