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Corona-Job-Protokoll (4) Gastautor werden

"Für einen anderen Job sind meine Qualifikationen viel zu speziell"

Wie sein Traum-Job aussieht, wusste Manuel bereits als Schüler: fordernd und auf keinen Fall am Schreibtisch. Seine hochspezialisierten Kenntnisse als Fluggerätmechaniker waren vor Corona gefragt. Jetzt werden sie zum Problem.

Fluggerätmechaniker (Symbolfoto). © Adobe Stock / Svitlana

Für das anonyme Corona-Job-Protokoll auf airliners.de führen wir vertrauliche Gespräche mit Mitarbeitenden aus der Luftfahrtbranche. Wie verändert Corona den Blick auf die Arbeit, wie planen die Menschen ihre Zukunft?

Manuel*, Fluggerätmechaniker

Manuel, Ende 30, ist wohl das, was man eine gefestigte Persönlichkeit nennt. Während seine Klassenkameraden in der neunten Klasse noch am Vollbild der Pubertät herumlaborierten, war er sich bereits sicher, dass er sein Berufsleben unter keinen Umständen an einem Schreibtisch verbringen wollte.

Sein Betriebspraktikum absolvierte er deshalb in einer Autowerkstatt. Dort gefiel es ihm so mittel. "An Autos zu schrauben war mir zu einfach. Außerdem ist der Verdienst ja nicht gerade besonders hoch", resümiert er. Nach dem Abitur war es dann glückliche Fügung: Manuel kannte jemanden, der wiederum wen kannte, und der verhalf ihm zu einem Ausbildungsplatz am Flughafen.

*) Manuel heißt in Wirklichkeit anders und das oben ist auch nicht sein Foto. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt. Wollen Sie ebenfalls für das anonyme Job-Protokoll interviewt werden? Dann melden Sie sich bei uns.

Dreieinhalb Jahre dauerte die Ausbildung. Seit seinem Abschluss darf er sich "Fluggerätmechaniker Fachrichtung Instandhaltung" nennen. Während unzähliger Nachtschichten führte er fortan die vorgeschriebenen Routinechecks an Flugzeugen durch. Auch Reparaturen wie ein Reifenwechsel gehörten dazu. Am nächsten Morgen hoben diese Maschinen idealerweise dann wieder ab.

In seinen Frühschichten öffnete sich das Zeitfenster der Kunden aus Nordamerika, die mit ihren zweistrahligen Maschinen landeten. Deren Checks müssen den besonderen Anforderungen des ETOPS-Regelwerks genügen. Eine Stunde hatte er dafür Zeit, die Ölstände der Triebwerke genau zu analysieren und zu dokumentieren. Neben einigen weiteren Aspekten musste er vor allem sicherstellen, dass die APU, das Hilfsaggregat, im Fall des Ausfalls eines Triebwerks jederzeit auch unter widrigen Umständen gestartet werden kann. Eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Weiterqualifiziert, auch während Corona

Bis die Coronakrise ausbrach, waren Manuel und seine Kollegen nachts für rund 25 Flugzeuge verantwortlich. Jetzt sind es nur noch fünf, sechs. Zu Beginn der Krise waren es hauptsächlich Frachtmaschinen, mittlerweile ist auch wieder die ein oder andere Passagiermaschine darunter. Hinzu kommt, dass der größte Kunde von Manuels Firma weggefallen ist. Statt in Vollzeit arbeitet er zurzeit lediglich fünf bis acht Tage pro Monat.

Auf die Frage, ob sein Job sicher ist, antwortet er: "Ich weiß es noch nicht. Ich hoffe es einfach." Seit er in seinem Beruf arbeitet, hat er sich weitergebildet. Für die verschiedensten Flugzeugtypen, auch für ältere, hat er so genannte CAT B1-Lizenzen erworben. Diese berechtigen ihn, Eingriffe in die Flugsteuerung vorzunehmen, Bauteile zu wechseln, Kollegen ohne Lizenz zu überprüfen sowie zum "Troubleshooting".

Je breiter und vielseitiger er aufgestellt ist, so hofft er, umso höher sind seine Chancen, seinen Job zu behalten. Daran glaubt er ganz fest. Denn Manuel hatte vor Corona nie Probleme, Arbeit zu finden. Im Gegenteil, nach Fluggerätmechanikern mit speziellen Qualifikationen wurde überall gesucht.

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Auch während Corona hat er sich mittels Online-Kurs weitergebildet. Bezahlt hat er ihn aus eigener Tasche. Die theoretische Prüfung ist auch erfolgreich absolviert. Beim praktischen Teil scheitert es im Moment daran, dass das zu erlernende Flugzeug nicht am Heimatflughafen steht. "Dafür muss man direkt an das Flugzeug ran. Das ist im Moment aber nicht praktikabel, denn ich kann nicht vorher und hinterher in Quarantäne gehen", sagt Manuel.

Als berufliches Alleinstellungsmerkmal wirken sich seine Lizenzen für ihn hoffentlich positiv aus. Aus dem gleichen Grund haben sie für ihn aber auch die Qualität eines Dilemmas: "Meine Qualifizierungen sind so speziell, was sollte ich denn beruflich sonst damit anfangen?" Es ist eine rhetorische Frage, denn für ein Studium oder einen anderen beruflichen Neuanfang kann er sich nicht erwärmen.

Ein Lebensgefühl

Abgesehen von den speziellen Qualifikationen ist da aber noch die andere Sache, der wahre, tiefere Grund, warum er seine Arbeit auf keinen Fall verlieren möchte:

Zwischen zwei Festanstellungen hat er mal für einige Monate in einem Triebwerksprüfstand gearbeitet. Jeden Tag wurden Triebwerke dorthin geliefert und von ihm gewartet, repariert, gecheckt. "Nine to five", ewig gleiche Handgriffe, täglich grüßt das Murmeltier. "Da habe ich gemerkt, dass Routine gar nicht mein Ding ist, ich brauche immer wieder neue und andere Situationen", gibt er lachend zu. Wie unzufrieden ihn diese Arbeit machte, ist ihm selber zunächst gar nicht aufgefallen. Erst als seine Frau ihn darauf aufmerksam machte, dass er immer grummeliger wurde, zog er die richtigen Schlüsse.

© Adobe Stock, SvitlanaLesen Sie auch: "Luftfahrt loslassen, sich beruflich verändern" Corona-Job-Protokoll (1)

Er hatte ernsthaft versucht, dem Flughafen den Rücken zu kehren. Nun musste er erkennen, dass ihm das unmöglich war. Er vermisste den Flughafen. Folglich kündigte er und kehrte zurück auf den "Beton". Für Manchen mag dieser an sich unschuldige Werkstoff der Hauptschuldige städtebaulicher Apokalypse sein. Doch für Manuel ist der "Beton", wie Arbeitsplatz und Arbeit auf dem Vorfeld und an den Flugzeugen zusammen mit den Menschen, Gerüchen und Geräuschen von Insidern liebevoll genannt werden, etwas ganz Anderes, etwas tief Emotionales, nämlich – ein Lebensgefühl.

© Ines Schaub

Über die Autorin

Ines Schaub ist Check-in Agentin am Frankfurter Flughafen. Vorher arbeitete sie als Krankenschwester im In- und Ausland. Ein Germanistik-Studium hätte die Liebe zum Schreiben beinahe zerstört, doch während des Volontariats zur Journalistin kehrte sie umso inniger zurück.

Von: Ines Schaub Jetzt Gastautor werden

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