Interview Fünf Fragen an: Martin Gauss, CEO von Air Baltic

Air Baltic hat seit einem Jahr einen neuen Chef: Der deutsche Airline-Manager Martin Gauss ist als Mitsanierer der Deutschen BA und als ehemaliger Malev-CEO bekannt. Jetzt hat er im Baltikum vieles vor und setzt dabei in Deutschland auch auf Air Berlin.

Martin Gauss © Air Baltic

airliners.de: Lettland sucht wieder einen Käufer für Air-Baltic-Anteile. Könnten Sie sich vorstellen, erneut persönlich in eine Airline zu investieren?

Martin Gauss: Ich schließe nicht aus, dass ich persönlich irgendwann mal wieder irgendwo investiere. Wenn es eine Airline sein sollte in die ich investiere, dann wäre Air Baltic sicher eine nahe liegende Option, aber aus heutiger Sicht kann ich dazu nichts sagen.

Richtig ist, dass Lettland die Airline wieder verkaufen will. Der Staat führt auch Gespräche mit unterschiedlichen Investoren. Das offizielle Angebot lautet 50 Prozent minus einem Anteil, man ist aber gewiss bereit, über alle denkbaren Modelle zu verhandeln.

Lettland hatte die Air-Baltic-Anteile nur übernommen, weil der private Investor einer vereinbarten Verpflichtung zur Kapitalerhöhung nicht nachgekommen war. Das wird jetzt zum Problem, wenn die EU eine Prüfung vornehmen wird, was wir bis zum Jahresende erwarten. Es war aber nicht der Wunsch von uns, dass der private Shareholder kein Geld mehr hatte, sondern es ist einfach so passiert.

airliners.de: Sie haben ja bei der Malev bereits schmerzliche Erfahrungen mit der EU gesammelt. Die Deutsche BA haben Sie dagegen erfolgreich saniert an Air Berlin verkauft. Sind die Herausforderungen bei Air Baltic also eher mit denen der Malev zu vergleichen?

Martin Gauss: Sie können die Herausforderungen bei Air Baltic weder mit der einen noch mit der anderen Airline vergleichen, weil die Zeit eine andere ist. Die dba-Umstrukturierung lag in einer Zeit, in der das Low-Cost-Phänomen in Europa noch nicht entwickelt war, die Air Baltic hat anders als die Malev auch keine 70 Jahre Geschichte hinter sich.

Alle Airlines haben heute die gleichen Probleme, die Frage ist nur, in wie weit die jeweiligen Probleme mit Kostensenkungs- und Sparprogrammen gelöst werden können. Dabei kann man nur die Fragen stellen: Welches Programm wirkt, wie schnell wirkt es und wie schnell ist man wieder auf den Füßen.

airliners.de: Sie sind jetzt rund ein Jahr Chef bei Air Baltic. Wie weit sind Sie mit dem Kostensenkungsprogramm "ReShape"?

Martin Gauss: Das Ziel für Air Baltic ist, in 2014 den Break Even zu schaffen. Damit wäre unser Restrukturierungsplan zum größten Teil erfüllt. Die Verluste sind bereits gestoppt, die Ausgaben werden zurückgeschraubt und in 2013 findet wieder ein sanftes Wachstum statt.

Allerdings passt bis heute die Kostenbasis nicht zum Modell, das wir fliegen. Speziell langfristige Themen wie Leasingverträge werden gerade neu- oder nachverhandelt. Wir liegen hier zum Teil weit über den marktüblichen Leasingraten. Das ist der größte Einzelposten, aber zugleich auch der, der am einfachsten zu beheben ist. Beim Personal haben wir bereits 15 Prozent eingespart und haben eine wettbewerbsfähige Kostenbasis.

Wir fahren aber keinen reinen Kostensenkungsplan: Es geht um Kostensenkung, Umsatzsteigerung und um einen Schwenk in der Ausrichtung. Wir haben uns von bestimmten Strecken verabschiedet. Als ich kam, hatte Air Baltic beispielsweise noch eine Boeing 757 in der Flotte, die lange Strecken bedient hat - das haben wir heute nicht mehr.

Was wir beibehalten haben ist dagegen das Hub-and-Spokes-System mit Riga als Hub. Bei der Evaluierung haben wir gesehen, dass es durchaus Sinn macht, dass wir beispielsweise aus Finnland über Riga Passagiere befördern. Daher behalten wir das System bei, allerdings auf niedrigerem Niveau als noch in 2011.

airliners.de: Sehen Sie die Zukunft von Air Baltic also vor allem im Drehkreuz Riga oder reaktivieren Sie den pan-baltischen Gedanken, indem Sie zukünftig wieder mit mehr Flügen direkt ab Tallinn und Vilnius starten?

