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Emirates-Kabinenpersonal in neuer Sicherheitskleidung. © Emirates

Länder verhängen Reiseverbote, Unternehmen satteln auf Video-Konferenzen um. Urlaubsreisen oder ein Flug zum nächsten Kundentermin sind zurzeit undenkbar. Die Konsequenz: Flugzeuge bleiben leer, Fluggesellschaften streichen Flüge oder stellen den Betrieb gar komplett ein. Der Kearney-Luftfahrtexperte Sven Rutkowsky analysiert mit seinem Team die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 auf die Luftverkehrswirtschaft.

Kaum eine Branche wurde so hart von der Coronavirus-Pandemie getroffen, wie die Luftfahrtindustrie. Und kaum eine Branche wird sich länger mit den Auswirkungen auseinandersetzen müssen.

Aktuell ist mehr als zwei Drittel aller Flüge in Europa gestrichen. Die Lufthansa Group betreibt nur fünf Prozent ihrer Linienflüge und hat den Betrieb von Austrian Airlines, Brussels Airlines und Air Dolomiti vollständig eingestellt. Ryanair hat fast alle Flüge eingestellt und bewertet die Situation wöchentlich neu. Easyjet hat seinen gesamten Betrieb eingestellt.

Der US-Markt verzeichnete im März nur einen geringen Rückgang, was sich jedoch angesichts des raschen Wachstums der Covid-19-Fälle in den USA und der Ankündigungen der großen Fluggesellschaften wie American Airlines, die im Mai 80 Prozent ihrer Kapazität einstellen will, rasch ändern wird.

In Asien hat Indien seinen Heimatmarkt gschlossen und Qantas und Air New Zealand haben alle internationalen Flüge eingestellt. Einzig in China hat das Verkehrsaufkommen bereits wieder Fahrt aufgenommen und läuft mit mehr als 60 Prozent des Vorjahresaufkommens.

Vorkrisenniveau erst ab 2024 zu erwarten

Der aktuell von der Iata prognostizierte Kapazitätsrückgang von 40 Prozent im Jahr 2020 ist realistisch. Es ist allerdings zu erwarten, dass sich der Markt im Jahr 2021 wieder erholt. Der Anstieg wird dabei durch die aufgestaute Nachfrage im touristischen Segment angeheizt, die dann 2022 ihren Höhepunkt erreichen wird, sobald die Sicherheitsbedenken verschwunden sind.

Signifikante und dauerhafte Kürzungen bei Geschäftsreisen werden jedoch zu einem neuen Normalwert von -10 bis -20 Prozent im Vergleich zu vor der Pandemie führen. Insgesamt ist zu erwarten, dass Fluggesellschaften erst in vier oder fünf Jahren mit einer Erholung auf das Vorkrisenniveau rechnen können.

Die Nachfrage nach Flugreisen dürfte ab 2021 wieder anziehen. Foto: © Kearney

Die tatsächliche Entwicklung hängt allerdings stark vom weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie und der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Denn für dieses Szenario muss man davon ausgehen, dass die Pandemie Anfang nächsten Jahres eingedämmt werden kann und Grenzen international wieder öffnen.

Geschäftsreisemarkt drückt die Nachfrage

Besonders nachhaltig getroffen ist das Segment der Geschäftsreisen. Befragungen von Führungskräften und Kunden der Airline-Branche aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Hongkong lassen keinen keine Zweifel daran bestehen, dass sich nach der Krise Unternehmensrichtlinien, die berufliche Flugreisen betreffen, erheblich ändern werden. Kosten müssen sinken und ohnehin aufgestellte Nachhaltigkeitsziele können jetzt erreicht werden.

Zu erwarten ist daher vor allem im kontinentalen Geschäftsreiseverkehr ein deutlicher Rückgang der Nachfrage im Vergleich zur Vorkrise, der durch die strengeren und umweltfreundlicheren Reiserichtlinien großer Unternehmen ausgelöst wird, beispielsweise durch die Entscheidung für Züge anstelle von Flugzeugen.

