airliners.de Logo

Interview "Es braucht nur wenig und das heutige Modell kippt"

Helvetic setzt auf Embraer-Jets und Wet-Leasing. Im airliners.de-Interview erläutert Airline-Chef Tobias Pogorevc, warum er sich trotz Krise für größere Flugzeuge entscheidet, Kerosin aktuell viel zu billig ist und worauf es nach Corona ankommt. Jetzt nochmal ohne Paywall zum Start ins neue Jahr.

Helvetic-CEO Tobias Pogorevc, © Helvetic Airways

Hinweis: Dieses Interview wurde ursprünglich am 29. Oktober 2020 veröffentlicht.

Die Lufthansa Gruppe hat weitere massive Sparmaßnahmen angekündigt. So fährt der Konzern die angebotene Kapazität erneut deutlich zurück. In der Folge werden ganze Teilflotten über den Winter stillgelegt. Bei den Töchtern Swiss und Austrian bleiben die A320-Ceo-Flotten am Boden. Stattdessen setzt der Konzern dort im Winter auf Dash-8-Turboprops sowie die kleineren Airbus-A220- und Embraer-Jets. Die Schweizer Regionalairline Helvetic betreibt letztere im Wet-Lease für Swiss. Ein Interview mit Helvetic-CEO Tobias Pogorevc über die Effizienzvorteile moderner Regionalmaschinen, den Umgang mit der Krise und die Strategie für die Zukunft als Leasing-Partner der Lufthansa Gruppe.

© Copyright

Über den Interview-Partner

Tobias Pogorevc ist seit 1. April 2018 CEO von Helvetic Airways. Zuvor war er CFO der Airline und der Flugschule Horizon Swiss Flight Academy. Bei beiden Firmen verantwortete er neben den Finanzen auch die Bereiche Kommerz und Kommunikation. Pogorevc studierte Betriebsökonomie an der Universität St. Gallen.

airliners.de: Der Lufthansa-Konzern hat angekündigt, seine Airlines aufgrund der Corona-Pandemie in eine Art "Winterschlaf" zu versetzen. In der Folge bleiben die A320 Ceo ("Current Engine Option") von Swiss und Austrian am Boden. Stattdessen sollen die Flüge mit kleineren, effizienteren Maschinen durchgeführt werden. Schlägt jetzt die Stunde von Helvetic?

Tobias Pogorevc: Die Krise ist für alle Fluggesellschaften extrem herausfordernd. Wir haben zum Glück bereits 2018 entschieden, auf ein umweltschonendes Flugzeug im Regionalsegment zu setzen. Diesen Prozess führen wir auch in der Krise weiter. Und ja, es ist schon in dieser Covid-Zeit so, dass die E190-E2 gefragt ist und auch weiter gefragt sein wird. Die E2 ist sicher genau das richtige Fluggerät im Moment, da die Passagierzahlen sehr tief sind.

Sie haben einen langfristigen Wet-Lease-Vertrag mit Swiss. Wie viele Maschinen heben derzeit für Swiss ab?

Wir fliegen im Moment regelmäßig für die Swiss - mit zwei bis maximal vier Flugzeugen. Nachgefragt ist dieses Modell jedoch nicht nur im Bereich Wet-Lease, sondern auch im Segment Spezial-Charter. Wir führen teilweise Flüge für Kleingruppen durch, weil diese nicht auf Linienflüge gehen wollen.

Hat Swiss aufgrund des weitgehenden A320-Groundings schon angefragt, ob Sie die Kapazität nicht erhöhen können?

Flugpläne ändern sich gerade von Woche zu Woche. Das liegt aber nicht an der Swiss oder den anderen Airlines. Es sind einfach die ungleichen Restriktionen innerhalb Europas, die für Komplexität sorgen. Was nützt es uns, wenn die Swiss fragt, ob wir täglich nach Italien fliegen können und Italien macht zu? Die Lage ist extrem volatil und dynamisch unabhängig vom Flugzeugtyp.

Die Embraer-E2-Serie gilt als äußerst effizient. Können Sie als betreibende Airline erläutern, wie effizient eine E190-E2 beispielsweise im Vergleich zu einem Nicht-Neo-A320 ist?

Wir haben viele Vergleichsdaten zur E1 oder auch zur Fokker 100, die wir in der Vergangenheit betrieben haben. Auf unseren Flügen hat sich gezeigt, dass die E190-E2 pro Sitzplatz weit über 20 Prozent weniger Treibstoff benötigt, als die E1. Gegenüber der Fokker sind es sogar über 30 Prozent. Zur A320-Ceo können wir nicht viel sagen, hier können wir uns nur auf Herstellerangaben und Drittvergleiche berufen, aber es ist interessant, dass eine E-190-E2 pro Trip operationelle Kosteneinsparungen von weit über 30 Prozent bietet.