Martin Gauss: Heute fliegen wir alles, was aus Vilnius oder Tallinn herausgeht über Riga. Wir „shutteln“ hier bis zu sieben Mal täglich, es sind sehr kurze Flüge. Durch unseren relativ kleinen Heimatflughafen haben wir kaum Umsteigezeiten. Der „North Hub“ in Riga funktioniert sehr gut. Für Vilnius und Tallin planen wir daher aus heutiger Sicht keine eigenen Operations.

Wir können uns aber sehr gut vorstellen, mit den lokalen Mitbewerbern zu kooperieren. Den pan-baltischen Gedanken gibt es also nach wie vor. Er macht für uns auch Sinn, denn wenn Sie ins Baltikum reisen, dann sehen Sie hier nur einen starken Carrier, und das ist Air Baltic. Es ist aber nicht allein an uns, über weitergehende Kooperationen zu entscheiden, hier sind drei Länder involviert und es gibt natürlich politische Interessen, wie so etwas aussehen kann. Was derzeit mit SAS passiert, hat sicherlich auch auf uns Einfluss.

airliners.de: In welcher Himmelsrichtung sehen Sie die besten Chancen für Air Baltic und welche speziellen Erwartungen knüpfen Sie in Deutschland an die neue Partnerschaft mit Air Berlin?

Martin Gauss: Das Baltikum ist und bleibt der für Air Baltic wichtigste Markt. Unsere zwei stärksten Routen Richtung Osten gehen nach Moskau und St. Petersburg. Im Norden bedienen wir Finnland. Auch in Skandinavien sind wir stark. Wir wollen diese nordöstlichen Märkte mit anderen wichtigen Märkten verbinden, und dazu zählt auch Deutschland.

Unsere neue Partnerschaft mit Air Berlin und das Codeshareing hilft uns dabei, weil wir dadurch auch Destinationen anbieten können, die es in unserem eigenen Flugplan bislang nicht gab - wie beispielsweise Riga-Nürnberg oder Riga-Stuttgart, und zwar mit Air-Berlin-Weiterflug via Berlin.

Wir bekommen durch das Air-Berlin-Codeshareing seit dem ersten Tag der Kooperation Buchungen aus Air-Berlin-Kanälen, die wir sonst nicht bekommen hätten. Jetzt blicken wir gespannt auf den nächsten Sommer, weil das Baltikum ein sehr saisonales Reiseziel ist. Dann wird man sehen, wie sich die Partnerschaft entwickelt.

Je nach Buchungssituation werden wir dann unsere Deutschland-Frequenzen sogar weiter aufstocken. Neue direkte Destinationen sind in Deutschland nicht geplant, es fallen aber durch die Partnerschaft mit Air Berlin auch keine Air-Balic-Deutschlandziele weg. Air Berlin bietet Riga ja selbst nicht als Ziel an.

Zur Person: Martin Gauss (44) kann auf fast 20 Jahre Berufserfahrung in der Luftfahrtindustrie zurückblicken. Zum November 2011 hat Gauss als CEO und Vorstandsvorsitzender die Führung der angeschlagenen Air Baltic von seinem ebenfalls deutschen Vorgänger Bertolt Flick übernommen. Zuvor war Gauss zwischen April 2009 und Mai 2011 CEO der ungarischen Fluggesellschaft Malev.

Gauss begann seine Luftfahrt-Karriere 1992 als Pilot bei der British-Airways-Tochter Deutsche BA und arbeitete bis 1995 in deren Geschäftsführung. Er war Leiter der Flight Operations-Support-Abteilung, bevor er Geschäftsführer der Bodenbetrieb-Abteilung wurde. 2002 wurde er zum Director Flight Operations ernannt, in deren Eigenschaft er für alle Crew-Besatzungen und die gesamte Operations-Abteilung verantwortlich war.

Nach dem Verkauf der Deutschen BA an die Intro-Gruppe wurde Gauss im Jahr 2004 Joint Managing Director der Deutschen BA (dba) und verantwortete den Relaunch der Fluggesellschaft, an der er sich selbst mit zehn Prozent beteiligte. 2006 wurde die dba an Air Berlin verkauft, wobei Martin Gauss seine Position als Managing Director für ein weiteres Jahr behielt, um die dba in die AirBerlin zu integrieren. Danach verließ Gauss das Unternehmen nach 15 Jahren. Im Oktober 2007 stieg Gauss bei der Cirrus Group ein und wurde dort CEO von Cirrus Airlines und Geschäftsführer der Cirrus Group.

Von: airliners.de

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