Die Born-Ansage (113) Im Nirwana der Marketing-Begriffe

Ryanair will die Max nicht mehr Max nennen, also ist sie jetzt ein "Gamechanger" und eine Airline konzentriert sich nicht auf Paxe, sondern auf Stühle. Seltsame Marketing-Begriffe werden immer mehr zur Normalität, findet unser Kolumnist Karl Born.

Montage: airliners.de © Boeing; Privat

Ich habe es schon vor drei Jahren geahnt: "Ryanair-Chef O`Leary ist der Donald Trump der Lüfte" (Ansage 34).

Bestätigungen dafür gab es in der Zwischenzeit eine Menge. Nach den sehr tragischen Abstürzen zweier Boeing 737 Max schlug das "Alle-Branchen-Genie" Donald Trump in der für ihn typischen extrem vereinfachenden Art vor, die 737-Max-Reihe doch einfach umzutaufen, mit irgendetwas neuem anzureichern und schon wäre wieder alles prima.

Das war für seinen Bruder im Geiste O`Leary natürlich eine Steilvorlage. Die von ihm schon bestellten 737-Max-Flugzeuge werden ab sofort bei ihm "Gamechanger" genannt. Ein Schelm wer denkt, O`Leary würde durch diesen großen Werbeauftritt, die nicht zu übersehende Not bei Boeing ausnutzen, um die Rabatte für die neuen Flieger hochzutreiben.

O`Leary hat gleich noch einen draufgesetzt. Entgegen bekannter Statistiken bezeichnet O`Leary seine Airline heute schon als "sauberste und grünste Airline" (Superlativ-Trump lässt grüßen).

Aber O`Leary will in neue Bereiche von Ökozielen vorstoßen und mit den neuen 737-Max-Modellen wäre er allen weit voraus. Deshalb sei die neue 737 nicht irgendein neues Flugzeug, sondern sein "Gamechanger". O`Leary will mit viel Selbstbewusstsein mal wieder die Spielregeln ändern.

Game change und name change

Ich hatte gerad mal 24 Stunden lang den Begriff Gamechanger mit O`Leary verinnerlicht, da stolpere ich über eine Anzeige von Emirates: "Gamechanger" und dann im Text "die neue vollständig geschlossene First-Class-Suite". Hoppla, wer denn, was denn. Wenn man mal Ideenklau ausschließt, müssen wir uns dann darauf gefasst machen, dass in der Fliegerei jetzt überall Gamechanger stattfinden?

Und wenn wir gerade bei Change sind. In der Schweiz (kleiner, überschaubarer Markt), wird auch gerade ein "Change" präsentiert, kein Gamechanger, sondern ein Name Change. Der schweizerische Germania-Ableger, der wundersamer Weise die Germania-Pleite überlebt hat, ist erfolgreich in die Hände von Air Prishtina gelangt und jetzt stieg noch die polnische Enter Air ein.

Spätestens jetzt war ein großer Presseauftritt aller Beteiligter fällig, um den neuen Namen "Chair Airlines" zu präsentieren. Tenor: Es gibt einen neuen Namen und einen neuen Markenauftritt, ansonsten bleibt aber alles beim Alten. Sorry, spontan fällt einem ein fast 20 Jahre alter legendärer Werbespruch ein: "Aus Raider wird Twix - sonst ändert sich nix".

Im Marketing-Nirwana

Willkommen im Nirwana der Marketingleute, vor allem bei den Branding-Spezialisten. Ich würde bei einem Firmennamen "Chair" zuerst an eine Möbelfirma, speziell Stuhlhersteller, denken. Aber in der Marketingwelt werden so viele Haken geschlagen, dass man sich leicht verirren kann.

© Chair Airlines, Lesen Sie auch: Germania Flug behält ihr Konzept, heißt jetzt aber Chair Airlines

Es ist zwar richtig, dass eine airline "chairs" durch die Lüfte fliegt, aber ich gehe nicht fehl in der Annahme, dass das nicht der Hauptzweck einer Airline ist. Die Airline sagt, es gehe um einen Sitzplatz über den Wolken. Ich dachte immer, es geht um eine Beförderung über den Wolken. Ok, gut zu wissen, dass es nicht um Stehplätze geht (alter Traum von O`Leary).

Ach, geniessen wir doch zum Abschluss das, was Marketingleute hinter dieser "Stuhl-Fluggesellschaft" sehen (O-Ton): Frech, frisch, fröhlich, familiär, flexibel und serviceorientiert. 5 x F, dann war es aus mit der Kreativität. Ein "freundlich" könnte ich noch anbieten. Aber ehrlich, für ein Möbelhaus würde das alles auch passen.

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de

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