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Jetzt kommen die schwierigen Fälle der Operation "Luftbrücke"

160.000 Deutsche hat das Auswärtige Amt zusammen mit Reiseveranstaltern und Airlines in der Corona-Krise bereits aus dem Ausland zurückgeholt - vor allem aus den großen Ferienhochburgen. Bei den restlichen 40.000 Gestrandeten wird die Aufgabe ungleich schwerer.

Ein Pärchen küsst sich am Flughafen. © dpa / Emilio Morenatti

Die Odyssee der vierköpfigen Forschergruppe um Raija Kramer dauert nun schon fast vier Wochen. Am 2. März traf die Professorin für Afrikanistik an der Universität Hamburg in Kamerun ein, um in Ngaoundéré im Norden des westafrikanischen Landes den Einfluss sozialer Netzwerke auf den Sprachgebrauch zu erforschen. Nach elf Tagen brach sie das Projekt nach den dramatischen Nachrichten aus Europa über die Ausbreitung der Corona-Pandemie abrupt ab.

Die Rückreise in die Hauptstadt Jaunde gestaltete sich aber schwierig. Erst erkrankte ein Student an Typhus, dann brachen in Ngaoundéré Unruhen mit brennenden Barrikaden und Schusswechseln aus. Als die vier Forscher schließlich am 18. März in Jaunde eintrafen, hatte der letzte reguläre Flieger nach Kamerun gerade verlassen.

Seitdem sind die Grenzen dicht und Raija Kramer sitzt mit zwei Studenten und einer Doktorandin in dem einzigen Hotel fest, das die deutsche Botschaft noch für sicher erachtet. Dort wartet sie darauf, dass die von Bundesaußenminister Heiko Maas vergangene Woche angekündigte "Luftbrücke" für gestrandete Deutsche auch in Westafrika andockt.

50 Mitarbeiter im Schichtdienst koordinieren die "Luftbrücke"

Auf die Straße geht sie nicht mehr, nachdem sie als Europäerin offen angefeindet wurde. "Uns wurde "Virus, Virus" hinterhergerufen und gesagt, dass man wegen uns in Kamerun nicht mehr atmen kann", erzählt Kramer. Solche Beschimpfungen kämen zwar nur von einem Teil der Kameruner, aber trotzdem: "Es ist tatsächlich bedrohlich", sagt die 42-jährige Kramer, auf die zwei kleine Kinder in Deutschland warten.

© dpa, Emilio Morenatti/AP Lesen Sie auch: Corona-Rückholflüge laufen an

Der Fall der Hamburger Forscher ist nur einer von Tausenden. Das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts (AA), in dem sich 50 Mitarbeiter im Schichtdienst 24 Stunden lang um die Operation "Luftbrücke" kümmern, hat zusammen mit der Lufthansa und Reiseveranstaltern bereits die Rückkehr von rund 160.000 Deutschen organisiert. Das ist der größte Teil der über 200.000 Reisenden, die sich in die Rückkehrerlisten des AA eingetragen haben.

Aber bisher wurden vor allem die Hauptferienziele angeflogen, wo man mit geringem logistischen Aufwand einen Flieger nach dem anderen füllen konnte: Ägypten, Philippinen, Dominikanische Republik. Aus der Türkei oder Spanien konnten fast alle Touristen sogar noch vor Einstellung des regulären Flugverkehrs ausreisen.

Treffpunkt: Neuseeland

Jetzt richtet sich der Blick immer stärker auf unzugänglichere Weltregionen, in denen versprengt Individualtouristen und Abenteurer unterwegs sind. "Wir können nicht nur zehn Leute irgendwo abholen, sondern versuchen regional Gruppen zu bilden", sagt der Krisenbeauftragte des Auswärtigen Amts, Frank Hartmann, im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Wer etwa auf den Südseeinseln Fidschi oder Tahiti stecken geblieben ist, muss erstmal nach Neuseeland. Von dort gehen dann zentrale Flüge nach Deutschland.

Bei der Suche nach Lösungen ist viel Kreativität gefragt - und europäische Kooperation. "Mein französischer Kollege hat mir zum Beispiel angeboten, deutsche Touristen aus Haiti und Nepal mitzunehmen, und uns dafür gebeten, Franzosen aus Australien auszufliegen", sagt Hartmann. "Das ist wie auf einer Börse, ein Geben und Nehmen."

© dpa, Etienne Ansotte Lesen Sie auch: EU will Großteil der Kosten für europäische Rückholaktionen übernehmen

Was den Krisenmanagern aber auch zu schaffen macht, sind die immer stärkeren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, so dass viele Reisende Probleme haben, zum Flughafen zu kommen. Für die 1,3 Milliarden Einwohner Indiens gilt beispielsweise seit dieser Woche eine strikte Ausgangssperre. Raus darf man nur für Einkäufe oder andere wichtige Besorgungen. Die Botschaft stellt den Deutschen, die zum Flughafen wollen, deswegen Passierscheine aus.

Und auch spontane Grenzschließungen können zu Problemen führen. Seit drei Tagen harren mehr als 100 Reisende, darunter auch mehrere Deutsche, am Flughafen Dubai aus, nachdem dieser kurzfristig sämtlichen Passagierverkehr eingestellt hatte und die Verbindungsflüge der Reisenden nicht mehr zurück nach Deutschland gingen. In Marokko sitzen immer noch mehr als 300 Wohnmobile fest, die versucht hatten, über die spanische Exklave Ceuta nach Europa zu gelangen.

Raus kommt man fast immer

Das aus einzelnen Staaten Deutsche gar nicht mehr herausgelassen werden, erwartet Hartmann nicht. "Im Grunde sind viele Länder erleichtert, wenn die Touristen abfliegen. Sie können sie auf Dauer dort nicht halten, sie wollen ja auch ihre Hotels schließen", sagt der Krisenbeauftragte.

Auch für das Hamburger Forscherteam gibt es inzwischen Hoffnung. Am Donnerstagabend bekam Raija Kramer eine E-Mail mit dem Betreff: "Landsleutebrief mit guten Nachrichten". Darin heißt es: "Nach intensiven Verhandlungen mit der Regierung Kameruns ist es gelungen, eine Übereinkunft zur geregelten Ausreise von sich nur vorübergehend im Lande befindlichen deutschen Staatsangehörigen zu erreichen." Die Erlösung ist das zwar noch nicht, die Rückholflüge für schätzungsweise mehr als 3000 Europäer in Kamerun müssen noch organisiert werden. Aber eine große Hürde ist damit genommen.

© dpa, Rahel Patrass Lesen Sie auch: Rückholaktion wird noch mindestens zwei weitere Wochen dauern

Die Krisenmanager des AA gehen davon aus, dass die ganze Operation mindestens noch zwei Wochen dauert. "Das ist eine gigantische Aufgabe", sagt Hartmann. Am Ende der Aktion werde man noch einmal alle Länder abfragen und gegebenenfalls vereinzelt auch noch weitere Flieger schicken. "Wir können aber nicht garantieren, dass am Ende jeder, der irgendwo auf der Welt unterwegs ist, auch abgeholt wird. Das ist angesichts der Lage in einigen Ländern kaum leistbar, auch wenn wir uns um jeden Einzelnen bemühen."

Von: dk, dpa

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