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"Grüner Neustart" für Luftfahrt rückt in Fokus von Branche und Klimaschützern

Wenn die Klimaschutzziele im Luftverkehr erreicht werden sollen, müsse sich der Staat stärker engagieren, fordern Fluggesellschaften im Angesicht der historischen Krise. "Falsch", sagen Klimaschützer, der Staat müsse viel strengere Vorgaben machen. Ob der Luftverkehr dauerhaft schrumpfen muss, hat viele interessiert.

Schriftzug "Clean" auf der Außenseite eines Flugzeugs. © dpa / Klaus-Dietmar Gabbert

Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 25. Juni 2020 veröffentlicht.

Während im Luftverkehr langsam die Erholung nach dem Corona-Grounding beginnt, werden vor allem in Europa Stimmen lauter, die den Neubeginn nutzen wollen, um Politik und Wirtschaft auf mehr Klimaschutz am Himmel zu verpflichten.

Dabei kristallisieren sich unterschiedliche Ansätze heraus. Während Klimaschützer politisches Handeln im Sinne von schärferen Gesetzen und Auflagen verlangen, dringen Branchenvertreter vor allem auf finanzielle Hilfen für die Unternehmen, damit diese ihre Klimaziele erreichen können, sowie für mehr staatliche Investitionen in technische Innovationen.

Die finanzielle Situation der Fluggesellschaften nach dem historischen Verkehrseinbruch mache es für diese äußerst schwierig, in den kommenden Jahren ausreichend in die "ehrgeizigen Klimaschutzziele" zu investieren, argumentiert in einem neuen Papier der europäische Airline-Dachverband Airlines for Europe (A4E). Man fordere die EU-Mitgliedstaaten daher dringend auf, staatliche Mittel zur Überbrückung der Krise vorrangig in Projekte zur Emissionsminderung zu investieren. Der Luftfahrt-Sektor sei dabei von besonderer Bedeutung.

Airlines wollen öffentliche Mittel für Flottenaustausch

Das Ziel der europäischen Klimaneutralität bis 2050 sei mehr den je nur noch in einer Kombination aus privaten Mitteln und deutlichem staatlichen Einsatz zu erreichen, so A4E-Chef Thomas Reynaert. Konkret schlägt der Verband vor, die deutliche Ausweitung der Initiative "ReFuel EU Aviation-Sustainable Aviation Fuels" in Angriff zu nehmen. Durch politische Vorgaben und öffentliche Investitionen müsse die Produktion und Einführung nachhaltiger Treibstoffe forciert werden. Europa müsse zum globalen Kompetenzzentrum hierfür aufsteigen.

Dazu müsse sich ein staatliches Anreizsystem für den Kauf modernerer Flugzeuge gesellen. Diese würden bis zu 25 Prozent treibstoffeffizienter als älterer Muster sein und wesentlich lärmarmer. Subventionen zum Flottenaustausch würden insbesondere helfen, die mittelfristigen Klimaschutzziele der Branche bis 2030 zu erreichen. Weitere Forderungen betreffen staatliche Investitionen in Forschung und Flugverkehrsmanagement. Der "Single European Sky" müsse weiter vorangebracht werden, die Einführung neuer Technologien in diesem Zusammenhang müsse zu 100 Prozent staatlich erfolgen und sowohl Flugsicherungen, Flughäfen als auch Airlines zugutekommen. Das gelte auch für Projekte zu mehr Energieeffizienz der Flughafeninfrastruktur.

Klimaschützer wollen weniger Flüge und teurere Tickets

Im Gegensatz dazu stehen die Forderungen von Klimaschützern, Klimaschutzpolitik aber durchaus auch Wirtschaftsexperten. So kommen Finanzexperten aus über 50 Ländern in einem "Workingpaper" des Oxford Review of Economic Policy zu dem Schluss, dass die derzeit auf breiter Front vergebenen Staatshilfen für Airlines an die Bedingung geknüpft sein müssten, dass sich die jeweiligen Fluggesellschaften zum Null-Emissionen-Ziel 2050 verpflichten. Bis dahin müssten verbindliche Emissions-Zwischenziele in Fünf- oder Zehnjahres-Schritten festgeschrieben werden. Damit könne die Krise genutzt werden, die Anreize zu mehr Klimaschutz deutlich auszuweiten.

© AirTeamImages.com, Chris JilliLesen Sie auch: Österreich verbietet Billigtickets und führt Kurzstreckenzuschlag ein

Auch betriebliche Vorgaben der Staaten für die Airlines sind längst kein Tabu mehr. Österreich beschloss jüngst, Dumpingpreise für Flugtickets zu verbieten, sie sollen künftig mindestens 40 Euro kosten. Auch Forderungen nach einer "Vielfliegerabgabe" werden in Klimaschutzkreisen immer populärer. Frankreich nutzte die Krisenhilfe für Air France, um deren Inlandsflugverkehr deutlich einzuschränken. Vor allem Routen, die in Konkurrenz zu den TGV-Hochgeschwindigkeitszügen stehen, sollen komplett aufgegeben werden.

Ähnliches fordert in Deutschland der Umweltverband BUND. Die Lufthansa-Hilfen sollten nur bei Verzicht auf Ultrakurzstrecken fließen. Auch müsse es zu einer Kerosinbesteuerung kommen.

© BMWi, Susanne ErikssonLesen Sie auch: Altmaier gegen Vorgaben zu Lufthansa-Inlandsflügen

Weitere Forderungen von Klimaschützern für einen grünen Neustart im Luftverkehr umfassen bereits bekannte Positionen, wie die Schließung von Regionalflughäfen, den Abbau von Steuervorteilen für den Luftverkehr gegenüber anderen Verkehrsträgern und eine deutliche Verschärfung des globalen CO2-Kompensationssystems Corsia.

Von: Dennis Kazooba

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