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Gedankenflüge Breitet eure Flügel aus und fliegt hoch!

Insolvenzen, Jobkahlschlag, neue Beschränkungen und kein Ende in Sicht? Die Gedankenflüge über das weniger Offensichtliche hinter den Meldungen der Woche bringen dieses Mal wenigstens ein paar kleine Hoffnungsschimmer.

Flugzeug hebt aus dem Nebel ab. © AirTeamImages.com / Alex Filippopoulos

Rund um die tagtäglichen Nachrichten macht sich airliners.de-Herausgeber David Haße Gedanken über das weniger Offensichtliche. Mit seinen "Gedankenflügen" lässt er die Abonnenten in seinen "Abend-Briefing"-Newslettern daran teilhaben. Immer sonntags als Wochenzusammenfassung für alle.

Mit Friedrichshafen rutscht ein weiterer Flughafen während Corona ins Insolvenzverfahren. Dabei hat der Wandel am Bodensee-Flughaben schon lange vorher begonnen. Wer erinnert sich noch an den Homecarrier Intersky? Germania, VLM, zuletzt der deutsche Ableger von Sun Air: Viele Pleite-Airlines haben in Friedrichshafen eine bedeutende Rolle gespielt.

Chinesische Ansprachen an die Belegschaft haben da schon durchaus etwas Anrührendes. Da wird blumig der Phoenix, die Sonne am Horizont und die Hoffnung beschworen, während irgendwo versteckt zwischen den Zeilen steht, wie komplex die Lage ist. Das Beteiligungsgeflecht, das die staatlichen HNA-Lenker in dieser Woche zur Insolvenzentscheidung getrieben hat, soll ausgedruckt angeblich drei Meter lang sein. An welcher Stelle da wohl der Hahn steht?

Die Probleme, die Carsten Spohrs Bruder als neuer Chef der Lufthansa Flugschule zu lösen hat, sind verglichen damit Kleinkram. Statt für die eigenen Konzern-Airlines will man zukünftig stärker für externe Anbieter ausbilden. Dagegen, bei anderen Fluggesellschaften fliegen zu müssen, klagen ja derzeit etliche Ex-Schüler. Chinesisch ausgedrückt lautet mein Rat: Breitet eure Flügel aus und fliegt hoch!

Rund 18.000 Pilotenjobs hat Corona bereits allein in Europa gekostet, das ist rund ein Viertel. Die Betroffenen satteln jetzt um und werden Zugführer oder schlagen sich als Paketboten durch.

Aber so gut wie alle Berufsfelder unserer Branche sind betroffen. Was das für diejenigen bedeutet, die gerade erst in der Luftfahrt anfangen wollen, haben wir zahlreiche Professoren, Dozenten und Ausbildungsleitern gefragt. Interessanterweise sind die Aussichten für viele Berufe gar nicht mal so schlecht. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer.

Verhältnismäßig viel

Ich habe aber noch einen. Ja, ich weiß: Auch in Luftfahrtkreisen ist es durchaus opportun, über Kassel-Calden zu meckern. Dabei schlägt sich der Flughafen während Corona gar nicht schlecht. Der Allgemeinen Luftfahrt erging es, anders als den Airlines, verhältnismäßig gut und Kassel hat nur bei Letztgenanntem ein echtes Problem. Das Defizit am zweiten hessischen Flughafen wird 2020 sogar geringer ausfallen als 2019, wie aus dieser - von den meisten Lesern verschmähten - Meldung aus dem Januar hervorgeht.

Fraport macht dagegen kräftig Minus. Allein im dritten Quartal fehlten unterm Strich 300 Millionen Euro. Und da gab es sogar noch ein wenig Flugverkehr. In dieser Woche hat sich auch Hessen dazu durchgerungen, seine Flughäfen zu stützen. Insgesamt stehen 276 Millionen Euro zur Verfügung. Wo die hinfließen, dürfte klar sein. Kassel könnte man damit 46 Jahre finanzieren. Fraport hat dagegen allein 2019 rund 420 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet - nach Steuern.

Aus der Zeit geflogen

Mit Corona sterben jetzt auch die Nostalgieflugzeuge. Es ist nicht schade drum, die Hamburger 707 war fast so verrottet wie die in Berlin. Die Zeit der fliegenden Oldtimer war ohnehin schon vorbei, bevor eine Ju-52 (nach einem Pilotenfehler) in der Schweiz abgestürzt war. Lufthansa hat ihre "Tante Ju" schon lange ausgemustert. Zu teuer. Und auch die Conny wurde vernünftigerweise nach einem dreistelligen Millionenbetrag (!) an Restaurations-Euros aufgegeben.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich von der Verherrlichung, die um Luftfahrtgeschichte vielfach zelebriert wird, ohnehin wenig halte. Es ist gut, dass es Vereine gibt, die sich mit viel Liebe darum kümmern. Und Museen. Denn es ist gut, zurückzublicken. Aber die wirkliche Faszination liegt doch in der Zukunft! Dabei muss sich die Luftfahrt ganz anderen Herausforderungen stellen. In China fahren Magnetbahnen jedenfalls bald bis zu 620 km/h. Und auch Visionen wie der Hyperloop werden immer konkreter. PTL-Beimischungsquoten können da nur der Anfang sein. Sonst fliegen wir schneller aus der Zeit, als uns lieb ist.

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Und die Zeiten ändern sich. Flexible Tickets gibt es bei Fluggesellschaften ja schon ewig. Früher war das sogar der Standard. Erst später kamen preislich attraktivere aber dafür weniger flexible Tarife - bis hin zu "Pech gehabt"-Billigflügen ganz ohne Umbuchungsmöglichkeit. Nach genau diesem Prinzip sind bislang auch viele Pauschalreisen gestrickt, zumindest wenn der Abflugtermin naht. Wenn Corona nun aufpreispflichtige Flexibilitäts-Optionen bringt, verstehe ich die Sorgen der Verbraucherschützer nicht: Die derzeitigen Kulanzregeln können ja schlecht zur Gewohnheit werden.

Sehr zu empfehlen ist diese Woche unser "Deep Dive"-Artikel zur aktuellen Impfsituation in den wichtigsten Luftverkehrsmärkten. So schlecht sieht es für den Sommer gar nicht aus. Lassen Sie uns also gemeinsam darauf hoffen, dass mit der Impfung auch die Grenzen möglichst schnell wieder aufgehen. Dann kann man im Regelfall auch einfach wieder den ganz normalen Pauschalurlaub ohne kostenpflichtiger Flex-Option buchen, wenn man denn damit glücklich wird.

Von: David Haße

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