Hintergrund Flughäfen stellen Ausbaupläne auf den Prüfstand

Die Corona-Pandemie hat deutliche Auswirkungen auf die prognostizierten Passagierzahlen an den Flughäfen. Jetzt passen erste Standorte in Deutschland ihre Ausbaupläne an. Große Projekte laufen aber weiter. Eine Übersicht.

Baumaschinen arbeiten am 09.07.2013 in Hamburg am Flughafen an der Erneuerung der Start- und Landebahn 5. © doa / Angelika Warmuth

Die Corona-Pandemie hat den Flugverkehr in Deutschland fast vollständig zum Erliegen gebracht. Die ADV beziffert das Passagieraufkommen Ende April auf nur noch knapp zwei Prozent der Vergleichswoche des Vorjahres.

Dieser abrupte Absturz trifft die Flughäfen besonders hart, da die Passagierzahlen in den vergangenen Jahren eigentlich nur eine Richtung kannten: Passagierrekorde Jahr für Jahr. Lag das Passagieraufkommen in Deutschland laut ADV-Statistik 2010 noch bei rund fast 191 Millionen, waren es Ende des vergangenen Jahres bereits fast 250 Millionen Passagiere, eine Zunahme um knapp 30 Prozent.

Dementsprechend haben die Flughäfen in Deutschland Ausbaupläne für ihre Standorte entwickelt. Beispiele sind das neue Terminal 3 in Frankfurt, die Erweiterung des Satellitenterminals in München oder ein weiteres Terminal für den BER, noch bevor dieser überhaupt am Netz ist.

Flughäfen müssen zudem regelmäßig in die Instandsetzung ihrer vorhandenen Infrastruktur investieren. Dabei kann das derzeit geringe Verkehrsaufkommen auch Vorteile bieten, da manche Arbeiten vorgezogen und auch statt nachts nun tagsüber ausgeführt werden können, was Kostenersparnisse mit sich bringen kann.

Mindestens drei Jahre Wachstum verloren

Selbstredend überwiegen die Probleme, denn selbst die Best-Case-Szenarien verschiedener Beobachter gegen von langfristigen Auswirkungen auf die anzunehmende Passagierentwicklung aus. So rechnet der Flughafenverband ADV mit einer Normalisierung auf 2019er-Niveau nicht vor 2022. Die Wachstumspläne, auf denen zahlreiche Ausbaumaßnahmen fußen, sind damit zumindest teilweise obsolet.

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise müssen die Flughäfen nun also ihre Ausgaben überprüfen, wenn es um die Frage von Ausbauvorhaben geht, wie die Airports nahezu flächendeckend auf eine Anfrage von airliners.de mitteilten. Die Flughäfen reagieren dabei unterschiedlich auf die zu erwartenden Passagierrückgänge. Je größer ein Flughafen oder ein Projekt ist, desto eher wird derzeit an den Ausbaumaßnahmen festgehalten. Gleiches gilt für bereits im Bau befindliche Projekte.

So bekräftigt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel im Gespräch mit airliners.de: "Für alle Flughäfen gilt, dass wir an vorhandenen Erweiterungsvorhaben festhalten, gerade weil wir auch wissen, dass Genehmigungsverfahren sich ja über viele Jahre hinziehen." Zudem betont Beisel, dass die Flughäfen zwar aktuell leer seien, "aber irgendwann werden sie wieder voll sein und dann werden wir auch wieder über Kapazitätsprobleme reden".

Auch Ralf Schmid, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze (IDRF) geht davon aus, dass Flughäfen, die für Maßnahmen schon entsprechende rechtskräftige Bescheide haben, "jetzt nicht diese kurzfristig endgültig absagen sondern höchstens verschieben". Der Luftverkehr werde auch wieder dynamisch und überdurchschnittlich wachsen und darauf sollte jeder Platz vorbereitet sein, so der Flughafenchef aus Memmingen.

Diese Einschätzungen decken sich mit den Angaben der Flughäfen. Die überwiegende Mehrheit der befragten Airports beschränkt sich in der aktuellen Lage darauf, die notwendigsten oder bereits beauftragen Projekte weiter auszuführen. Während vor allem kleinere Airports pandemiebedingt Maßnahmen bis auf Weiteres verschieben müssen.

Frankfurt baut Terminal 3 weiter

Der größte deutsche Flughafen in Frankfurt teilte mit, dass es aktuell etwa 300 geplante oder beauftragte Bauprojekte am Frankfurter Flughafen gebe. Diese würden weiter fortgeführt und fertiggestellt, so ein Sprecher zu airliners.de.

