Interview "Helvetic muss und wird keine Staatshilfe beantragen"

Die Corona-Pandemie trifft auch die Schweizer Regionairline Helvetic. Flottenerneuerung und Wachstum werden vertagt. Airline-Chef Tobias Pogorevc spricht im airliners.de-Interview über die aktuellen Herausforderungen.

Die geparkte Helvetic-Flotte am Flugplatz Dübendorf. © VBS

Helvetic hatte große Pläne für 2020. Weitere fabrikneue Embraer E190-E2 sollten zur Flotte stoßen und hätten die Airline, die einen Großteil ihrer Flotte im Wet-Lease für Swiss operiert, weiter wachsen lassen. Airline-CEO Tobias Pogorevc spricht darüber, wie die Corona-Krise seinen Arbeitsalltag verändert hat, die massiven Auswirkungen der Krise auf das bestehende Geschäft und warum Helvetic dennoch keine Staatshilfen beantragen wird.

airliners.de: "Chefsache Corona" - Was macht ein Airline-Manager in Corona-Zeiten?
Tobias Pogorevc: Meine Hauptaufgabe besteht im Moment darin, unsere Airline durch die Corona-Zeit zu manövrieren. Dabei muss man immer zwei Standpunkte berücksichtigen: was passiert während Corona und was danach. Dementsprechend haben wir unsere Maßnahmenpakte geschnürt. Jetzt liegt mein Fokus auf der Zukunft: Wie müssen wir die Helvetic aufstellen, um auch nach Corona weiter zu existieren und profitabel sein zu können.

Wie haben Sie Helvetic denn neu aufgestellt - zum Beispiel das Personal?
Unsere Maßnahmenpakete waren vielfältig: Intern haben wir Upgradings verschoben, einen Einstellungsstopp ausgerufen und Mitarbeiter motiviert, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das wurde auch gut angenommen. Gleichzeitig mussten wir ab dem 1. April für unsere knapp 450 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen.
Unser fliegendes Personal - also unsere rund 160 Piloten und die rund 200 Kabinenmitarbeiter - ist zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Gleichzeitig haben wir unseren Maintenance-Betrieb von einem 24-Stunden-Schichtsystem auf einen Tagesschichtbetrieb umgestellt. Das hat zur Folge, dass unsere 75 Maintenance-Mitarbeiter zu 60 bis 80 Prozent in Kurzarbeit sind. Das übrige Personal im Office ist zwischen 80 und 100 Prozent auf Kurzarbeit.

Aber Sie führen noch Flüge durch. In der vergangenen Woche haben Sie Schweizer von den Kanarischen Inseln geholt.
Das ist richtig. Diese Aktion erfolgte auf offizielle Anfrage des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Zwar ist ein Großteil unserer Flotte temporär stillgelegt, dennoch haben wir drei Flugzeuge, die wir in kürzester Zeit in die Luft bekommen. So können wir Spezialflüge, wie die angesprochenen Rückholflüge, durchführen.

Langsam wird der Ruf nach Lockerungen der Beschränkungen immer lauter. Wie bereitet sich Helvetic auf die Zeit nach Corona vor?
Wir gehen davon aus, dass es keinen Tag X geben wird, sondern dass der Flugverkehr europaweit stufenweise wieder hochgefahren wird. In Bezug auf unsere Flotte sieht das folgendermaßen aus: In Zürich haben wir insgesamt sieben Maschinen, die mehr oder weniger sofort einsatzbereit wären. Zwei weitere Flugzeuge sind in Bern geparkt. Sollte der Auftrag mit Flybair zum 1. Juli wie geplant starten, so wären wir sofort einsatzbereit. Unsere übrigen Maschinen sind im Storage in Dübendorf und würden als letztes wieder in den Betrieb gehen. Beim Personal ist es so, dass die meisten sofort verfügbar sind. Wir können unsere Flotte somit schnell wieder in die Luft bekommen.

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Über den Interview-Partner

Tobias Pogorevc ist seit 1. April 2018 CEO von Helvetic Airways. Zuvor war er CFO der Airline und der Flugschule Horizon Swiss Flight Academy. Bei beiden Firmen verantwortete er neben den Finanzen auch die Bereiche Kommerz und Kommunikation. Pogorevc studierte Betriebsökonomie an der Universität St. Gallen.