Nachholeffekte bei touristischen Reisen erwartet

Im privaten Reisebereich hingegen ist zu erwarten, dass einige Menschen nach wochenlangen Ausgangssperrungen den Drang verspüren, zu reisen. Daher ist im Leisure-Segment bereits für 2021/22 mit einem Nachholbedarf zu rechnen. Dennoch gibt es viele Gründe, die auch bei Privatreisenden dazu führen werden, dass Reiseentscheidungen in Zukunft bewusster getroffen werden, und die Auswirkungen auf die zu erwartende Normalisierung im touristischen Flugbetrieb haben können.

Dazu gehört vor allem eine erhöhte Sensibilität bei Touristen über die eigene wirtschaftliche beziehungsweise finanzielle Situation. Hinzu kommen generelle Gesundheits- und Sicherheitsbedenken. Auch die Nachhaltigkeitsdebatte rund um den globalen Klimaschutz und eine wiederentdeckte Vorliebe für regionale Reiseziele können sich auf private Flugreisen auswirken.

Die Fluggesellschaften könnten mehr Urlaubsreisende sehen, während Geschäftsreisen nur langsam wieder normal werden. Foto: © Kearney

Konsolidierung am europäischen Markt

Das Überleben vieler Fluggesellschaften hängt aktuell stark von der staatlichen Unterstützung ab. Im Allgemeinen haben die Regierungen dazu drei Möglichkeiten: Fluggesellschaften Liquidität über Kredite oder Zuschüsse anzubieten, sie zu verstaatlichen oder sie einfach scheitern zu lassen.

Einige Regierungen werden stark in ihre staatlichen Transportunternehmen investieren. Die Zukunft mehrerer mittelgroßer Fluggesellschaften ist hingegen derzeit mehr als ungewiss. Man muss davon ausgehen, dass einige Staaten ihre Heimatgesellschaft loslassen müssen, auch wenn diese eine Tradition von oft mehr als 50 Jahren haben.

Bei der Evaluierung gibt es dabei im Wesentlichen sechs Haupttreiber, die die Entscheidung beeinflussen:

  • die Größe der Fluggesellschaft
  • die Rentabilität und andere wichtige Finanzdaten
  • die Anzahl der Fluggesellschaften im Heimatland
  • der Anteil des Geschäfts im Heimatland
  • die Finanzkraft des Staates
  • der Anteil des Staatseigentums.

Wahrscheinlich ist, dass sich vor allem der europäische, stark fragmentierte Markt als Folge der Covid-19-Krise weiter konsolidieren wird. Zu erwarten ist in Europa eine "3+2"-Konsolidierung. Das bedeutet, dass die drei großen Netzwerk-Airlines Lufthansa Group, International Airline Group (IAG) und Air France-KLM sowie die beiden Punkt-zu-Punkt-Fluggesellschaften Ryanair und Easyjet Marktanteile gewinnen werden, während andere Fluggesellschaften zusammenbrechen.

Für Fluggesellschaften, die es durch die Konsolidierungsphase schaffen, ist die Krise dabei eine Chance. Die Korrektur könnte sich positiv auf das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage sowie auf die wirtschaftliche Situation der verbleibenden Fluggesellschaften auswirken.

© Christoph Brützel, Lesen Sie auch: Zum Einfluss der Coronakrise auf den Luftverkehr: (1) Europäische Airline-Industrie Aviation Management

Diese Entwicklung kann der gesamten Branche helfen, eine schon lange vorhandene Erkenntnis jetzt in Veränderung umzusetzen: dass für eine nachhaltige Zukunft extrem niedrige Sitzplatzpreise weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sind.

Über den Autor

© A.T. Kearney GmbH

Dr. Sven Rutkowsky ist Partner und Geschäftsführer von Kearney und berät als Co-Lead des Beratungsbereichs Transportation in Deutschland, Österreich und der Schweiz Kunden aus den Branchen Luftfahrt, Schifffahrt, Bahn, Spedition und Logistik sowie ÖPNV. Industrie und Handel begleiten er und sein Team bei der Optimierung von Supply Chains, vor allem auf Basis von Advanced Analytics.

Link zur Studie "The future of aviation: could COVID-19 be the first and final crisis for airlines?"

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