Gastautor werden

Schiene, Straße, Luft (33) Keine Freifahrt nach Köpenick

Uniformierte Soldaten dürfen jetzt kostenlos Bahn fahren. Soldat, Uniform, Bahn - da war doch was... Verkehrsjournalist Thomas Rietig enthüllt literarische Aspekte der neuen Regelung. Und dürfen Soldaten eigentlich kostenlos fliegen?

Otto Durst © Adobe Stock 23657624 / Soldaten der Bundeswehr

Es war vor mehr als 100 Jahren, als Soldaten eine denkwürdige, wohl kostenlose Bahnfahrt unternahmen. Die Straße stand bei der historischen Verkehrsmittelwahl nur kurz zur Debatte, denn es war nicht möglich, "Kraftwagen zu requirieren". Soweit die Aussage Wilhelm Voigts, weltweit als Hauptmann von Köpenick bekannt geworden, vor Gericht.

Der berühmte Streich des kleinkriminellen Schusters, von Carl Zuckmayer später souverän in Szene gesetzt, kam uns in den Sinn, als sich Bundesbahn – Verzeihung! Deutsche Bahn - und Bundeswehr endlich einigten, Soldatinnen und Soldaten in Uniform kostenlos Zug fahren zu lassen.

Wer nun aber glaubt, die oder der Gefreite, der Herr oder die Frau Oberst in Uniform könnten bald einfach so in den Zug steigen und egal wohin fahren, der täuscht sich. Bei der Deutschen Bahn muss es Literaturwissenschaftler oder Historikerinnen geben, die die Köpenickiade kennen. Denn: damals verschaffte sich der Schuhmacher Voigt nach Verbüßung einer Haftstrafe eine Uniform, rekrutierte damit als falscher Hauptmann einige Soldaten und bestieg mit ihnen – vermutlich nach einem Fußmarsch - die S-Bahn, um von Berlin-Plötzensee nach Köpenick zu gelangen, weil, wie gesagt, keine Kraftwagen da waren, die er hätte für die Fahrt beschlagnahmen können.

Eine Köpenickiade im 21. Jahrundert? Nicht mit bundesdeutschen Behörden

Der Dichter dagegen lässt die Fahrt erst im Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof, beginnen. In dessen Klo legt Voigt die beim Trödler erstandene Uniform an, begleitet von dem legendär gewordenen Satz eines Wartenden vor der Toilettentür: „Herrgott, wer scheißt denn hier so lange?“

Zuckmayer schrieb das Drama nicht nur, weil er Spaß daran hatte. Er wollte die widersprüchliche deutsche Bürokratie anprangern und der Lächerlichkeit preisgeben. Denn wer keine Arbeit hatte, bekam keine Aufenthaltserlaubnis und umgekehrt, und so konnten verurteilte Täter nach Verbüßung ihrer Strafe leicht wieder auf die schiefe Bahn geraten.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: Aus der Fläche ist schnelles Reisen oft schwierig Zug statt Flug (1)

Weder in der historischen Überlieferung noch im Theaterstück ist davon die Rede, dass es 1906 weiterer Legitimation als der Uniform bedurfte, um kostenlos Bahn zu fahren. Mit der Idee im Kopf, auch heutzutage gelte der graue Rock alleine schon als Freifahrtschein, überlegten daher Superschlaue in den vergangenen Tagen, ob sie statt der BahnCard 100 für 4.395 Euro eine Bundeswehruniform für deutlich weniger Geld erwerben und dann eben fahrn, fahrn, fahrn. Da sagten sich die 2019 Zuständigen bei Bahn und Wehr, eine Wiederholung der Köpenicker Geschichte müsse verhindert werden.

