Interview "Fliegen darf seinen Preis haben - auch am Flughafen"

Der Hamburger Flughafen steht mit seinen Ausbauprojekten in der Kritik. Airport-Chef Michael Eggenschwiler sagt im airliners.de-Interview, wie er die Infrastruktur verbessern will und warum er dafür mehr Geld braucht.

Michael Eggenschwiler © Flughafen Hamburg

Bis zu 400 Millionen Euro will der Flughafen Hamburg in den nächsten fünf Jahren für neue Terminalkapazitäten und Gepäckanlagen ausgeben. Widerstand dagegen kommt von den Airlines, die den Ausbau durch eine Gebührenerhöhung finanzieren sollen - auch Umweltschützter fechten jetzt gerichtlich das Genehmigungsverfahren an. Airport-Chef Michael Eggenschwiler erläutert im Interview mit airliners.de seine Wachstumspläne. Er sagt, warum der Flughafen dringend mehr Platz braucht, und findet: Für einen guten Service sind die Passagiere auch bereit, 55 Cent mehr auszugeben.

Herr Eggenschwiler, gegen Ihre Ausbaupläne geht der BUND jetzt gerichtlich vor. Müssen Sie mit Verzögerungen rechnen?
Michael Eggenschwiler:
Nein, das ist alles rechtlich sauber genehmigt. Wir sind in einem Rechtsstaat, und all diese Verfahren sind ja bis ins Detail genau beschrieben, mit öffentlichen Auslegungen, Einspruchsfristen etc. Das wurde eingehalten, und dann müssen diese Genehmigungen auch gelten.

Aber auch die Fluggesellschaften lehnen ihre Ausbauplanungen ab - in seltener Eintracht mit den Umweltschützern.
Da will ich Ihnen nicht widersprechen, das ist sicher für die ganze Branche etwas Neues.

Die Airlines stellen sich vor allem gegen den Umbau am Pier Süd. Er sah auf absehbare Zeit noch nicht erforderlich und koste zu viel Geld, wird moniert.
Uns geht es bei dem Projekt vor allem darum, den Passagierkomfort weiterzuentwickeln. Am Pier Süd schaffen wir mehr Platz an einem Flughafen, der in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist und wo es immer enger wird. Sehen Sie: Vor etwa zehn Jahren war in Hamburg das Standardflugzeug die Größenordnung der 737-300 mit 110 Plätzen und einer Auslastung von etwa 70 Passagieren. Heute haben wir im Schnitt eine A319 mit etwa 155 Plätzen und davon sind 124 besetzt. Das heißt, wir haben pro Flug etwa 50 Passagiere mehr.

Also ist es jetzt schon zu voll im Terminal?
Unsere Passagierumfragen zeigen, dass viele den Flughafen als zu voll empfinden. Und wir haben den Ehrgeiz, ein ordentliches Produkt anzubieten. Beim Luftfahrtgipfel hier in Hamburg haben wir als Branche ja gesagt: Wir wollen dafür sorgen, dass wir Pünktlichkeit und Verlässlichkeit und guten Service bieten, dass Fliegen wieder Spaß macht.

Der Interviewpartner

Michael Eggenschwiler ist seit 2005 Chef des Flughafens Hamburg - sein Vertrag läuft noch bis Dezember 2022. Der Schweizer kam 2003 als Geschäftsführer zum Airport, vorher war er lange Jahre für Crossair und Swissair tätig.

Gebäude des Hamburger Flughafens Foto: © dpa, Daniel Bockwoldt

Der Flughafen

Hamburg-Fuhlsbüttel ist der älteste Flughafen Deutschlands, nach eigenen Angaben sogar der älteste weltweit, der sich noch am Standort der Gründung befindet. Nach Passagieraufkommen hält er in Deutschland den fünften Platz. Der Airport gehört zu 51 Prozent der Hansestadt Hamburg, zu 49 Prozent der Avi Alliance GmbH. Die Avi Alliance ist auch am Flughafen Düsseldorf zu 30 Prozent Gesellschafter, der einstige Hochtief-Flughafeninvestor gehört seit 2013 dem kanadischen Pensionsfonds PSP.

Sie planen aber ja auch auf Zuwachs - für acht bis zehn Millionen Passagiere zusätzlich, und das erreichen Sie noch lange nicht, sagen die Kritiker.
Ich weiß nicht, woher diese Zahlen kommen. Wir rechnen mit den branchenüblichen Entwicklungen, die im Moment bei zwei bis drei Prozent Wachstum pro Jahr bei den Passagierzahlen liegen, bei den Flugbewegungen ist das um ein Prozent. Das sind keine überzogenen Wachstumsannahmen, das ist die Marktentwicklung.

2018 hatten Sie aber einen Rückgang …
Das war eine besondere Situation nach dem Aus von Air Berlin und Niki und dem Rückzug von Easyjet. Aber es wissen doch alle in der Branche: Der Flugverkehr wächst - mal schneller und mal langsamer. Als Flughäfen müssen wir uns rechtzeitig darauf vorbereiten, sonst haben wir einfach ein schlechtes Produkt. Eigentlich sind die Airlines ja gar nicht so sehr dagegen - der große Streitpunkt ist: Wann kommt es?

