Interview "Die Politik hat bei den Luftsicherheitskontrollen nicht geliefert“

Der Chef des Dienstleisters Kötter Aviation, Peter Lange, skizziert im Interview mit airliners.de, was sich an Ausbildung sowie Verständnis des Berufs Luftsicherheitsassistenten ändern muss - und an welchem Punkt er sich mehr Engagement der Bundesregierung wünscht.

Sicherheitsschleuse mit Durchleuchtungsvorrichtung am Frankfurter Flughafen. © dpa / Uwe Anspach

2017 erlangte der Sicherheitsdienstleister Kötter in der Luftverkehrsbranche auf sehr zweifelhafte Weise bundesweit Ruhm: An den Passagierkontrollen des Flughafens Düsseldorf bildeten sich lange Schlangen - die Abfertigung an den Strecken hakte. Leider war dies nur ein Vorbote auf Probleme im ganzen System: 2018 hieß der Airport nicht mehr Düsseldorf, sondern Frankfurt, Hamburg oder München. Die Politik versprach eine Reform der Kontrollen - und blieb diese bislang schuldig. Im Gespräch mit airliners.de skizziert Kötter-Chef Peter Lange, an welchen Stellen Sand im Getriebe ist und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit die Kontrollen überall wieder zuverlässig werden.

airliners.de: Herr Lange, noch im vergangenen Jahr ist Kötter wegen langer Warteschlangen bei den Passagierkontrollen am Flughafen Düsseldorf in die öffentliche Kritik geraten. In diesem Jahr verliefen die Kontrollen hingehend weitestgehend reibungslos?
Peter Lange: Die Formulierung weitestgehend ist mir zu defensiv. Wir haben über das Jahr gesehen die höchsten Erfüllungsquoten der Sicherheitsdienstleister an den großen Verkehrsflughäfen geliefert. Gerade in den letzten Monaten und in der reiseintensiven Vorweihnachtszeit, lagen unsere Erfüllungsquoten bei bis zu 100 Prozent. Darauf sind unsere Luftsicherheitsassistenten zu Recht sehr stolz. Sie haben mit Ihrer Anmerkung 'weitestgehend' sicher auch auf die nicht immer ganz präzisen Kontrollstundenanforderungen in Düsseldorf angespielt. ARC ist für uns ein wichtiger Partner, der hilft, die Prozesskette am Flughafen weiter zu optimieren. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass ein solch komplexes Projekt, das wir gemeinsam mit Bundespolizei, Flughafenbetreiber und den Airlines unterstützen, vom ersten Tag an perfekt läuft. Wir müssen Innovationen in der Luftsicherheit aufgeschlossen gegenüberstehen. Und ARC ist eine sinnvolle Innovation. Für die Novemberfehler war ARC nicht verantwortlich.

Heißt dann aber auch: Ohne Innovationen wäre 2018 gelaufen wie 2017?
Nein. Unser bereits 2017 aufgesetztes Maßnahmenbündel hat Früchte getragen. Wir haben die versprochenen rund 250 Luftsicherheitsassistenten neu eingestellt. Kaufmännisch betrachtet haben wir im Moment tatsächlich Personalkapazitäten über den Durst. Für dieses ernste Problem der überschüssigen Personalkapazität haben wir noch keine Lösung.

Sie bezahlen also mehr Leute als sie eigentlich brauchen?
Ja.

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© FC Schalke 04

Peter Lange leitet seit 2017 die Kötter Aviation Security SE - für "unbestimmte Zeit". Zuvor war er von 1997 bis 2004 Chef des Flughafens Düsseldorf, anschließend Geschäftsführer des dortigen Ground Handlings und steuerte den Logistikbereich der heutigen Funke-Mediengruppe. Außerdem sitzt er im Aufsichtsrat des FC Schalke 04.

Sie geben mehr Geld aus als sie einnehmen?
Genau. Als Dienstleister muss man die Gelegenheit haben, auskömmlich zu arbeiten. Das ist spätestens seit diesem Jahr nicht mehr der Fall. Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend zu unseren Ungunsten verändert. Das ist eine objektive Tatsache - und kein Meinungsstreit. Hier kann uns nur unserer Auftraggeber, die Bundespolizei, helfen. Fest steht, dass es so nicht weitergehen kann.