Und deshalb ist alles nicht mehr so wie früher. Die moderne Bürokratie greift nun an einer anderen Stelle, wie der Wortlaut der DB-Pressemitteilung belegt: „Die Fahrtberechtigung besteht für die Soldatin oder den Soldaten in Uniform in Verbindung mit dem Truppenausweis, einem seitens der Bundeswehr ausgegebenen Legitimationsdokument sowie der durch den Soldaten oder die Soldatin kostenlos gebuchten Fahrkarte.“ Fehlt eigentlich nur noch der Impfpass.

Es ist uns nicht bekannt, ob die Verwaltung der Königlich Preußischen Staatsbahn die Eisenbahn-Reise des vorgeblichen Hauptmanns und seiner kleinen Truppe registriert, verbucht und der zuständigen Stelle der Kaiserlichen Armee in Rechnung gestellt hat. Auch die aktuelle Regelung enthält keine Abgeltung nach Passagierzahlen, sondern: „Die DB erhält von der Bundeswehr eine pauschale Vergütung. Eine Evaluierung des Pauschalbetrages erfolgt regelmäßig.“ Unbestätigten Berichten zufolge soll sie anfangs vier Millionen Euro pro Jahr betragen.

Nur in zwei von 300 Bahnunternehmen gilt die Freifahrt

Eine weitere Änderung im Vergleich mit dem Kaiserreich: Die Soldaten dürfen nicht einfach kostenlos „Bahn“ fahren, sondern nur „Deutsche Bahn (Fernverkehr und DB Regio)“. Mit anderen Worten: nicht Flixtrain, ODEG, Bayerische Oberlandbahn und wie die mehr als 300 in Deutschland operierenden Bahnunternehmen heißen. Von Bussen oder U-Bahnen ganz zu schweigen. Auch eine kostenlose Fahrt nach Köpenick ist nicht möglich, denn mit der S-Bahn Berlin GmbH – einer Tochter der Deutschen Bahn - dürfen zwar Polizisten in Uniform und bewaffnet, jedoch keine Hauptmänner und -frauen der Bundeswehr in Uniform kostenlos fahren.

Wo wir gerade bei multimodaler Mobilität mit Ausnahme von Kraftwagen sind, erörtern wir noch die Frage, ob Soldatinnen und Soldaten kostenlos fliegen dürfen. Am Gate und in der Kabine ergeben sich natürlich größere Probleme als am Bahnsteig und im ICE. Etwa die Frage, ob die diversen Sicherheitsgebühren entfallen, die Bestandteil des Ticketpreises sind. Auch Menschen in Uniform können ja ein Sicherheitsrisiko darstellen, wie der Militärische Abschirmdienst auf Anfrage sicher gerne bestätigt. Und für jede Buchung müsste ein Sitzplatz vorgehalten werden, was im Zug nicht erforderlich ist, es sei denn, der Soldat reserviert ihn kostenpflichtig.

© Deutsche Bahn, Claus Weber Lesen Sie auch: Mit zu wenigen Gleisen kompliziert durch Deutschland Zug statt Flug (2)

Also dürfen die tapferen Krieger wahrscheinlich auch künftig nicht kostenlos fliegen. Trotzdem fragen wir sicherheitshalber nach. Ein erster Anruf bei der Presseabteilung des einstigen deutschen Flag Carriers stieß auf Ratlosigkeit. Ein zugesagter Rückruf der Lufthansa blieb bis Redaktionsschluss aus. Gut, dass die Bundeswehr eine Pressestelle unterhält, die auf Zack ist. Verteidigungsministeriumssprecher Frank Fähnrich beantwortet die Frage mit einem klaren „Nein“. Sein Dienstgrad lautet übrigens Kapitän zur See. Aber das Fass, ob Soldaten auf Kreuzfahrtschiffen vielleicht…., das machen wir jetzt nicht auch noch auf.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig Jetzt Gastautor werden

Lesen Sie jetzt
Themen
Schiene-Straße-Luft Behörden, Organisationen Recht Rahmenbedingungen Verkehr Deutsche Bahn Gastbeitrag