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Zug statt Flug (8) Für Schweizer und Japaner ist das Flugzeug oft entbehrlich

An der Praktkabilität der Bahn in Deutschland gibt es viel zu kritisieren. Im letzten Teil unserer "Zug statt Flug"-Serie blicken wir auf Länder, die Bahnverkehr anders organisieren. Wo ein Wille ist, gibt es nämlich einen Weg.

Zwei japanische Shinkansen stehen im Bahnhof. © Adobe Stock 290251777 / Delphotostock
KTX-Service in Südkorea © Privat / Andreas Sebayang
SRT-Service in Südkorea im Bahnhof Suseo. © Privat / Andreas Sebayang
Taiwans Hochgeschwindigkeitssystem ist aus Japan. © Privat / Andreas Sebayang
Bei Kindern sehr beliebt, der Hello-Kitty-Shinkansen. © Privat / Andreas Sebayang
Verschiedene SBB-Garnituren im Züricher Hauptbahnhof © Privat / Andreas Sebayang

In einer mehrteiligen Reihe legt Bahn- und Luftfahrtjournalist Andreas Sebayang die praktischen Probleme rund um die aktuelle Diskussion um eine Verlagerung von Fernverkehr auf die Schiene dar. Im letzten Teil wird der Blick auf die Schweiz und in den fernen Osten gerichtet, wo der Bahnverkehr Deutschland in einigen Teilbereichen um Jahrzehnte voraus ist.

Wir haben es in vergangenen Teilen zu einzelnen Situationen bereits angedeutet: Im Ausland funktioniert die Bahn oft besser als hierzulande - und hat einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft.

Ein Positiv-Beispiel in Europa ist die Schweiz. In der Eidgenossenschaft herrschen extrem widrige Bedingungen, denn die Schweiz hat viele und vor allem hohe Berge. Trotzdem gehört der Schienenverkehr, "öV", wie die Schweizer ihn auch nennen, zu den besten Systemen Europas. Das gilt sowohl technisch als auch beim Angebot.

Verschiedene SBB-Garnituren im Züricher Hauptbahnhof Foto: © Privat, Andreas Sebayang

Die Schweiz ist allerdings kein Hochgeschwindigkeitsland, dafür sind die Distanzen oft zu gering. Nur wenige Strecken erlauben eine Geschwindigkeit von 200 km/h. Zweigleisigkeit, hohe Signaldichte und allgemein aufwendige Bauten gleichen das allerdings aus.

Wer sich einmal die Ein- und Ausfädellungen in Zürich von den verschiedenen Zulaufstrecken anschaut ist entweder überfordert und verwirrt oder hochgradig beeindruckt. Der Zug zum Flug ist dort Standard. Die Anbindung des Flughafens Zürich an den Fern-, Regional- und Nahverkehr mustergültig.

Das Gepäckgeschleppe bleibt einem zwar auch in der Schweiz nicht erspart. Dafür kommt die Schweizer Bahn mit einer Zuverlässigkeit, die wir in Deutschland nicht gewohnt sind. Wer eine Verspätung im Bereich weniger Minuten einkalkuliert, kann hierzulande noch zum Kiosk gehen. In der Schweiz verpasst man dann seinen Zug.

Natürlich meckern auch die Schweizer über ihren "öV". Volle Züge gibt es auch dort. Das Angebot ist trotzdem überwältigend. Vergleichen wir den Großraum Zürich mit dem Großraum Berlin aus dem ersten Teil der Zug-statt-Flug-Serie. Hier zeigt sich, dass die Schweizer es geschafft haben, selbst kleine Orte mit hohen Frequenzen an die Städte anzubinden. Da wäre etwa das kleine Städtchen Wetzikon zu erwähnen mit seinen rund 25.000 Einwohnern. Zwar liegt die Stadt nur 20 Kilometer von Zürich entfernt, doch dieses Beispiel zeigt, wie gut die Bahnen dort funktionieren.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: Aus der Fläche ist schnelles Reisen oft schwierig Zug statt Flug (1)

Dort fährt alle 15 Minuten eine S-Bahn gen Zürich und mit hoher Zuverlässigkeit ab. Das Angebot ist so gut, dass das abendliche Partyvolk am Wochenende diesen Bahnhof füllt. Mit anderen Worten: Die Jugend wird dort mit der Bahn sozialisiert. Ein wichtiger Punkt, der dem Kauf eines Autos entgegenwirkt und die Akzeptanz des Schienenverkehrs auch folgenden Generationen übermittelt.

Also genau das Gegenteil von dem, was in Brandenburg passiert, wo die Jugendlichen zur Landflucht getrieben werden oder ihnen beigebracht wird: ohne Auto geht es nicht. Jedenfalls nicht von Neuruppin nach Berlin.

Und noch ein Punkt ist in der Schweiz herausragend. Wie wir im dritten Teil unserer Serie bereits feststellten, ist der grenzüberschreitende Verkehr nicht unproblematisch. Ein Teil der Lösung ist das European Train Control System (ETCS). Die Schweiz hat es bereits geschafft, ETCS flächendeckend im Hauptnetz nachzurüsten. Zwar meist nur als Level 1 mit Limited Supervision, also Signalgeführt, doch das ist schon einmal ein Anfang für Züge aus Nachbarländern.

© Adobe Stock 134423182, Sergii Figurnyi Lesen Sie auch: Diese Hürden behindern den grenzüberschreitenden Bahnverkehr Zug statt Flug (3)

Zu beachten ist dabei, dass die Schweiz der Europäischen Union nicht angehört und auch nicht von ETCS-Fördermitteln der EU profitieren kann. Das Land hat es aus eigenem Willen geschafft.

In Deutschland muss man dagegen wohl noch ein paar Jahrzehnte warten, bis eine derartige Ausrüstung vorhanden sein wird. Die DB Netz lässt jedenfalls darauf schließen. Immerhin hat man sich schon früh entschlossen, überwiegend auf ETCS Level 2 und damit auf elektronische Sicht zu fahren. Neuere Stimmen wollen die ETCS-Migration sogar bis 2030 abschließen.

Von: Andreas Sebayang

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