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Heftige Kritik an Airbus-Stellenabbau

Wegen der Corona-Krise muss Airbus weltweit rund 15.000 Stellen streichen, darunter mehr als 5000 in Deutschland. Arbeitnehmervertreter schlagen Alarm. Die französische Regierung zeigt sich enttäuscht. Besonders betroffen ist die Produktion von Langstreckenflugzeugen.

Bei Airbus in Toulouse wird eine A350 montiert. © dpa - Bildfunk / Caroline Blumberg/epa/dpa

Airbus will wegen der Luftfahrt-Krise weltweit 15.000 Stellen abbauen - allein 5100 davon in Deutschland. Der Konzern reagiert damit nach eigenen Angaben auf den Einbruch der Nachfrage bei Passagiermaschinen.

"Eine solche Situation wollten wir eigentlich vermeiden", sagte Airbus-Chef Guillaume Faury am Dienstagabend in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Die Streichungen seien aber notwendig, um die langfristige Zukunft von Airbus zu schützen. Die Covid-19-Pandemie habe die Luftfahrtindustrie in eine beispiellose Krise gestürzt.

Airbus hatte wegen der Pandemie im ersten Quartal einen Verlust von fast einer halben Milliarde Euro gemacht. Das Minus in den ersten drei Monaten des Jahres belief sich auf 481 Millionen Euro. Im Vorjahresquartal hatte unter dem Strich noch ein Gewinn von 40 Millionen Euro gestanden.

Es werde erwartet, dass sich der Luftverkehr nicht vor 2023 erhole und möglicherweise erst 2025 auf dem Niveau von vor der Corona-Krise sein werde, teilte der Konzern mit. Die Details des Stellenabbaus würden nun mit den Sozialpartnern besprochen.

Deutsche Standorte unterschiedlich stark betroffen

Airbus beschäftigt in Deutschland nach eigenen Angaben rund 46.000 Mitarbeiter an fast 30 Standorten - etwa in Hamburg-Finkenwerder, Stade oder Bremen. In der Verkehrsflugzeugsparte arbeiten hierzulande mehr als 28.000 Menschen. Insgesamt sind es 90.000.

Mit 5100 Stellenstreichungen ist Deutschland nun am stärksten vom Stellenabbau betroffen. Weitere 5000 Jobs sollen in Frankreich wegfallen, 1700 in Großbritannien und 900 in Spanien. Der Konzern schloss auch betriebsbedingte Kündigungen nicht aus.

Offen ist dabei die Aufteilung nach Standorten. Damit ist auch unklar, wie stark etwa Hamburg betroffen ist. Das sei noch Gegenstand von Diskussionen mit den Sozialpartnern, sagte ein Airbus-Sprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Nach Informationen des "NDR" steht im Werk Finkenwerder mehr als jeder sechste Job auf der Kippe. Noch im vergangenen Jahr war am Standort Hamburg die Zahl der Mitarbeiter um 1000 auf knapp 14.000 aufgestockt worden.

Arbeitnehmervertreter schlagen Alarm

Die Gewerkschaft IG Metall moniert, dass Deutschland von dem Stellenabbau überproportional betroffen sei, da zu den nun angekündigten 5100 Streichungen noch der bereits angekündigte Abbau von 900 Stellen bei Premium Aerotec hinzukommt.

"Das wird die IG Metall nicht hinnehmen. Das Virus darf nicht als Vorwand für Einschnitte dienen, um auf Kosten der Beschäftigten die geplanten Renditeziele zu erreichen", moniert Jürgen Kerner, zuständig für die Luft- und Raumfahrtbranche. "Wir erwarten verbindliche Perspektiven, insbesondere für die Premium Aerotec. Nur mit einer soliden Basis kann nach der Krise ein Neustart gelingen."

"Der angekündigte Abbau von Arbeitsplätzen wäre eine Katastrophe für die Menschen und die Standorte", sagte der Bezirksleiter IG Metall Küste, Daniel Friedrich. Eine Brücke könne eine krisenüberbrückende Verlängerung der Kurzarbeit sein. Hier sei die Politik gefordert, Lösungen für Branchen wie die Luft- und Raumfahrtindustrie zu schaffen. Als weitere Alternative zum Job-Abbau gebe es Instrumente wie eine tarifliche Absenkung der Arbeitszeit.

Altmaier warnt vor Benachteiligung deutscher Standorte

Angesichts der Stellenstreichungen hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor einer Benachteiligung deutscher Standorte gewarnt. Altmaier machte am Mittwoch in Berlin deutlich, die Bundesregierung gehe davon aus, dass bei der Umstrukturierung des europäischen Flugzeugbauers kein Land bevorzugt und kein Land benachteiligt werde. Altmaier verwies auch auf Pläne der Koalition, moderne, emissionsarme und geräuscharme Flugzeuge mit einer Milliarde Euro zu fördern.