Konkret heißt das: Ein A320-Ceo muss bei 180 Plätzen mit rund 70 Prozent ausgelastet sein, damit es sich lohnt, diesen einzusetzen. Das sind rund 125 Gäste. Betrachtet man die Prognosen für die kommenden ein bis zwei Jahre, wird das auf vielen Strecken gar nicht mehr erreichbar sein. In der Krise geht es vor allem um die Trip-Kosten. Da ist natürlich eine E190-E2 mit 110 oder auch die größere E195-E2 mit maximal 134 Sitzen viel attraktiver, was die Kostenstruktur angeht.

Klingelt jetzt ständig das Telefon und Airlines möchten ihre E2 mieten?

Ständig wäre übertrieben, aber in den letzten drei bis vier Wochen häufen sich Anfragen aus fast ganz Europa: "Wir haben gehört ihr habt die E2 in der Flotte, können wir da was machen?" Das sind Airlines, die ihre Flotte ergänzen möchten aber kein Flugzeug in diesem Segment haben. Es gibt aber auch Reiseveranstalter, die nicht mehr selbst einen Airbus füllen können und es im kommenden Jahr erstmal auf kleinerer Flamme versuchen wollen. Aber spruchreif ist noch gar nichts.

Klingt so, als hätte Helvetic das Zeug zum "Krisengewinner"...

Krisengewinner tönt sehr negativ und im Moment ist auch bei uns fast die komplette Flotte am Boden, das Personal in Kurzarbeit. Wir gewinnen überhaupt nichts. Aber wir halten an unserer Strategie fest und wollen eine effiziente und umweltfreundliche Regionalflotte betreiben. Hier können wir die Großen ergänzen. Unser Credo war es immer, dass wir unseren Service in den Dienst der großen Airlines stellen wollen. Konfrontation liegt uns nicht. Gebe es Corona nicht, würden wir vermutlich Sekundärflughäfen an Hubs anbinden. Jetzt aber haben die großen Flughäfen kein Passagieraufkommen mehr. Da können wir ins Spiel kommen.

Wann zahlt sich die Strategie denn aus?

Uns trifft die Krise derzeit heftig. Wir müssen jeden Franken umdrehen und haben zahlreiche Kosteneinsparungsmaßnahmen durchgeführt. Wir fliegen auch auf einem sehr niedrigen Niveau mit aktuell gerade 30 Prozent unserer eigentlichen Kapazität. Die Strategie sollte sich aber im nächsten Jahr auszahlen. Im nächsten Sommer wollen wir wieder auf 80 bis 100 Prozent kommen, das heißt ein gutes Dutzend Flugzeuge. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen.

Es heißt immer, Corona wirke wie ein "Brennglas". Verschleppte Flottenerneuerungen werden in der Pandemie vorgezogen. So flotten zahlreiche große Airlines ihre älteren und größeren Muster aus. Planen Sie das auch?

Die Flugzeuggröße ist dabei nicht entscheidend. Es wird auch um die Umweltdiskussion gehen. Wenn die Corona-Krise ausklingt, wird das wieder ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Dann kann sich keine Airline mehr erlauben, mit einem 15 bis 20 Jahre alten Flugzeugen unterwegs zu sein. Den Druck, ältere Maschinen auszumustern, werden alle Airlines in den kommenden fünf Jahren spüren. Wir haben im Regionalsegment dann unsere Hausaufgaben gemacht. Das wird in Europa unsere Chance.

Haben es Airlines mit altem Fluggerät jetzt schon schwerer, die Krise zu überleben?

Es wird sicher schwer. Kurzfristig ist es ein lukratives Geschäftsmodell, dank der niedrigen Kerosinpreise mit alten Flugzeugen durch Europa zu fliegen. Es fallen dabei aber hohe CO2-Emissionen an, die in Zukunft höher besteuert werden. Unsere Sensitivitätsanalysen zeigen, dass es nur wenig braucht, bis das heutige Modell kippt. Da reicht eine minimale Erhöhung des Kerosinpreises oder der CO2-Abgabe. Daher wird jede Gesellschaft, so sie denn durch die Krise kommt, diesen Umflottungsprozess einleiten müssen. Ob Sie dann zuerst umflotten oder Staatshilfen zurückzahlen, das kann im Moment niemand beurteilen.

Wie geht denn der begonnene Flottenaustausch bei Helvetic weiter?

Unsere sechste E190-E2 kommt im November. Im kommenden Jahr folgen dann weitere sechs neue Maschinen, von denen die letzten vier 195er sein werden. Den ganzen Umflottungsprozess werden wir dann im Juli 2021 abgeschlossen haben. Von den E1 haben wir derzeit noch acht. Vier davon werden bis März nächsten Jahres an den Leasing-Geber zurückgehen, das war geplant. Vier weitere werden als Backup-Flieger gebraucht.

