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Interview "Kein Ersatz für unsere Lockdown-Vorhaltekosten wäre eine bittere Enttäuschung"

Auf dem Luftverkehrsgipfel soll über eine milliardenschwere Corona-Unterstützung für Flughäfen verhandelt werden. Im Interview beziffert Ralph Beisel vom Flughafenverband ADV die Verluste der Standorte und erläutert, warum Flughäfen ihre Kosten nicht wie Airlines zurückfahren können.

Ralph Beisel © ADV

Am Freitag findet der Corona-Luftverkehrsgipfel der Bundesregierung statt. Eingeladen sind alle Segmente der Branche. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) strebt angesichts der angespannten Lage der Flughäfen ein milliardenschweres Rettungspaket an. Über die Lage der Flughäfen während Corona sprechen wir mit Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV.

airliners.de: Die Flughäfen stehen beim Luftverkehrsgipfel am Freitag in einem besonderen Fokus, ein Hilfskonzept mit einer Milliarde Euro ist angekündigt. Was erwarten Sie als Verband?

Ralph Beisel: Eine Zusage von Finanzmitteln in Höhe von einer Milliarde Euro beim Luftverkehrsgipfel würde den Flughäfen sehr helfen, kann aber angesichts des zweiten Lockdowns auch nicht das letzte Hilfspaket sein. Wir richten die dringende Bitte an die Bundesregierung, den Flughäfen den Erlösausfall, zumindest aber die Vorhaltekosten für die Lockdown-Monate März bis Juni in Höhe von 740 Millionen Euro zu ersetzen. Alles andere wäre eine bittere Enttäuschung.
Weiterhin erwarten wir eine Entlastung bei hoheitlichen Kosten, etwa bei den Kosten für die Flugsicherung oder bei den Luftsicherheitsgebühren. Wichtig ist auch eine Verlängerung der Bundesrahmenregelung für die Beihilfe für Flugplätze.

Bei dem Gipfel am Freitag geht es ja nicht nur um Flughäfen, sondern um alle Segmente der Branche. Was macht die Lage der Flughäfen so besonders?

Erst einmal sind alle Akteure der Luftverkehrswirtschaft gleichermaßen von der Krise betroffen. Um ein Hochlaufen des Luftverkehrs zu ermöglich, benötigen wir insgesamt bessere Corona-Teststrategien anstelle von verschärften Quarantäneregelungen. Ich erinnere daran, dass speziell Flughäfen im Gegensatz zu den Airlines bisher keine staatliche Unterstützung erhalten. Gleiches gilt auch für die Dienstleister. Ohne Flughäfen und Dienstleister funktioniert der Luftverkehr aber nicht. Luftverkehr findet auch am Boden statt.

© ADV, Ralph Beisel

Über den Interviewpartner

Ralph Beisel ist Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV. Als ältester ziviler Luftfahrtverband in Deutschland vertritt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen bereits seit 1947 die Interessen ihrer Mitglieder. Dabei arbeitet die ADV eng mit den Flughäfen in Österreich, der Schweiz und Ungarn zusammen.

Hinzu kommt, dass Flughäfen, anders als Fluggesellschaften, ihre Kosten in der Krise nicht so stark reduzieren können. Einem Umsatzrückgang von über der Hälfte stehen lediglich Kosteneinsparungen von maximal einem Fünftel gegenüber. Ursächlich hierfür ist der hohe Kapitalkostenanteil. Außerdem sind die Flughäfen während des Lockdowns auf Wunsch der Politik offen geblieben. Daraus ergibt sich die Verantwortung der Politik zum Ersatz der entstandenen Vorhaltekosten.

Wovon "leben" die Flughäfen denn während Corona und wie lange geht das noch so?

Die Flughafenstandorte sind unverschuldet in eine existenzbedrohende Krise geraten und befinden sich derzeit wegen der verschärften Quarantäneregelungen und neuer staatlicher Reisebeschränkungen faktisch in einem zweiten Lockdown. Schon bis Ende September waren wir im Jahresvergleich bei Minus 71 Prozent bei den Passagieren. Jetzt verlieren die Flughäfen aktuell jeden Tag zehn Millionen Euro. 2020 und 2021 werden unsere Standorte voraussichtlich Verluste in Höhe von drei Milliarden Euro einfahren. 2019 waren es in der Gesamtbetrachtung noch 800 Millionen Euro Gewinn!

Wie teilen sich diese Verluste auf die Standorte auf? Gibt es Flughäfen, die besonders stark betroffen sind und andere, die besser durch die Krise kommen?