Das größte Bauvorhaben ist dabei das Terminal 3. Die Bauarbeiten werden laut Fraport regulär fortgesetzt. Die Baustelle ist auch nicht von den Kurzarbeiter-Regelungen der Fraport betroffen, da der Bau von der konzerneigenen Tochter "Fraport Ausbau Süd GmbH" verantwortet wird.

Auch die für den Flugbetrieb und Passagiertransport notwendigen Bauarbeiten laufen weiter. So konnten die Instandsetzungsarbeiten der südlichen Start- und Landebahn (07R/25L) bereits frühzeitig abgeschlossen werden. Auch laufen die Arbeiten für die neue Station des Personen-Transport-Systems am Terminal 1 weiter und ein zentrales Büro- und Verwaltungsgebäude wird wie geplant instandgesetzt.

Da Terminalbereiche für den öffentlichen Passagierverkehr außer Betrieb genommen werden mussten, konnten sogar einige eigentlich für später geplante Bauaktivitäten in Absprache mit Lieferanten zeitlich nach vorne gezogen werden, heißt es bei Fraport.

München gibt dritte Bahn nicht auf

Auch am Flughafen München sind eine Vielzahl von Bauprojekten zur Kapazitätserweiterung und Instandsetzung geplant.

Flughafenchef Jost Lammers betonte im Gespräch mit airliners.de, dass alle wichtigen Projekte fortgesetzt würden, wie etwa die Erweiterung der Flugsteige am Terminal 1 sowie die Tunnelarbeiten für den "Erdinger Ringschluss" für eine verbesserte Anbindung des Flughafens mit der Eisenbahn.

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Andere Projekte, wie das Parkzentrum West, die neue Konzernzentrale und auch ein neues Budget Hotel wurden im Zuge der Corona-Pandemie aber zurückgestellt.

Nicht aufgeben will der neue Flughafenchef dagegen die Forderung für den Bau einer dritten Start- und Landebahn. Zwar ist die Kapazitätserweiterung politisch auf Eis gelegt, aber der Flughafen müsse als Infrastrukturdienstleister immer eine bedarfsgerechte Erweiterung im Blick haben, so Lammers zu airliners.de.

BER soll während Corona eröffnen

Das größte Ereignis in der deutschen Flughafenlandschaft wird in diesem Jahr die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER. Der Flughafen hat, mit neun Jahren Verzögerung, von der zuständigen Brandenburger Baubehörde die Nutzungsfreigabe für das Hauptterminal erhalten – damit steht einer Eröffnung des Airports am 31. Oktober laut Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup nichts mehr im Weg.

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Der Flughafenchef sieht im coronabedingten Verkehrseinbruch zumindest Vorteile den Probebetrieb und die Inbetriebnahme sowie den Umzug nach Tegel. Unklar ist derzeit allerdings, ob auch das neue Terminal 2 am BER zur Eröffnung im Oktober bereitstehen wird. Auf der Baustelle fehlen wegen der Corona-Krise gut ein Viertel der Bauarbeiter aus Osteuropa, benötigt wird der Anbau wegen der wenigen Passagiere allerdings nicht.

Flughäfen richten Blick nach vorne

Der Flughafen Köln/Bonn teilt mit, dass man trotz der Corona-Krise "die Zukunft im Blick" habe. Da es auch es eine Zeit nach der Krise geben werde, treibe man verschiedene aktuelle Bau-Projekte weiter voran, so eine Sprecherin zu airliners.de. Dazu zählt unter anderem der Bau eines Hotels in unmittelbarer Nähe von Terminal 1 sowie die Sanierungsarbeiten an Rollweg Bravo. Dieser erhält unter anderem eine neue Betondecke. Die Sanierung des gesamten Rollwegs soll planmäßig fünf Jahre dauern.

Der Flughafen Düsseldorf teilte auf Anfrage mit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise auf das Unternehmen bestmöglich abzufedern. Einige Projekte, "die von ihrer Dringlichkeit in der momentanen Situation in diesem Jahr nicht den genannten Kriterien entsprechen" würden verschoben, sagte ein Sprecher.

Bereits laufende Vorhaben, die sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr stoppen lassen, sowie strategische und sicherheitsrelevante Projekte würden weiter fortgeführt. Dazu zählen unter anderem die Vorfeldsanierung zwischen den Flugsteigen A und B, der Bau einer Regenwasserbehandlungsanlage Mitte oder die Schaffung neuer Räumlichkeiten für die Bundespolizei.

Auch am Flughafen Hamburg läuft die bautechnisch 2016 begonnene Vorfeld-Erneuerung weiter. Das Projekt befindet sich aktuell in der neunten Bauphase und soll Ende Mai in die zehnte und letzte Bauphase wechseln, heißt es vom Flughafen. Alle weiteren bislang nur geplanten Baumaßnahmen wurden schon vor der Corona-Krise auf ihre Dringlichkeit hin überprüft. Beispielsweise für die Schaffung neuer Gates an der Rückseite des Pier Süd gäbe es ohnehin noch keinen konkreten Zeitplan, so eine Sprecherin.

