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Michael Kerkloh im Gespräch mit airliners.de. © airliners.de / Benjamin Recklies

Nach zwölf Jahren Planung steht die dritte Piste am Flughafen München vor dem Aus. Die neue bayerische Landesregierung aus CSU und Freien Wählern hat sich im Koalitionsvertrag auf ein Moratorium geeinigt: Fünf Jahre lang soll es keine Entscheidung für oder gegen die Startbahn am Airport geben. Dieses politische Statement produziert ganz automatisch Kapazitätsengpässe, prognostiziert Flughafenchef Michael Kerkloh im Interview mit airliners.de. Aufgeben will er das Projekt noch nicht: "Ab Startschuss brauchen wir fünf Jahre."

airliners.de: CSU und Freie Wähler klammern die dritte Bahn im Koalitionsvertrag erst einmal aus - ist der Ausbau damit trotz Planfeststellungsverfahren komplett gestorben?
Michael Kerkloh: Nein, das nicht. Erst einmal muss man festhalten: Wir haben nach wie vor Baurecht. Auch wenn wir für das Projekt schon seit Jahren werben, müssen wir die jetzt erfolgte politische Willensbildung akzeptieren. Wir würden die Bahn aus eigenen Mitteln finanzieren. Wir sprechen hier von 1,5 Milliarden Euro. Wo ist denn in Deutschland Geld für Infrastrukturmaßnahmen einfach da?

Wenn die Pläne für die Bahn jetzt politisch fünf Jahre aufgeschoben werden: Wie viel Zeit bleibt, um die Bahn zu bauen?
Der Planfeststellungsbeschluss gilt zehn plus fünf Jahre ab 2015. Wir haben also noch einen Handlungsspielraum bis 2030. Das heißt, es ist formal gesehen nicht eng - aber operativ natürlich schon. Ab Startschuss brauchen wir mit den gesamten vorbereitenden Maßnahmen inklusive der Bauarbeiten mindestens fünf Jahre, bis die Piste am Netz ist. Erst dann würde sich die operative Situation in München entspannen und das wäre dann erst gegen Ende des nächsten Jahrzehnts.

Was würde aus ihrer Sicht passieren, wenn der Bau nicht nur auf Eis gelegt würde, sondern komplett eingestampft.
Wenn man eine Startbahn nicht baut, dann werden die Folgen von der Öffentlichkeit erstmal nicht bemerkt. Dann werden Knappheiten verwaltetet und man registriert eigentlich nur, dass sich das Wachstum abflacht. Wenn man später doch mehr Kapazitäten benötigt, wird es schlicht zu spät sein. Für eine nicht gebaute Startbahn entwickelt man keine persönliche Betroffenheit, weil Luftfahrt kein Alltagsproblem der Bürger ist. Die dritte Bahn in München ist eine Bahn für Deutschland, da sie weltweite Verbindungen sichert. Wir brauchen die Bahn nicht für den zweiundzwanzigsten Flug nach Mallorca, sondern wir brauchen die Bahn für den Erhalt der Verbindungsqualität der Wirtschaftsstandorte Bayern und Deutschland. Wenn der Verkehr in Deutschland nicht mehr wachsen kann, suchen sich Airlines andere Standorte. Dann wird das Wachstum woanders stattfinden und die Wertschöpfungsketten eben auch.

Wie sehr hilft vor diesem Hintergrund die Aussage der Lufthansa, dass man München nicht ausbauen müsse?
Das hat Lufthansa ja nicht gesagt. Lufthansa hat gesagt, sie könne auch mit einem Ausbau etwas später leben.

Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister hatte kürzlich gesagt, dass man sich keinen "illusorischen Runways" widmen sollte, er fordert stattdessen mehr Terminalkapazitäten.
Wenn Lufthansa als Global Player auch in Zukunft weiter wachsen will, spielen Kapazitätserweiterungen, Terminals und Startbahn eine Schlüsselrolle, insbesondere an den Drehkreuzen in Frankfurt und München, wie immer auch die Rollenverteilung dann ist. Für Flottenvergrößerungen stellen sie eine Conditio sine qua non (grundlegende Bedingung) dar. Sonst kriegt auch eine wachsende Lufthansa ihre Umläufe nicht mehr hin.

