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Interview "Wenn wir unsere Flugzeuge geleast hätten, wären wir längst pleite."

Avantiair lässt während Corona ihre Flugzeuge einfach am Boden. Warum der Charter-Spezialist jetzt dennoch die Flotte verdoppelt, dabei nicht auf Leasing setzt und pro A319 nur 100 Sitze verbaut, erklärt Airline-Chef Stefan Kissinger im Interview.

Eine Fokker 100 der Avantiair. © AirTeamImages.com / Matthieu Douhaire

Der deutsche Adhoc-Charter-Spezialist Avantiair hat den Flugbetrieb aufgrund der Corona-Krise komplett eingestellt. Was Qantas mit der Flottenerneuerung zu tun hat und warum sich für Avantiair nur der Besitz von Flugzeugen lohnt, erläutert Airline-Chef und Mitinhaber Stefan Kissinger im Interview mit airliners.de.

Wie ist Avantiair bisher durch die Krise gekommen?

Es ist bisher überlebbar gewesen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wir bekommen für unsere Mitarbeiter Kurzarbeitergeld und haben den Vorteil, dass uns die Flugzeuge gehören und nicht mehr finanziert werden müssen. Dennoch haben wir uns entschlossen, das Fliegen einzustellen, um Kosten zu sparen.

Sie haben das Fliegen komplett eingestellt?

Wir wissen, dass es ein bisschen komisch klingt, aber unsere Konkurrenten laufen am Markt gerade völlig Amok. Wir können zu den Preisen, die unsere Konkurrenten gerade bieten, nicht fliegen. Das macht finanziell einfach keinen Sinn. Es lohnt sich nicht, unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu holen, um Flüge knapp über den Betriebskosten durchzuführen. Daher haben wir gesagt, dass wir die Maschinen am Boden lassen.

Stefan Kissinger © Stefan Kissinger

Über den Interview-Partner

Stefan Kissinger ist seit 1988 Berufspilot und für ATR sowie Fokker 100 auch Prüfer. 1994 hat er zusammen mit Markus Baumann Avantiair gegründet. Beide sind geschäftsführende Gesellschafter.

Wann haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Anfang Oktober. Nachdem wir aufgehört haben, für Ideal Tours zu fliegen. Wir haben für lange Kunden jetzt wieder einzelne Flüge ab Februar im Programm. Es gibt auch eine Reihe von Anfragen, aber wie gesagt, es lohnt sich kaum diese zu beantworten. Wir geben schon noch Angebote ab, allerdings nicht für Schnellschüsse. Das sind zum Beispiel Angebote für "London-Istanbul heute Mittag sofort 40 Passagiere". Wir bekommen diese Angebote von zehn Brokern fast zeitgleich. Da machen Angebote für uns keinen Sinn. Wir werden nicht mehr nervös und warnen unsere Mitarbeiter auch nicht mehr vor, dass eventuell geflogen wird, weil wir genau wissen, dass unser Nachbar aus Köln zu einem Preis fliegen wird, den wir nicht bieten können.

Haben Sie da mal ein Beispiel?

Im Winter geben wir normalerweise eine Preisreduktion von zehn bis zwölf Prozent, aber damit gewinnt man aktuell kein Angebot. Das wissen wir auch. Ich gebe Ihnen mal eine Größenordnung. Ein großer deutscher Automobilkonzern wollte Mitarbeiter zwischen München und Rhodos fliegen lassen. Angefragt war die Größe einer Embraer oder Fokker für neun Umläufe. Kostendeckend mit einem minimalen Gewinn ist man da schnell bei 325.000 Euro. Ein Mitbewerber gibt dann ein Angebot über 250.000 Euro ab.

Warum fliegen manche unterhalb der Betriebskosten?

Ich weiß es nicht. Da muss die Not unheimlich groß sein, um einen Cashflow zu generieren. Die Kosten sind ja da. Cash generieren ist das eine, aber dieses Modell ist einfach nicht nachhaltig. Irgendwann braucht man das Geld und dann hat man es einfach nicht mehr. Dann kann seinen Laden dichtmachen. Ich kann es umso weniger verstehen, als dass, wenn man heute ein geleastes Flugzeug hat, der Leasing-Geber in der aktuellen Situation das Flugzeug kaum zurückfordern wird. Wenn man die Flugzeuge bewegt, sagt eine Leasinggesellschaft eher also von den Einnahmen hätte ich jetzt noch was. Es geht offenbar, darum eine gewisse Marktpräsenz zu zeigen und Geschäfte zu machen. Wir halten es persönlich für wirtschaftlich nicht sinnvoll.

Sind denn auch die Kosten gestiegen, vergleichen mit vor der Krise?

Von: Benjamin Recklies

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