Aber ihre Kabinenmitarbeiter helfen doch gerade in Schweizer Apotheken und Drogerien aus?
Unser Personal zeigt nicht nur in der Corona-Krise eine hohe Leistungsbereitschaft. Jetzt in der Corona-Krise hat es sich ergeben, dass wir mit einer großen Schweizer Drogerie- und Apothekenkette zusammenarbeiten. Das hilft vielen, den Verdienstausfall zu kompensieren. Das Besondere dabei ist, dass in der Corona-Zeit der Verdienst nicht auf das staatliche Kurzarbeitergeld angerechnet wird. Das heißt, die Mitarbeiter die dort arbeiten, bekommen ihr Kurzarbeitergeld plus den Zwischenverdienst. Das ist eine tolle Sache.

Es gab Kontroversen, dass Helvetic Piloten entlassen hat, statt sie in Kurzarbeit zu schicken.
Die beiden Sachen darf man nicht vermischen: Das Wachstum wurde per sofort gestoppt. Die Entlassungen waren Teil unseres Maßnahmenpakets, das eine Flottenzielgröße von zwei Maschinen weniger vorsieht. Wir haben einen Überbestand an Piloten und sahen uns gezwungen, diesen abzubauen. Wir müssen schlank und ohne Überkapazitäten in die "Nach-Corona-Zeit" gehen, sonst kommen wir nicht aus der Krise heraus. In einem zweiten Schritt haben wir für den Rest der Belegschaft Kurzarbeit beantragt. Dies entlastet uns in den nächsten Monaten.

Arbeiten Sie aus dem Homeoffice oder sind Sie im Büro?
Ich bin immer im Büro. Aber wir haben die Firma bereits im Februar so aufgestellt, dass alle Abteilungen immer von extern hätten weiterarbeiten können, falls es zu einem Coronafall mit weitreichender Quarantäne gekommen wäre. Dieses Krisen-Szenario haben wir aufgesetzt, als wir die ersten Berichte aus Asien gehört haben. Wir haben dafür die IT-Infrastruktur so aufgerüstet, dass alles dezentral gesteuert werden kann.

Ist Ihr Arbeitsaufwand seit Ausbruch der Krise gestiegen?
Wir haben einen Krisenstab. Dieser besteht aus Vertretern aller Unternehmensbereiche. Es war bis Ende März eine extrem arbeitsintensive Zeit. Wir haben uns täglich getroffen. Jetzt treffen wir uns noch zweimal in der Woche und sind immer dezentral erreichbar. Gleichzeitig haben sich durch die Corona-Krise auch Chancen ergeben, verschiedene Projekte voranzubringen.

Wir denken dabei unter anderem an eine virtuelle Ausbildung von Flugbegleitern.

Tobias Pogorevc über die sich ergebenden Chancen der Corona-Krise

Welche wären das?
Wir wollen einen großen Schritt bei der der Digitalisierung vorankommen. Wir denken dabei unter anderem an eine virtuelle Ausbildung von Flugbegleitern. Dank der Arbeit unserer Kollegen vom Trainingsdepartment, die daran Tag und Nacht gearbeitet haben, können wir das demnächst auch anbieten. Dann müssen die Mitarbeiter nur noch den praktischen Teil vor Ort absolvieren. Schlussendlich wollen wir dahin kommen, dass nur noch die praktischen Elemente im Simulator gemacht werden müssen. Wir sind auf einem guten Weg.

Eigentlich sollte 2020 ein Jahr des Wachstums werden. Neue Flugzeuge sollten kommen, alte ausgemustert werden. Bleibt es bei den Plänen oder hat sich durch Corona das Zeitfenster geändert?
Die Krise hat uns natürlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt getroffen. Wachstum und Umflottung war ja der eigentlich Plan für dieses Jahr. Allein im zweiten Quartal wollten wir vier neue Embraer E190-E2-Jets übernehmen, aber dank unserer engen und guten Zusammenarbeit mit Embraer konnten wir die Auslieferungen von zwei Maschinen auf Ende des Jahres schieben. Zwei weitere Jets sollen eigentlich jetzt kommen, aber weil Brasilien jetzt auch im Lockdown ist, wissen wir nicht, ob das klappen wird. Das "Phase out" der E1 findet derzeit wie geplant statt. Wir haben damit im Sommer 13 statt 15 Flugzeuge.