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Vom Flughafen Stuttgart heißt es, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie auch Auswirkungen auf geplante Investitionen hätten. Große Projekte, etwa die geplante Terminalentwicklung, würden in den kommenden Jahren auf den Prüfstand gestellt. Auch geplante Betriebsgebäude oder Parkhäuser sollen voraussichtlich erstmal nicht realisiert werden.

Nicht betroffen sind Projekte, die bereits angefangen wurden, wie die aktuell laufende Teilerneuerung der Runway, die wegen der Corona-Flugpause früher und schneller in Angriff genommen werden konnte und seit dem 6. April angelaufen ist, oder andere Vorhaben, zu denen der Airport gesetzlich verpflichtet ist.

Bis in den Juni muss der Flughafen noch mit einer verkürzten Startbahn auskommen. Foto: © Flughafen Stuttgart GmbH

Auch in Nürnberg werden Instandsetzungsarbeiten, wie beispielsweise der Markierungsarbeiten auf den Vorfeldern, Fugen- und Kantensanierung auf den Flugbetriebsflächen sowie der Sanierung von lockeren Unterflurfeuern fortgeführt. Der Flughafen kann zudem Kosten reduzieren, da einige der ursprünglich in den Wochenend-Sperrnächten vorgesehenen Bauarbeiten jetzt in Tagarbeit während der Woche durchgeführt werden kann.

Kleinere Flughäfen konzentrieren sich auf notwendigste Arbeiten

Kleinere Flughäfen wie Dortmund, Bremen, Paderborn oder Rostock beschränken sich auf die notwendigsten Baumaßnahmen. So überprüft der Flughafen Dortmund alle Baumaßnahmen, die sich noch nicht in der Ausführungsphase befinden. Laut einer Sprecherin sei aber noch keine Entscheidung gefallen, dass Bauvorhaben verschoben oder abgesagt werden müssen.

Ähnlich äußerte sich auch der Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden. Am "Baden Airpark" finden weiter verschiedene Instandsetzungsarbeiten statt. Unter anderem würden die Markierungen der gesamten Flugbetriebsflächen erneuert und zwei neue Fahrzeuge zur Flugzeugenteisung angeschafft. Betrieblich nicht notwendige Projekte, wie die Eigenstromversorgung des Terminals, verschiebt das Management jedoch auf 2021, teilte ein Sprecher mit.

Auch in Bremen werden nur noch die "zwingend notwendigen Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen" Arbeiten vorgenommen. Diese sind laut einer Sprecherin beispielsweise verschiedene Risssanierungen auf Runway und Taxiway. Alle anderen Vorhaben sind aufgrund der Corona-Pandemie verschoben worden.

Der Flughafen Paderborn/Lippstadt führt die Modernisierung technischer Anlagen fort. Die Baumaßnahmen sind Teil eines Investitionsprogramms. Dies geschehe, um auch langfristig die geforderten Standards am "Heimathafen" zu erfüllen, teilte der Flughafen mit. Derzeit werden vier Flugzeug-Abfertigungspositionen auf dem Flughafen-Vorfeld grundhaft erneuert. Zugleich wird die Positionierung der Flugzeuge angepasst, um die Abfertigungsprozesse weiter zu optimieren, so ein Flughafensprecher zu airliners.de. Die Corona-Krise habe aber bisher zu keinen Verzögerungen geführt. Auch nutzt man die aktuelle Zeit dafür, anstehende Instandhaltungsmaßnahmen etwa an Piste und Grünflächen vorzuziehen.

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In Rostock-Laage sind für dieses Jahr zwei Baumaßnahmen geplant, teilte eine Sprecherin mit. So soll zum einen die Gepäckanlage umgerüstet werden und zum anderen muss die ökologische Entwässerung ertüchtigt werden. Beide Vorhaben werden nach aktuellem Stand planmäßig durchgeführt. Bei einem weiteren Bauprojekt zur Vorfelderweiterung und dem Hangarbau gehe der Airport von einer drei bis viermonatigen Verzögerung aus, heißt es. .

Am Flughafen Saarbrücken waren für dieses Jahr mit der Erneuerung der Anflugbefeuerung sowie der Sanierung des Vorfeldes größere Investitionsvorhaben geplant – pandemiebedingt mussten alle Vorhaben abgesagt werden, heißt es jetzt es vom Flughafen. Auch am Flughafen Hannover werden in diesem Jahr keine Baumaßnahmen stattfinden. Die geplante Modernisierung von Terminal B wurde schon im letzten Jahr aus anderen Gründen verschoben.

Von: Benjamin Recklies

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