Sie haben sich also für eine Teilflotte mitten in der Krise doch noch für die größere E195-E2 entschieden, warum?

Wir haben zuerst nur auf die E2-190 gesetzt, dann aber festgestellt, dass wir mit der 195er das Produkt ideal ergänzen. Die Maschine hat 24 Sitzplätze mehr als die E2-190. Damit stoßen wir in ein völlig neues Marktumfeld vor. Wir sind dann in der Lage, den großen Gesellschaften den ganzen Regionalverkehr abzunehmen. Zudem hat allgemein die E2-Familie auch eine höhere Reichweite. Im Bereich Charter können wir Ziele bis Westafrika und Middle East anbieten. Diese Option hatten wir mit der E1 und der Fokker nicht.

Sie besitzen auch noch eine Option für zwölf weitere E2-Maschinen. Werden Sie diese ziehen?

Das steht im Moment nicht zur Diskussion. Wir sind aber einige der wenigen Gesellschaften, die die eingeleitete Umflottung wirklich vorantreibt. Wir sind dank unseres Eigentümers finanziell solide. Keine Drittpartei und auch keine Leasing-Gesellschaft kauft oder finanziert unsere Flugzeuge, sondern unser Eigentümer. Das gibt uns eine große Unabhängigkeit.

Helvetic hat derzeit fünf E190-E2 in der Flotte. Halten Sie die in der Luft, statt der älteren E1?

Alle Maschinen werden regelmäßig eingesetzt. Wir wollen vorbereitet sein, wenn es im nächsten Frühjahr oder Sommer hoffentlich wieder losgeht. Wir schauen, dass wir die E2 und auch die E1, abgesehen von den in Dübendorf geparkten Exemplaren, in Bewegung halten. Das gilt auch für unsere Besatzungen. Zwar auf einem niedrigen Niveau, aber dafür regelmäßig. Wir schauen, dass alle "recent" bleiben.

Helvetic hat auch Pop-up-Flüge angeboten, um durch die Krise zu kommen. Jetzt geben Sie das auf. Wie sieht ihr Resümee aus?

Hauptgrund für die Pop-up-Flüge war das veränderte Reiseverhalten der Passagiere. Reisen werden extrem kurzfristig gebucht. Als Reisender muss man sich einfach sicher sein, dass keine Einschränkungen vor Ort oder bei der Rückkehr drohen. Das ist der externe Faktor. Der interne Faktor ist, dass wir unsere Leute wieder vermehrt einsetzen wollten. Das war unsere Hauptmotivation. Es hat unserer Crew Spaß gemacht, auch neue Destinationen zu entdecken.
Der Load-Factor auf den Flügen lag jetzt nicht bei 100 Prozent, aber die die Flüge wurden sehr gut angenommen. Aufgrund der sich ändernden Reiseeinschränkungen in ganz Europa mussten wir zuletzt einige Popup-Flüge streichen. Aber das Konzept war aus unserer Sicht ein Erfolg. Das werden wir auch im nächsten Jahr wieder anbieten. Wegen der derzeitigen Unsicherheit in Europa, insbesondere wegen der Quarantäneregelung ist es erstmal zu Ende. Wenn es zügige Corona-Schelltestverfahren gibt, könnte es sich wieder ändern.

© Adobe Stock, AnerikssonLesen Sie auch: Antigen-Tests machen Hoffnung auf Tourismus in Corona-Zeiten Hintergrund

Wird denn mit Schnelltests alles wieder gut?

Wir versuchen zusammen mit anderen Interessengruppen, Einfluss auf die Schweizer Politik zu nehmen, um die aktuelle Quarantäneregelungen anzupassen. Aber wir sind in der Schweiz keine Insel. Die Europäer müssen einheitliche Regelungen schaffen. Es kann nicht sein, dass für jedes Land in Europa unterschiedliche Einreisebestimmungen gelten. Es braucht ein einheitliches Testverfahren. Die aktuelle Lage schürt einfach eine große Unsicherheit, sodass die Leute nicht buchen. Wenn es hier keine Fortschritte gibt, wird die europäische Aviatik und der Tourismus im Allgemeinen im kommenden Jahr am Boden liegen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Von: Benjamin Recklies

Lesen Sie jetzt

Als die Welt bis 2020 noch ein Dorf war

Gastbeitrag Corona verändert die Weltwirtschaft grundlegend. Wird man in zehn Jahren feststellen, dass der Luftverkehr, wie wir ihn bislang kennen, nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems war? Diese "Rückwärts-Prognose" der Frankfurt University of Applied Sciences hat viele interessiert.

Lesen Sie mehr über

Helvetic Strategie Fluggesellschaften Interview Management Netzwerkplanung Verkehr Corona-Virus Rahmenbedingungen