Wann wird das Wachstum Ihrer Meinung nach fortgesetzt?
Erstmal gehe ich grundsätzlich davon aus, dass die Nachfrage erst mittelfristig wieder anziehen wird. Allerdings rechne ich nicht damit, dass das vor Frühling oder Sommer 2021 sein wird. Sollte es wider erwarten bereits in diesem Sommer oder Herbst zu einer Erholung kommen, wird es eher Unterkapazitäten geben, weil noch einige Player verschwinden werden. Ich rechne damit, dass wir unsere Kapazitäten dann am Markt unterbringen können. Das ist auch realistisch: Denn sollte es zu einem langsamen Ramp-up kommen, sind wir mit unseren 110 Plätzern gut aufgestellt. Es macht auf jeden Fall mehr Sinn, mit einem kleineren Flugzeug das Netzwerk hochzufahren statt mit einem Airbus A320 mit 180 Plätzen. Da sind wir mit der Embraer gut aufgestellt.

Man soll sich ja immer auch auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten. Wie sehen diese Planungen aus?
Das Worst-Case-Szenario wäre es, wenn die Krise noch weitere vier, fünf oder sechs Monate anhalten würde. Denn ich glaube nicht, dass es einen Ramp-up im Winter geben würde. Damit es nicht soweit kommt, müssten hypothetisch die Reisebeschränkungen in Europa möglichst bald gelockert werden. In diesem Fall wären wir aber vorbereitet.

Wie lange kann Helvetic diese Krise durchhalten?
Wir haben drei harte Maßnahmenpakte eingeleitet. In diesem Zusammenhang haben wir auch alle unsere Verträge überprüft und mit dem jeweiligen Vertragspartner teils auch Verhandlungen geführt. Das geht von Leasing-Gebern, IT-Providern, bis zum Vermieter von Büroräumlichkeiten. Das Schöne war, dass unsere langfristigen Partner uns entgegengekommen sind. Das zeigt uns, dass sie zuversichtlich sind, dass es uns nach der Krise noch geben wird. Dank der Verhandlungen konnten wir den Cash-Drain etwas reduzieren. Und für den Rest hat uns der Eigentümer die Liquidität zugesichert. Wir müssen und werden keine Staatshilfe beantragen.

© dpa, Alexandra Wey Lesen Sie auch: Swiss und Easyjet bekommen unter Auflagen Staatshilfen

Gehört zum Worst-Case-Szenario für Helvetic auch ein Ende des Swiss-Deals? Immerhin hat Lufthansa in der vergangenen Woche verkündet, dass man künftig weniger auf Wet-Lease-Partner setzen will.
Wir sind in engem Kontakt mit der Swiss und haben einen langfristigen Vertrag, der erst im Jahr 2019 erneuert wurde. Wir sind aber in regem Austausch mit der Swiss, um die Nach-Corona-Zeit zu planen.

Hat die Corona-Krise auch etwas Positives hervorgebracht?
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir schon immer wussten, dass wir hervorragende Mitarbeiter haben. Aber den besonderen Einsatz von allen unseren Mitarbeitern zu spüren, auch speziell in unserem Krisenstab, war das Größte in der Krise. Ich schlafe wenig, dafür aber gut, denn ich kann mich auf hervorragende Leute verlassen: Unsere Mitarbeiter und den Eigentümer.

Was heißt wenig Schlaf?
Der Krisenstab hatte und hat ein enormes Arbeitspensum, da waren Nachtschichten unabdingbar. Das ist das eine. Das andere ist, dass die ganze Sache auch sehr emotional ist. Wir mussten fast die ganze Firma in die Kurzarbeit schicken. Wir mussten auch Mitarbeiter entlassen. Das sind alles schmerzhafte Entscheidungen.

Noch eine abschließende Frage: Wie wird die Branche nach Corona aussehen?
Ich glaube, dass die Branche durch Corona die Chance bekommt, sich gesund aufzustellen. Das wird aber nicht passieren, wenn Unternehmen Staatshilfen erhalten, die bereits seit Jahren defizitär sind. Das verzögert die Konsolidierung. Die großen Player müssen sich auf ihre Stärken konzentrieren, das macht die Lufthansa schon vorausschauend und das werden auch die anderen großen Player machen. Es wird eine Konsolidierung geben. Da bin ich felsenfest von überzeugt.

Herr Pogorevc, vielen Dank für das Gespräch.

Von: Benjamin Recklies

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