Sprich, Düsseldorfs Airportchef Thomas Schnalke hat recht, wenn er fordert, die Beauftragung der Dienstleistungen rund um die Sicherheitskontrollen vom Ministerium an die Flughäfen abzugeben? Das lässt dann deutschlandweit die Passagiere nicht so lange warten wie in diesem Sommer?
Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Zusammenarbeit mit der Bundespolizei und den Sicherheitsdienstleistern in Deutschland über Jahrzehnte mehr als bewährt hat. Für den Reisenden bedeutet Qualität natürlich in erster Linie eine zügige Abfertigung. Dies darf aber auf keinen Fall auf Kosten der Sicherheit geschehen. Ohne die fachliche Kontrolle durch die Bundesbehörden wird sich kein gemeinsamer Standard durchsetzen. Es gilt für uns Dienstleister, egal wer zukünftig Auftraggeber ist: Sicherheit zuerst. Die Abwicklung der operativen und kaufmännischen Organisation ist also eine nachgelagerte Frage.

Dennoch ist inzwischen sogar in der Politik angekommen, dass sich etwas bei dem Thema ändern muss ...
Wir alle wissen, dass das Luftverkehrsaufkommen noch weiter steigen wird. Das Thema der Luftsicherheitskontrolle steht in ganz Deutschland zur Debatte. Selbst im Koalitionsvertrag ist beschrieben, dass organisatorische Neuregelungen angegangen werden sollen. Gleichzeitig sollen die Kosten für den Sicherheitsbereich gedeckelt werden. Die Politik hat sich also viel vorgenommen, allerdings keine konkreten Lösungsvorschläge gemacht.

Oder sie setzt erfolgreich getestete Lösungen wie Easy Security nicht um?
Das bedaure ich. Auch weil unsere Kölner Team daran intensiv mitgewirkt hat. Die Ergebnisse haben alle Beteiligten überzeugt. Easy Security bot gerade geübten Reisenden die Möglichkeit zu einer noch zügigeren Abfertigung. Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist, dass NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst nun versucht, das Projekt aufs Neue im Bundesinnenministerium zu verankern. Ich wünsche mir, dass er dabei erfolgreich ist.

Das ist die eine Seite der Medaille - die andere ist zweifelsohne die Ausbildung. Da gab es häufig Kritik - auch weil die Besteherquoten Ihrer Bewerber angeblich niedrig sind. Das System Luftsicherheitskontrollen muss also auch am anderen Ende reformiert werden?
In den ersten Monaten des Jahres lief die Ausbildung tatsächlich nicht gut. Eigenartig ist, dass nur unser Unternehmen für die niedrigen Besteherquoten kritisiert wird. Die Quote der gesamten Branche liegt in diesem Jahr bei 58 Prozent. In der zweiten Jahreshälfte konnten speziell wir uns enorm steigern. Es griffen unsere Verbesserungsmaßnahmen. Unsere Quote im zweiten Halbjahr liegt bei 70 Prozent. Der letzte große Kurs bei über 80 Prozent. Das darf man Rekordwert nennen.

Wochenserie

In sechs Interviews wollen wir mit wichtigen Akteuren noch einmal die großen Themen des Luftfahrtjahrs 2018 besprechen. Neben Peter Lange sind dies

Die Interviews erscheinen in der Woche zwischen dem 24. und 29. Dezember 2018 auf airliners.de.

Rekord hin oder her - noch einmal die Frage: Die circa zehnwöchigen Kurse sind in der Ausbildung auch weiterhin der richtige Weg zum Ziel?
Langfristig kann ich mir den Luftsicherheitsassistenten auch als Ausbildungsberuf vorstellen. Aber kurzfristig wird das nicht zu realisieren sein. Deshalb ist es aus meiner Sicht sinnvoller, den Status einer IHK-geprüften Fachkraft anzustreben. Damit würden unsere Luftsicherheitsassistenten eine stärkere Anerkennung und Wertschätzung erhalten, die heute fehlt.

Das ist Ihr langfristiger Blick - wohin steuern die Kontrollen kurzfristig gesehen?
Bei den Sicherheitskontrollen gibt es besonders auf der technischen Seite noch einiges zu tun. Nur wenige Flughäfen sind vollständig mit modernster Technik ausgestattet. Das ist der eigentliche Grund für nicht selten schleppende Abfertigung. Hier hat die Kontrolltechnik nicht mit dem Passagierwachstum Schritt gehalten. Weltweit sind längst Technologien entwickelt worden, die den so genannten Durchsatz (Anmerkung der Redaktion: Anzahl der Passagiere pro Stunde) deutlich steigern, wahrscheinlich sogar verdoppeln könnten - ohne auf Kosten der Sicherheit zu handeln. Allerdings wären diese Innovationen auch mit hohen Investitionskosten verbunden. Die Flughäfen, die sich als zukünftige Betreiber der Kontrollen gemeldet haben, müssen also auch bereit sein, hier viel Geld für Investitionen in die Hand zu nehmen.

Herr Lange, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs

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