Zunächst schaffen Sie schon mit den Shuttle Gates auf dem Vorfeld zusätzlich Platz. Reicht das nicht erst einmal?
Die Shuttle Gates sind nur als Interimsgebäude gedacht für die Bauphase, wo wir sonst zu wenig Gates hätten. Generell sind die Passagiere nicht sehr glücklich, wenn sie mit dem Bus über das Vorfeld fahren müssen. Das Ziel ist also, die Flüge möglichst schnell wieder am Hauptgebäude stattfinden zu lassen, damit die Passagiere kurze Wege haben.

Dennoch wollen die Airlines den Ausbau am Pier Süd aufschieben. Sind Sie zu Kompromissen bereit?
Wir haben ja schon Entgegenkommen gezeigt: Letztes Jahr haben wir die Planungen für den Pier Süd angehalten, um mit den Fluggesellschaften gemeinsam zu schauen, wann das Projekt genau umgesetzt wird.

Es geht den Airlines aber vor allem ums Geld: Sie wollen die geplante Erhöhung des Passagierentgelts verhindern.
Wir sind bisher immer sehr zurückhaltend bei den Entgelten gewesen: Seit dem Jahr 2000 bis heute sind sie nominal um 0,6 Prozent über den gesamten Zeitraum gestiegen. Wenn Sie den realen Wert nehmen, liegen wir sogar 22 Prozent tiefer als damals. Und deutschlandweit liegen wir im unteren Drittel bei den Passagierentgelten.

Wie hoch soll die Erhöhung ausfallen?
Es geht dabei um eine moderate Erhöhung von 0,55 Euro. Ich glaube, das kann der Passagier nachvollziehen. Fliegen ist ja durchaus etwas teurer geworden in den letzten Jahren, und ich denke, wir sind uns einig, dass das auch in Ordnung ist - Fliegen soll einen realistischen Preis haben. Und so wie das bei den Airlines seinen Preis haben darf, darf es auch am Flughafen seinen Preis haben.

Denken die Airlines zu kurzfristig, wenn sie nur auf die Gebührenerhöhung schauen?
Das ist genau die Frage, die wir auch immer wieder stellen. Wir sind ja hier vor Ort und müssen uns um den Komfort der Passagiere kümmern. Gleichzeitig sehe ich, dass die Airlines das Personal immer weiter reduzieren. Wenn es dann zusätzlichen Bedarf gibt, etwa jetzt, wo wir wieder Streiks befürchten, darf dann der Flughafen einspringen.

Wie viel will der Flughafen genau investieren?
Die Investitionen für die nächsten fünf bis zehn Jahre belaufen sich auf 300 bis 400 Millionen Euro. Das ist vor allem der Umbau am Pier Süd, aber auch in der Gepäckabfertigung werden wir etwa 200 Millionen Euro investieren müssen, um dem Wachstum gerecht zu werden. Die Anlage im Terminal 2 ist etwa 25 Jahre alt, die im Terminal 1 über 15 Jahre, beide werden wir ersetzen müssen.

Apropos, Gepäckabfertigung - da war der Hamburger Flughafen in früheren Jahren oft in den negativen Schlagzeilen. Wie sieht es jetzt aus?
Da haben wir unsere Hausaufgaben gemacht, wir haben Personal eingestellt, investiert. Darum hatten wir letztes Jahr eine gute Performance, auch in den Spitzenmonaten. Wir haben sogar einiges, was an Flugverspätungen kam, dadurch auffangen können.

Wie sieht es mit den Engpässen an den Sicherheitskontrollen aus?
Letztes Jahr haben Sie Hamburg zum Thema Sicherheitskontrollen nie in den Schlagzeilen gesehen. Und auch 2017 hatten wir an nur zwei Tagen einmal kurze Probleme.

Wie haben Sie das erreicht?
Wir haben einen engen Fokus darauf, wir arbeiten gut mit der Bundespolizei zusammen. Und für dieses Jahr wird investiert, wir bauen um und schaffen mehr Platz, der Bund schafft neue Geräte an, so dass wir eine gute Performance an den Kontrollen erwarten.

Verkehrsentwicklung in Hamburg
Passagiere in Millionen
2010 12.96
2011 13.56
2012 13.70
2013 13.50
2014 14.76
2015 15.61
2016 16.22
2017 17.62
2018 17.23
2019 17.66

Quelle: Flughafen Hamburg, für 2019: Prognose

Für 2019 rechnen Sie wieder mit einem Passagierplus von 2,5 Prozent. Woher soll das kommen?
Wir haben keine außergewöhnlichen Neuzugänge - einige neue Strecken, auf einigen Routen größere Flugzeugtypen. Ansonsten erwarten wir eine Kontinuität, ergänzt durch einen stabileren Flugplan als im Vorjahr.

Wie ist die Entwicklung bei den Verspätungen?
Das zweite Halbjahr 2018 ist deutlich besser gelaufen als das erste. In den letzten drei Monaten hatten wir fast 20 Prozent weniger Verspätungen nach 23 Uhr. Im Dezember waren es 37 Prozent weniger. Die vielen Maßnahmen, die der Flughafen, die Airlines, die Flugsicherung ergriffen haben, haben schon Wirkung gezeigt.

Und auch im Sommer wird es deutlich besser?
Ob deutlich besser - da wäre ich noch vorsichtig. Es muss besser werden. Aber alle Probleme - das wissen wir - sind noch nicht behoben für den nächsten Sommer. Doch mit den Maßnahmen, die wir alle ergriffen haben, geht es schon in die richtige Richtung.

Herr Eggenschwiler, vielen Dank für das Gespräch.

Von: pra

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