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"Herr Alegren, warum haben Sie 5000 Arbeitsstunden in eine alte Caravelle gesteckt?", © Andreas Spaeth
Nils Alegren © Andreas Spaeth
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Zwischen 1960 und 1980 flog die Sud Aviation Caravelle mit der Baunummer 58 unter dem Kennzeichen F-BHRU für Air France. Bei der Verschrottung 1981 wurde das Cockpit dieses Verkehrsflugzeug-Veteranen gerettet - wurde aber nicht, wie vorgesehen, als Simulator zur Ausbildung für Fluglotsen genutzt. Stattdessen wurde es eingelagert. 2012 erfüllte sich A320/A330-Flugkapitän Nils Alegren (34) seinen Traum: Er erwarb das Cockpit und ließ es nach München bringen.

Der Sohn eines Airbus-Testpiloten und einer Air-France-Flugbegleiterin, aufgewachsen in Toulouse, fühlt eine besondere Verbindung zur Caravelle. Seit Sommer dem 2016 betreibt er in Ismaning nahe des Münchner Flughafens den weltweit einzigen Caravelle-Simulator. Andreas Spaeth befragte ihn zu den Hintergründen.

Herr Alegren, warum haben Sie 5000 Arbeitsstunden in eine alte Caravelle gesteckt?
Nils Alegren: Dass es so viele Stunde werden, hätte ich gar nicht gedacht. Ich hatte immer diesen Kindheitstraum, so ein altes Flugzeug-Cockpit aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Und die Caravelle war immer mein Lieblingsflugzeug, bereits seit 1999 habe ich eine Fanseite zur Caravelle. Daher wusste ich, wo es noch welche gibt. Bei Paris bin ich bei einem Verein fündig geworden, der das Cockpit dieser alten Air-France-Caravelle hatte. Ich habe denen gesagt, dass meine Mutter als Stewardess in genau dieser Maschine geflogen ist, und dass ich das Cockpit gerne als Simulator restaurieren würde. Da haben sie zugestimmt, mir das Cockpit zu verkaufen.

Das heißt, Sie haben jahrelang entweder an Ihrem Arbeitsplatz in einem Airbus gesessen oder in dem alten Caravelle-Cockpit gewerkelt?
Alegren: Ja, entweder bin ich geflogen, oder bis zu 16 Stunden am Tag in dem alten Caravelle-Cockpit herumgekrochen, habe Dinge zusammengeschraubt und gereinigt, oder ich war zu Hause am Löten. Ich hatte gar keine genaue Ahnung, wie man da vorgeht. Ich habe einfach angefangen, Dinge zu zerlegen, die unwichtigen Panels zuerst, und mich da Schritt für Schritt eingearbeitet. Das hat sehr lange gedauert. Am Ende wollte ich ein funktionsfähiges Cockpit haben, mit Rundum-Leinwand und drei Beamern vor den Fenstern für den Panoramablick.

Also Learning by Doing, ganz ohne Hilfe von außen?
Alegren: Dahin zu kommen wo ich hin wollte, etwa mit einem funktionsfähigen künstlichen Horizont, hat lange gedauert. 95 Prozent der Arbeit habe ich selbst gemacht, mir dabei sogar das Lackieren selbst beigebracht, weil ich niemanden fand, der mir das lackieren wollte. Die Instrumente sind fast alle umgebaut, die haben jetzt einen kleinen Elektromotor drin, damit sich die Zeiger schön sanft bewegen. Die habe ich bei Autozulieferern gefunden. Ein Student hat mir dann Platinen gebaut, um die anzusteuern.

Sind Sie als Kind selbst mal in der Caravelle geflogen?
Alegren: Nein, leider bin ich damit selbst nie geflogen. Ich habe sie aber oft gesehen in Toulouse, wenn sie etwa im Tiefflug Platzrunden gedreht hat. Ihre Form ist wahnsinnig schön, auch mit den kleinen Cockpitfenstern, die ja von der Comet übernommen wurden. Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich fand die Caravelle immer toll, bin immer stehen geblieben, wenn ich sie gesehen habe. Heute ist es eher schwierig, den Leuten die Besonderheit der Caravelle als erstem Kurzstreckenjet zu vermitteln. Trotzdem finden die Leute im Simulator dieses Flair toll.

Haben Sie bei der Restaurierung Unerwartetes entdeckt?
Alegren: Absolut. Zum Beispiel eine alte First-Class-Bordkarte des Beatles John Lennon, die lag zwischen der Cockpitwand und der Galley. Es ist mir ein Rätsel, wie die da hingekommen und vor allem so lange dort geblieben ist, weil ja vermutlich in der Wartung die Kabinen auch regelmäßig demontiert wurden zwischendurch. Ich habe ein Foto von 1963, auf dem die Beatles in genau diese Maschine einsteigen, ich vermute dass das Fundstück von diesem Flug stammt. Unter einer Metallleiste an der Tür habe ich noch einen dicken Goldring mit Diamant von einem Mann gefunden. Leider war der nicht soviel wert, um meine Kosten für die Restaurierung wieder einzuspielen. (lacht) Die Lennon-Bordkarte kommt jetzt in einem Glasrahmen ins Flugzeug zurück, da gehört sie hin.

Was ist Ihr Ziel mit diesem Simulator?
Alegren: Eigentlich wollte ich den nie kommerziell zur Nutzung anbieten, sondern ihn in Ruhe für mich alleine haben. Doch jetzt werden die Anmeldungen immer mehr. Und das ist auch gut, denn das hilft mir die laufenden Kosten zu decken, wie Miete und Versicherung. Das ist vermutlich weltweit der einzige Simulator, den man heute noch fliegen kann wie in den fünfziger Jahren. Mit den Originalinstrumenten und Nadeln, die manchmal ein bisschen ungenau anzeigen. Das macht das Flair aus.

Wie kommen Sie denn als heutiger Pilot fliegerisch mit so einem alten Cockpit überhaupt zurecht?
Alegren: Fliegerisch ist das ein enormer Unterschied. Das räumliche Vorstellungsvermögen ist zum Beispiel sehr wichtig bei der Caravelle. Aber ich habe ja die ganzen alten Manuals gefunden, in denen alles drinsteht. Die waren sehr wichtig, um nachzuvollziehen, wie dieses Flugzeug eigentlich flog. Ich habe mich da selbst hineinarbeiten müssen.

Wohin fliegen Sie am liebsten, wenn Sie allein im Simulator sind?
Alegren: Nach New York, wegen der Szenerie. Meist gebe ich mir noch Nebel und schlechtes Wetter rein, so dass man wirklich nach Instrumenten fliegen muss. Alles von Hand ohne Autopilot, das macht am meisten Spaß.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

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