Schiene, Straße, Luft (41) Gastautor werden

Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand

Die Corona-Krise trifft den Tourismus besonders hart. Das liegt zwar in der Natur der Sache, denn reisende Menschen sind das beste Transportmittel für Viren. Aber es liegt auch an manch fragwürdigem Geschäftsmodell, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Passagiere gehen neben einem großen Werbeschild von Thomas Cook am Flughafen von Palma de Mallorca. © dpa / Clara Margais

Eine meiner persönlichen Corona-Erfahrungen besteht darin, in diesem Jahr keinen Urlaub in Kalifornien machen zu dürfen. Ich tröste mich damit, eine vierstellige Summe gespart zu haben, mit der ich virusbedingte Umsatzeinbußen in anderen Feldern teilweise ausgleichen kann.

Glücklicherweise habe ich mit der Buchung von Flug und Mietwagen vor einigen Wochen immer wieder gezögert, weil ich fürchtete, dass der US-Präsident in seiner populistischen Art erst einmal das Ausland für die Pandemie verantwortlich machen und keine Ausländer mehr in die USA lassen würde. Was er dann ja auch tat. Ich buchte vorher nicht.

Deshalb muss ich jetzt nicht meinem Geld hinterherlaufen und womöglich noch anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen, um es zurückzubekommen. Die Streitereien in der Branche zeigen, dass hier so mancher mit einem fragwürdigen Geschäftsmodell unterwegs ist, das ihm jetzt auf die Füße fallen wird.

Denn die Forderung an die Politik, etwa rückwirkend die Frage der höheren Gewalt juristisch neu zu definieren oder von der vollständigen Erstattung des Reisepreises bei Nichterbringung der Leistung abzugehen, halte ich für, gelinde gesagt, unverschämt.

Eine Gutschein-Lösung wird der Verantwortung der Reisebranche nicht gerecht

Die Reisebranche im weitesten Sinne genießt ohnehin das Privileg, dass für sie der klassische Kaufmannsgrundsatz "Erst die Ware, dann das Geld", der sich im Paragraphen 433 des BGB niederschlägt, außer Kraft gesetzt ist. Ob Bus-, Bahn- oder Flugticket, ob 1,50 € oder 2.999 € - gezahlt wird oft Monate im voraus. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung für die Erbringung der Leistung. Und wenn sie nicht erbracht wird, gibt es das Geld zurück. Soweit die Theorie.

Aber was passiert? Schon haben sich Anwälte mit Fragen der Rückerstattung auseinander zu setzen, schon versuchen Unternehmer, sich auf die Entschädigung in Form von Gutscheinen zurückzuziehen oder sich auf höhere Gewalt zu berufen. Uns zum Beispiel hätte eine spätere Reise nach Kalifornien nichts genützt, weil wir dort einen familiären Termin hatten, der verfallen ist. Also: Gutschein bestenfalls unbefristet und freiwillig, wenn der Verbraucher es selbst will.

© EU-Kommission, Aurore Martignoni Lesen Sie auch: EU rät Bürgern, Gutscheine zu akzeptieren - Staatsfonds sollen garantieren

Im aktuellen Krisenmodus wird die Antwort auf die Frage noch sehr interessant, wer für die Rückholaktionen hunderttausender deutscher Urlauber aufkommt. Bisher müssen sie, jedenfalls in Thailand, erst einmal mit einem Hunderter in Vorlage treten und, wenn es dumm kommt, zu Hause den Rest bezahlen, obwohl sie den Rückflug bereits bezahlt hatten.

Die Versicherungssummen für Airlines und Veranstalter müssen deutlich steigen

Fluggesellschaften und Reiseunternehmen sind keine Pizzastuben um die Ecke. Es sind mittelständische bis größte Unternehmen mit einem dicken Buch voller Regeln für gutes Wirtschaften. Wenn das aber bedeutet, dass letztlich nur der Verbraucher in die Röhre guckt oder der Steuerzahler für seine Ausfälle aufkommen muss, dann haben sie einfach schlecht gewirtschaftet.

Das zeigt sich jetzt wieder. Schon bei der Thomas Cook-Pleite zeigte sich ganz ohne Corona, dass die Unternehmer gnadenlos umsatzorientiert handelten, ohne die Versicherungssumme aufzustocken. Der Gesetzgeber hat es dann versäumt, die Versicherungspflicht den offensichtlich gestiegenen Umsätzen anzupassen.

Ja, höhere Versicherungen kosten mehr Geld. Das macht das Reisen teurer. Alles richtig, aber es kann doch nicht angehen, dass am Ende alle Steuerzahler für die Lücke zwischen Reisepreis und Reisekosten bei vergleichsweise wenigen Reisenden aufkommt. Verantwortung und das gute Wirtschaften sind, um es mit einem für die Branche passenden Bild auszudrücken, auf der Strecke geblieben. Leidtragende sind Arbeitnehmer und Verbraucher. Die Großinvestoren fliegen ja nicht pauschal in Urlaub. Wenn die Umsatzrendite in der Reisebranche zu gering ausfallen sollte, kaufen sie Versicherungsaktien.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig Jetzt Gastautor werden

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