Der angekündigte Jobabbau trifft nach Angaben von Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) alle norddeutschen Standorte. Niedersachsen wolle die Luftfahrtindustrie mit 40 Millionen Euro unterstützen. "Wir brauchen eine klare Unterstützung der Luftfahrtindustrie durch Bund und Länder", forderte Althusmann. Die betroffenen Länder Hamburg, Niedersachsen und Bremen würden den Bund bitten, die Entwicklung neuer Antriebstechniken und Verbundstoffe für eine grüne Luftfahrt zu unterstützen.

Airbus selbst versucht nun ebenfalls, die Bundesregierung angesichts des angekündigten Stellenabbaus zu einer Verlängerung der Kurzarbeit-Regelung zu bewegen. Wenn das Kurzarbeitergeld auf zwei Jahre verlängert werde, könne Airbus in Deutschland 1500 der 5100 gefährdeten Jobs in der Verkehrsflugzeugsparte erhalten, sagte Produktionschef Michael Schöllhorn am Mittwoch in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Staatliche Forschungsgelder für die Entwicklung umweltfreundlicherer Flugzeuge könnten weitere 500 Stellen sichern, sagte er. Fr

ankreich kritisiert Stellenabbau trotz Milliardenunterstützung

Das französische Wirtschaftsministerium kritisierte den geplanten Umfang des Stellenabbaus. Die Zahl 15.000 sei überhöht, hieß es am Dienstagabend aus Kreisen des Wirtschafts- und Finanzministerium von Ressortchef Bruno Le Maire. Man erwarte von dem europäischen Flugzeugbauer, dass er die von der Regierung angebotenen Möglichkeiten für die Beschäftigung voll nutze.

Zwar sei die Luftfahrtbranche "massiv, brutal und anhaltend" getroffen und es sei sehr wahrscheinlich, dass sie sich nur allmählich erholen werde, erklärte das Ministerium. "Der von Airbus angekündigte Stellenabbau ist jedoch überzogen." Die französische Regierung hatte Anfang Juni angekündigt, die Luftfahrtbranche mit insgesamt 15 Milliarden Euro zu unterstützen. Auch Airbus soll davon profitieren.

Er erwarte "in dieser Situation keine große Unterstützung, auch wenn wir eng mit den betroffenen Regierungen zusammenarbeiten", reagierte Faury auf die Kritik des Ministeriums. Airbus sei "mit der schlimmsten Krise konfrontiert, die diese Branche jemals erlebt hat."

© dpa, Christophe Ena Lesen Sie auch: Frankreich will Luftfahrtbranche mit 15 Milliarden Euro stützen

Fokus auf Kurz- und Mittelstreckenjets

Airbus hatte zuvor bereits angekündigt, dass man für zwei Jahre die Produktion und die Auslieferungen um 40 Prozent reduzieren werde. "Die Aufteilung der Zahlen für den Stellenabbau auf die Länder reflektiert, wie stark die Geschäftsteile von Covid-19 betroffen sind", erklärte der Konzernchef.

Faury stellte zudem weitere Anpassungen in der Produktion in Aussicht. Dies könnte die Produktion der unterschiedlichen Flugzeugtypen verschieden stark betreffen. So erwartet der Manager, dass die Nachfrage nach Großraumjets für Langstreckenflüge infolge der Krise besonders lange am Boden liegen wird.

Wenn die Nachfrage nach dem Jahr 2022 wieder anziehe, dürften davon zuerst Kurz- und Mittelstreckenjets wie die Airbus-Typen A220 und A320 Neo profitieren, schätzt er. Bei den Großraumjets wie dem Airbus A330 Neo und dem Airbus A350 werde es voraussichtlich länger dauern. So erwarten Fluggesellschaften, dass die Nachfrage nach Langstreckenflügen auch nach einer Lockerung der weltweiten Reisebeschränkungen noch lange gedämpft bleibt.

© Airbus, M. Lindner Lesen Sie auch: Airbus fährt Produktionsraten um ein Drittel zurück

Alle Modelle sollten jedoch weiter gebaut werden, wenn auch "in langsamerem Tempo", sagte der Airbus-Chef. Auch soll trotz der Drosselung des Geschäftes keine Endmontagelinie geschlossen werden. An jedem Standort werde nach Möglichkeiten zur Kostensenkung gesucht, hatte Faury bereits am Montag angekündigt.

Der weltweite Flugverkehr ist wegen der Corona-Pandemie massiv eingebrochen. Entsprechend weniger neue Maschinen kaufen die Airlines. Auch Airbus-Rivale Boeing hatte im April bekannt gegeben, zehn Prozent seiner Stellen in der Passagierflugzeugsparte streichen zu wollen.

Am Finanzmarkt sorgten die Nachrichten am Dienstagabend kaum für Bewegung. Im nachbörslichen Handel auf der Plattform Tradegate lag die Airbus-Aktie zuletzt nur minimal über dem Xetra-Schlusskurs.

Von: dh mit dpa, AFP

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