Es sind nahezu alle Standorte betroffen, egal ob klein oder groß. Verkehrsrückgänge in dieser Höhe kann kein Flughafen dauerhaft verkraften. Die Erlösausfälle lagen allein im Lockdown-Zeitraum mit 1,3 Milliarden Euro noch weit höher als die reinen Vorhaltekosten. Aber auch danach haben sich weitere Verluste angehäuft. Für das laufende Jahr erwarten wir rund 1,7 Milliarden Euro Verlust, im kommenden nochmal 1,2 Milliarden. Der Kapitalbedarf der Flughäfen ist daher enorm. Schnelle Hilfen sind nötiger denn je! Flughäfen benötigen dringend frisches Kapital. Der Ersatz der Erlösausfälle oder zumindest der Vorhaltekosten durch den Bund würde den Flughäfen wieder Luft zum Atmen geben, um auch das kommende Jahr zu überstehen.

Aber es gibt doch schon staatliche Hilfen abseits des Kurzarbeitergeldes, zumindest hat die EU das erlaubt.

Obwohl es die Bundesrahmenregelung für die Beihilfe für Flugplätze vom 11. August ermöglicht, sind in der Praxis bislang kaum Zuschüsse für Flughafenstandorte geflossen. Der Bund hat - mit Ausnahme des BER - den Flughäfen aber bisher noch keine Unterstützung zukommen lassen. Einzelne Länder haben Unterstützungsprogramme aufgelegt oder angekündigt. Diese sind jedoch vom Umfang her begrenzt und jeweils nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

© dpa, Óscar J.BarrosoLesen Sie auch: EU setzt Corona-Beihilfen für Flughäfen einen engen Rahmen

Auf welche Situation stellen sich die Flughäfen ein für den Fall, dass keine weiteren Hilfen kommen?

Im laufenden Jahr konnten die Flughäfen die Verluste noch durch Kredite ausgleichen. Die Situation verschärft sich derzeit. Es wird für Flughäfen aber immer schwieriger, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Die Liquidität reicht je nach Standort nur noch bis zum zweiten Halbjahr 2021. Ein Viertel der über 180.000 Arbeitsplätze an den deutschen Flughafenstandorten ist in Gefahr. Bund, Länder und Gesellschafter sind aufgefordert, die Flughäfen durch Zuschüsse, Darlehen und Bürgschaften zu stabilisieren, andernfalls können Flughafeninsolvenzen nicht ausgeschlossen werden. Damit drohen die Flughäfen, als Job- und Wertschöpfungsmotor wegzubrechen. Vielen Regionen droht der Verlust an Wirtschaftskraft. Durch den Niedergang an den Flughäfen gerät eine jährliche Bruttowertschöpfung in Höhe von 27 Milliarden Euro in Gefahr.

Was halten Sie von den Diskussionen, Standorte zusammenzulegen oder zumindest gemeinsam zu betreiben?

Die Frage stellt sich derzeit nicht. Alle Flughäfen leiden unter dem fehlenden Verkehr, daran würde auch ein Zusammenschluss nichts ändern. Diese akademische Diskussion existiert seit Jahren, aber es gibt keine erfolgreichen Praxisbeispiele für die Zusammenschluss von existierenden Flughafenstandorten. Das polyzentrische Flughafensystem in Deutschland ist nachfragebedingt historisch gewachsen.

© dpa, Ina FassbenderLesen Sie auch: Corona-Krise befeuert Diskussion um regionale Flughafensysteme

Wäre denn eventuell zu erwägen, Standorte im Zuge von Corona zu privatisieren?

Die Luftverkehrsbranche ist wie gesagt unverschuldet in der Krise – unabhängig von der Gesellschafterstruktur der Flughäfen. Flughäfen waren und bleiben wichtige strategische Infrastrukturen für die Versorgung und Anbindung ihrer Regionen. Das Interesse privater Investoren an Flughäfen dürfte derzeit – aufgrund der ungewissen Aussichten – eher gering sein.

© dpa, Lesen Sie auch: BER-Aufsichtsratschef für Einstieg privater Investoren

Haben es Flughäfen mit nicht öffentlicher Gesellschafterstruktur aktuell in der Tendenz leichter oder schwerer?

Flughäfen in öffentlicher oder teilöffentlicher Trägerschaft haben keinen Zugang zu den Corona-Programmen der KfW und keinen Zugang zum Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Das betrifft nahezu alle Flughäfen in Deutschland. Die Flughäfen sind daher auf den Ersatz der Erlösausfälle oder zumindest der Vorhaltekosten durch den Bund angewiesen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Von: dh

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