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Interview "Statistisch passen Flugunfälle nur ins Gesetz der großen Zahlen"

Kann man die (un)sichersten Fluggesellschaften in einem durchnummerierten Ranking darstellen? Kaum, sagt Statistikprofessor Andreas Thams. Im Interview präsentiert er einen passenderen Vorschlag und erklärt, welche Risikowahrscheinlichkeiten sich aus Flugunfalldaten tatsächlich modellieren lassen.

Wrackteile des über der Sinai-Halbinsel abgestürzten Airbus A321 der russischen Kolavia. © dpa / EPA/Maxim Grigoriev/ Russian Emergency Ministry

Wie ernst zu nehmen sind die jährlich von verschiedenen Anbietern herausgegebenen Sicherheits-Rankings von Fluggesellschaften, die regelmäßig ein großes mediales Echo erzeugen? Wir haben einen Statistiker mit Luftverkehrsbezug befragt, welche Schlüsse man aus den wenigen Unfällen im zivilen Luftverkehr ziehen kann und welche nicht. Ein Interview mit Prof. Dr. Andreas Thams über Randwahrscheinlichkeiten, Monte-Carlo-Simulationen und das Gesetz der großen Zahlen in Bezug auf Luftverkehrssicherheit.

Professor Thams, mit etwas Fantasie kann man Zusammenhänge erkennen, die nicht unbedingt stimmen müssen. So ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugunfall zu sterben, im vergangenen Jahr um über 400 Prozent angestiegen, während gleichzeitig ein großer Anteil der Geschäftsreisenden angibt, zukünftig verstärkt auf Videokonferenzen zu setzen. Ein dramatischer Vertrauensverlust für die Luftfahrt, oder?

Prof. Andreas Thams: (Lacht) Nein, das kann ja nicht sein. Erst einmal muss man sich hüten, statistische Erkenntnisse in einen Zusammenhang zu setzen, die zwar im Ergebnis korrelieren, aber inhaltlich nicht zusammengehören. Dass Videokonferenzen während der Corona-Homeoffice-Zeit gefragt sind und einige das zum Teil auch beibehalten wollen, hat ja nichts mit der unterstellten Verschlechterung der Luftsicherheit zu tun.
Aber da kommen wir zum zweiten Fehler in der Auslegung. Auch hier kommt Corona zum Tragen, was dazu führt, dass die Anzahl der operierten Flüge und die der Sitzplatzkilometer deutlich gesunken sind, was Einzug in diese Statistik hält. Verglichen damit gab es bedauerlicherweise verhältnismäßig mehr Todesopfer bei Flugunfällen, verglichen mit dem Jahr davor.

Aber hätte man statistisch betrachtet nicht von weit weniger Unfalltoten ausgehen müssen - oder andersrum gefragt: Gibt es generell so wenige Unfälle in der Luftfahrt, dass solche Zahlen ohnehin nur zufällig ausfallen?

Nunja, das hat zunächst einmal damit zu tun, dass in der Bewertung meist eine komplett vergangenheitsorientierte Sicht stattfindet. Das ist ja nichts Gegenwartorientiertes und damit haben Sie diese rein kalkulatorischen 400 Prozent, wenn die denn überhaupt stimmen, was ich nicht nachgeprüft habe, weil die Zahl als solches schlichtweg keinen Sinn macht. Sie ist das Ergebnis eines rein rechnerischen Effekts. Fliegen an sich ist aber deswegen nicht unsicherer geworden. Nehmen wir den Absturz eines Widebodys. Das passiert ja zum Glück nur extrem selten. Aber dann ist der Luftverkehr insgesamt in diesem Jahr ja nicht unsicherer geworden. Statistisch gesehen schlägt hier das Gesetz der großen Zahlen zu, mit dem Ergebnis, dass es in unserem Beispiel einmalig zu einem Ereignis mit einer erhöhten Zahl von Todesopfern gekommen ist. Womit wir es hier also statistisch zu tun haben, sind sogenannte Randwahrscheinlichkeiten.

Haben Sie vielleicht ein Beispiel abseits der Luftfahrt zu Randwahrscheinlichkeiten?

Von: David Haße

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