Zum Interviewpartner

Der Manager: Michael Kerkloh ist seit September 2002 Chef des Flughafens Münchens. Sein Vertrag läuft noch bis 2019. Seit 2017 ist Kerkloh Präsident des europäischen Flughafenverbandes ACI. Zuvor stand er vier Jahre an der Spitze des deutschen Verbandes ADV.

Der Mensch: Michael Kerkloh ist begeisterter Musiker. Er spielt Klavier, Geige und Gitarre. Er ist Gitarrist der Rockband "Next Generation".

Also liegt es an der Politik. Sie haben auch am "Luftfahrtgipfel" in Hamburg teilgenommen. Was hat der Gipfel aus ihrer Sicht gebracht?
Der Gipfel war notwendig und hat allen Beteiligten die Problematik klar vor Augen geführt. Es gibt unterschiedliche Einflussgrößen, die stabile Operations ermöglichen. Eine davon sind Reserven. Wir brauchen wieder Personal-Reserven, technische Reserven, Flugzeugkapazitäten und Fluglotsen. Das haben alle erkannt und da arbeiten alle gemeinsam dran. Gleichzeitig betrifft das auch komplexe europäische Themen. Es kann doch nicht sein, dass die Lufthansa bei einem innerdeutschen Flug nicht mehr auf 33.000 Fuß hoch kann, weil dort alles voll ist zum Beispiel mit Flügen von Amsterdam zu Zielen in Südosteuropa. Rund 60 Prozent aller Flugbewegungen im deutschen Luftraum sind Überflüge. Wenn ein Flieger wegen Start-up-Clearance-Problemen nicht hoch kann, steht der wartend auf dem Platz.

Was schlagen Sie also vor: Amsterdam dicht machen und einen europäischen Gipfel abhalten?
Wir haben in Europa einen freien Markt, aber aufgrund der zentralen Lage eine Überbelastungssituation des deutschen Luftraums. Bleibt die Frage, ob man das nicht wie in anderen Ländern regeln kann, die ihren Luftraum für Überflüge begrenzen. Man muss sich überlegen, ob man da steuernd eingreift. Die Branche hat den Ernst der Lage erkannt.

Die Branche wird den Ernst der Lage schon etliche Jahre erkannt haben ... Haben Sie den Eindruck, dass auch der Politik klar geworden ist, was auf dem Spiel steht?
Ja, denn aus unserer Sicht ist es gut, dass der Luftfahrtgipfel stattgefunden hat. Genau das wollten wir jahrelang. Es ist ja leider so, dass die Politik erst aufmerksam wird, wenn die Not am größten ist. Es freut uns auch, dass es kein einmaliges Ereignis sein soll. Wir wollen uns ja schon im März wieder treffen. Es muss einen turnusmäßigen Luftfahrtgipfel geben. Auch einfach um die Politik auf dem aktuellen Stand zu halten und gleichzeitig das Bewusstsein zu schaffen, dass Luftfahrt ein elementarerer Bestandteil des Wirtschaftsstandorts Deutschland ist.

Zum Schluss noch mal der Blick auf die Konkurrenz: Was birgt denn die Eröffnung des neuen Flughafens in Istanbul für Gefahren für den Flughafen München. Wird das erreichte Level abflachen oder sich halten?
In Istanbul ist gerade ein Großflughafen eröffnet worden, der auch nach Anlaufschwierigkeiten funktionieren wird. Das ist insgesamt schon eine bemerkenswerte Aussage: "Wir bauen den größten Airport der Welt." Das ist eine Ansage zuerst an die Golf-Staaten, aber es ist auch eine Ansage an uns. Ob das für den Passagier dann das beste Erlebnis ist, lasse ich erst einmal offen. Solange die Anker-Airline bleibt - in unserm Fall die Lufthansa -, wird das Level zu halten sein. Aber es stellt sich die Frage nach der Zukunft. Wir Deutschen verwalten erstmal gerne den Status quo.

Vielen Dank, Herr Kerkloh.

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