Gastautor werden

Spaeth fragt (45) "Herr Berster, warum wird alles teurer, aber Fliegen immer billiger?"

30 Jahre Ryanair, 20 Jahre Easyjet, neue Low-Cost-Langstrecken: Zur Situation auf dem Billigflugmarkt hat Andreas Spaeth den DLR-Wissenschaftler Peter Berster befragt.

Peter Berster Foto: © DLR,

Der Geograph Peter Berster ist Leiter der Gruppe Luftverkehrsentwicklung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz. Seit über einem Jahrzehnt begleitet er wissenschaftlich die Entwicklung des Marktes der Low Cost Carrier. Andreas Spaeth fragte ihn zu historischen und aktuellen Entwicklungen in diesem boomenden Segment.

Herr Berster, warum wird alles teuer, aber Fliegen immer billiger?
Peter Berster: Früher gab es nur ein paar Fluggesellschaften, die berechtigt waren, auf bestimmten Routen zu fliegen. Seit der Liberalisierung, zunächst in den USA und seit den 1990er Jahren auch in Europa, bekamen immer mehr Gesellschaften die Erlaubnis, Flüge anzubieten. Ab etwa 1997 begann dann ein richtiger Wettbewerb in Europa und Deutschland. Vor diesem Hintergrund ist der Preisverfall zu sehen. Aber solche Preisrückgänge durch Liberalisierung beobachten wir nicht nur in der Luftfahrt, sondern etwa auch in der Telekommunikation. Hinzu kommt in jüngster Vergangenheit auch der Rückgang der Kerosinpreise.

Warum war die Ausbreitung der Billigflieger in Deutschland soviel langsamer als anderswo in Europa, etwa in Großbritannien?
Berster: Das liegt zum einen an der Insellage Englands, wodurch die Menschen stärker auf den Luftverkehr angewiesen sind. Zudem wurde die Liberalisierung des Luftverkehrs dort schneller durch die Politik vorangetrieben.

1996 kosteten Hin- und Rückflug mit Lufthansa von Hamburg nach Lissabon nach heutigen Preisen 860 Euro, jetzt mit Ryanair 40. Wie kann Fliegen auf einmal so billig sein?
Berster: Damals gab es kaum Wettbewerb, nur einen National Carrier auf jeder Seite. Heute ist das in einem liberalisierten Umfeld ganz anders. Und man muss sehen, dass zu diesen 40 Euro bei Ryanair oft noch weitere Gebühren und Kosten hinzukommen für Dinge wie Gepäck oder Verpflegung, die früher immer inklusive waren. Heutige Flugzeuge sind auch sehr viel moderner und verursachen oft geringere Kosten, etwa durch sparsameren Kerosinverbrauch. Auch spielt eine strikte Kostenkontrolle eine wichtige Rolle.

Ist Fliegen heute zu billig, weil wir ja alle vielleicht die Zeche zahlen in Form höherer Umweltbelastung?
Berster: Ich würde mal anders herum sagen – vielleicht war Fliegen früher zu teuer. Sie sagen ja auch nicht Busfahren war zu billig, das muss man in Relation sehen. Natürlich generieren die Billigflieger durch ihre günstigen Preise auch neuen Verkehr, aber auch da muss man differenzieren: Was ist wirklich neuer Verkehr, was nur eine Verlagerung weg von anderen Verkehrsmitteln, mit denen die Leute trotzdem gereist wären.

Aber eine häufige Sorge von Verbrauchern ist unberechtigt: Billigflieger sind nicht weniger sicher, oder?
Berster: Die Low Cost Carrier sind in den Unfallbilanzen der letzten Jahre sehr gut weggekommen, zumal sie ja auch durchgehend neues Fluggerät einsetzen. Ich denke, die machen das in Sachen Sicherheit sehr gut.

Ist es denkbar, dass für Kurz- und Mittelstrecken künftig nur noch Billigflieger zum Einsatz kommen und auch den Etablierten Zubringerdienste leisten?
Berster: Ja, das sieht man ja derzeit schon etwa bei der Eurowings/Germanwings in Köln/Bonn. Und jetzt ist sogar die Rede von möglichen Zubringerdiensten für Legacy-Gesellschaften wie der Lufthansa etwa durch Easyjet oder Ryanair. Eigentlich wollten das die Billiganbieter ja nie, sich mit Komplexität belasten wie dem Umladen von Koffern. Es wird spannend zu sehen sein, wie sie dieses Problem lösen werden. Sicher kann man sagen, dass sich die Geschäftsmodelle von Billigfliegern und Etablierten aufeinander zubewegen. Die Billigflieger sind bereits auf die Geschäftsreisenden zugegangen, indem sie spezielle Pakete für dieses Kundensegment anbieten. Und umgekehrt haben die Linienflieger neuerdings auch Nur-Flug-Pakete im Programm und passen sich damit an das Angebot der Low Cost-Airlines an.

Eurowings fängt jetzt mit Billig-Langstrecke ab Köln/Bonn an, hat dieses Segment eine Zukunft?
Berster: Wir haben ja bereits das Beispiel Air Asia X mit Langstrecken-Interkontinentalflügen erlebt, was leider nicht funktioniert hat. Und wir sehen jetzt das Gegenbeispiel Norwegian. Diese Airline setzt auf die neue, sparsame Boeing 787 für ihre günstigen Flugverbindungen nach Nordamerika und Asien. Das funktioniert bisher wohl ganz gut, auch wegen weiterer Besonderheiten des Geschäftsmodells wie der Ausflaggung von Flugzeugen und Besatzungen. Bei Eurowings wird nun mit der A330 etwas größeres Fluggerät eingesetzt. Da bin ich mir nicht sicher, ob das gut funktioniert. Und Eurowings bedient tendenziell mehr touristische Routen. Aber es kann durchaus sein, dass sich auch diese Strecken etablieren.

Ryanair feiert in diesem Jahr den 30. Gründungstag, Easyjet im November ihren 20. Geburtstag. Was ist Ihre Botschaft zu diesen Jubiläen?
Berster: Ryanair und Easyjet haben alles richtig gemacht. Eine schlanke Verwaltung, ein großes Streckennetz und eine große Flotte aus dem richtigen Flugzeugtyp. Und mit diesem Erfolgsmodell sind beide in fast allen Ländern Europas vertreten. Beide Gesellschaften haben weitsichtig in den 1990er Jahren die richtige Strategie aus den USA übernommen.

Warum ist auf einmal, nachdem es lange eher im Schatten stand, Deutschland zu einem Hauptschauplatz des Billigflug-Wettbewerbs geworden?
Berster: Deutschland ist ein großer Markt. Ryanair hat zunächst auf Flüge von kleineren Flughäfen gesetzt, während Easyjet schon länger auf größeren Flughäfen anzutreffen war. Ryanair hat die Kleinen nun weitgehend abgegrast und will nun neue Kunden an den Großen gewinnen. Damit muss die Airline aber automatisch auch in den Wettbewerb rein. In der Vergangenheit haben es die Low Coster noch vermieden, auf den gleichen Strecken mit Etablierten in Konkurrenz zu treten. Aber jetzt fliegt auch Ryanair von Köln/Bonn nach London und Berlin und geht den nächsten Entwicklungsschritt.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de Jetzt Gastautor werden

Lesen Sie jetzt
Themen
Gastbeitrag Spaeth fragt