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"Eigentlich klimaschädlich": Klimaschützer sehen Corsia als gescheitert an

Die Umweltorganisation T&E lässt nach der Analyse einer EU-Studie kein gutes Haar an Corsia. Durch die viel zu laxen Regeln sei der Marktmechanismus quasi ausgesetzt und das globale Abkommen könne keinen Nutzen entfalten.

Council Chamber der UN-Luftfahrtorganisation Icao in Montreal © Icao

Die europäische Umwelt-Lobbygruppe Transport and Environment (T&E) hat, nach eigenen Angaben auf Anfrage, Zugang zu einer bisher unveröffentlichten Studie der EU-Kommission zum globalen CO2-Offsetting-Abkommen Corsia von September 2020 erhalten.

Die EU-Studie zeige, dass Corsia Europas Klimabemühungen im Luftverkehr untergraben könnte, sollte der wesentlich ambitioniertere europäische Emissionshandel EU-ETS dafür aufgegeben werden, schreibt T&E. In jedem Fall würde das Abkommen am "Klimaeffekt des Luftverkehrs nichts wesentliches ändern", heißt es in der Studie offensiv. Die Studie komme zum Schluss, dass eine ausschließliche Emissionsregulierung des Luftverkehrs über Corsia sogar zu einem Netto-Anstieg der weltweiten Emissionen führen würde.

Dieses Szenario ist allerdings nur eins von sechs, das die Kommission gegenwärtig untersucht, um, so ist es zumindest geplant, im Sommer zu einer Entscheidung zu kommen. T&E betont, dass das andere Extrem, die ausschließliche Anwendung des EU-ETS auf alle Flüge nach und innerhalb Europas, die größte Klimawirkung entfalten würde.

Die Gründe dafür finden sich aus Sicht der Umweltschützer sowohl in strukturellen Problemen des Offsetting-Konzepts als auch im Detail in viel zu zurückhaltenden Ambitionen, was Kosten und Ziele angeht. Eines der größten Probleme sei aber die Gefahr des sogenannten "Double Count". Denn infolge des Pariser Klimaabkommens existieren in allen an Corsia teilnehmenden Ländern bereits Offset-Projekte, um die jeweiligen nationalen Klimaziele zu erreichen.

Zertifikate-Preis von unter einem Euro befürchtet

Die Icao, die für Corsia verantwortliche UN-Behörde, überlegt nun auf Druck vor allem von Schwellenländern, auch Zertifikate bereits existierender Projekte für die Airlines der teilnehmenden Länder zugänglich zu machen. Deren Emissionsreduzierung wird jedoch bereits auf die jeweiligen nationalen Klimaziele angerechnet, es droht in der Gesamtschau daher laut T&E die doppelte Anrechnung.

Ein weiteres Fazit: Die Fluggesellschaften kämen viel zu billig weg. Durch die Covid-Krise und die Veränderung der Baseline für Corsia noch einmal verschärft, würde gerade in den ersten Jahren des Abkommens das Angebot an Offset-Zertifikaten die Nachfrage durch Airlines um das Dreifache übersteigen. Es seit mit einem Unit-Preis von unter einem Euro zu rechnen. Es entstehe keine Anreizwirkung für Fluggesellschaften, CO2 einzusparen. Hinzu komme, dass mit China, Russland, Indien, Brasilien und Vietnam jetzige und künftige Luftfahrtschwergewichte keinerlei Ambitionen zeigten, in der freiwilligen Phase bis 2027 bereits an dem UN-Abkommen teilzunehmen.

Für die Klimaschützer steht fest: Die EU muss den europäischen Luftfahrt-Emissionshandel erhalten und eigentlich ausweiten, soll die Branche die Klimaschutzziele erreichen. "Wir haben fast ein ganzes Jahrzehnt darauf verschwendet, einen CO2-Plan für Fluggesellschaften zu entwickeln, der eigentlich klimaschädlich ist", schlussfolgert Jo Dardenne, Luftfahrtmanager bei T&E. Die Fluggesellschaften würden unter Corsia für weniger als einen Euro CO2-Ausgleichszertifikate kaufen, "die nichts bringen". Die Studie müsse von der EU als Aufforderung verstanden werden, Verantwortung zu übernehmen.

Von: dk

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