airliners.de Logo

Woche der Entscheidung für Lufthansa

Das Dax-Gründungsmitglied Lufthansa fliegt aus dem Index. Der Abstieg aus der ersten deutschen Börsenliga fällt in eine schwierige Phase. Eine Zustimmung der Aktionäre für das staatliche Rettungspaket am Donnerstag gilt als unwahrscheinlich. Lufthansa bereitet sich auf eine Insolvenz vor.

Lufthansa-Flugzeuge stehen während der Corona-Krise in Frankfurt am Boden © Adobe Stock / Lukas Wunderlich

Nach fast genau 32 Jahren ist vorerst Schluss: Die Lufthansa steigt aus dem Dax ab. Von diesem Montag an wird Deutschlands größte Fluggesellschaft im MDax der mittelgroßen Werte gehandelt. Die Deutsche Börse überprüft regelmäßig die Zusammensetzung ihrer Aktienindizes. Maßgeblich für die Zugehörigkeit zum Kreis der 30 Dax-Konzerne sind Börsenumsatz (Handelsvolumen) und Börsenwert (Marktkapitalisierung) eines Unternehmens.

Den Lufthansa-Platz im Deutschen Leitindex übernimmt die Deutsche Wohnen. Deutschlands zweitgrößter privater Vermieter mit bundesweit 160.000 Wohnungen wertete den Dax-Aufstieg als Beleg für die erfolgreiche Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre. Angesichts steigender Mieten steht die Deutsche Wohnen vor allem in Berlin in der Kritik. Mietervertreter fürchten, dass der Druck auf Mieter mit dem Dax-Aufstieg zunehmen wird.

Wirecard-Finanzskandal könnte Wiederaufstieg bedeuten

Wichtig sind Index-Änderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden (ETFs). Dort muss dann umgeschichtet werden, was in der Regel Einfluss auf die Aktienkurse hat. Die Zugehörigkeit zum Dax ist aber auch eine Frage von Prestige: Gerade für internationale Investoren ist das wichtigste deutsche Börsenbarometer das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft.

Vergangene Woche droht nun aber schon wieder eine Umschichtung. Nach dem Finanzskandal um Wirecard droht dem Zahlungsdienstleistungsunternehmen der Abstieg aus dem Dax. Insgesamt war Wirecard an der Börse nach dem Kurssturz vergangenen Donnerstag zeitweise weniger als vier Milliarden Euro wert. Das ist weniger als die Lufthansa.

Damit hat die Lufthansa unverhofft neue Chance auf einen Wiederaufstieg. Die kommende Woche wird für Lufthansa allerdings entscheidend für die weitere Zukunft des Luftfahrt-Konzerns. Mit der Corona-Pandemie ist der Luftverkehr weltweit eingebrochen, nur ein kleiner Teil der Lufthansa-Flotte hebt derzeit zu Reisezielen ab. Schnell schwinden daher die Barreserven der größten deutschen Airline.

Entscheidende Woche für Lufthansa

Um den Konzern zu retten, hat der Bund ein neun Milliarden Euro schweres Rettungspaket beschlossen. Dem müssen die Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung an diesem Donnerstag (25. Juni) noch zustimmen. Aber die Zustimmung steht nach den Registrierungen der Anteilseigener mehr denn je auf der Kippe.

"Seit heute Nacht wissen wir, dass unsere Aktionäre weniger als 38 Prozent des Kapitals für diese Hauptversammlung angemeldet haben", hieß es in einem Brief von Lufthansa-Chef Carsten Spohr an die Mitarbeiter vom Sonntag. "Damit steht fest, dass bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit erreicht werden muss, die nach jüngsten Äußerungen von wichtigen Aktionären insbesondere zu den Konditionen der Kapitalerhöhung nicht sicher erscheint."

Vorstandschef Spohr will den Anteilseignern zuvor noch ein Sparkonzept präsentieren. Es droht ein großer Stellenabbau. Den rechnerischen Überhang in der Corona-Krise beziffert der Konzern auf 22.000 Vollzeitstellen, die Hälfte entfalle auf Deutschland. Wie tief die Einschnitte ausfallen, wird mit den Gewerkschaften verhandelt. Auch damit stehen der Lufthansa ereignisreiche Tage bevor.

Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsaktionär und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Knorr-Bremse AG (Foto undatiert). Foto: © dpa, Privat/dpa

Die entscheidende Rolle bei der Hauptversammlung liegt beim Unternehmer Heinz Hermann Thiele (79). Er hat zuletzt seinen Lufthansa-Anteil auf mehr als 15 Prozent aufgestockt. Die Airline fürchtet, dass er den staatlichen Rettungsplan blockieren könnte. Thiele wolle an diesem Montagmorgen mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Lufthansa-Chef Spohr über das Rettungspaket sprechen, schrieb die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf eigene Informationen.

Thiele hat das Paket kritisiert, vor allem den geplanten Einstieg des Bundes. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der Staat nicht der beste Unternehmer ist", so der Unternehmer in einem Interview. Sein Stimmverhalten auf der Hauptversammlung ließ Thiele offen. "Ich werde aber sicherlich hier nicht blockieren oder ausbremsen", sagte der Unternehmer, der Hauptaktionär beim Bremsen-Spezialist Knorr-Bremse ist. Er hoffe vielmehr, dass noch zuvor etwas bewirkt und in Bewegung gebracht werden könne.

Lufthansa bereitet sich auf Insolvenz vor

Angesichts der Kritik von Thiele hält es der Lufthansa-Vorstand für möglich, dass das Rettungspaket an einer möglicherweise nötigen Zweidrittelmehrheit scheitern könnte.

"Für den Fall, dass die Hauptversammlung keine Zustimmung für die Stabilisierungsmaßnahmen des Bundes erteilt, haben wir umfangreiche Vorbereitungen getroffen, unter anderem, um ein Grounding zu verhindern", schrieb Spohr nun im Mitarbeiterbrief. "Auch würden wir die verbleibende Zeit bis zur Anmeldung einer Insolvenz nutzen, um mit der Bundesregierung Optionen zu besprechen."

Die Lufthansa stehe "in den nächsten Tagen" weiterhin im engen Austausch und stetigen Dialog mit der Bundesregierung und den größten Aktionären. "Dieses mit dem klaren Ziel, noch vor Donnerstag eine zufriedenstellende Lösung für unser Unternehmen und alle Beteiligten zu erreichen", so Spohr.

© Deutscher Bundestag, Lesen Sie auch: Treffen mit Thiele: Scholz verteidigt Lufthansa-Rettungspaket

Auch die Gewerkschaften sind alarmiert. Die Aktionäre hätten eine Verantwortung, betonte die Flugbegleitergewerkschaft Ufo. Diese würden "über die Zukunft des Konzerns und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitentscheiden". Auch die Pilotengewerkschaft VC forderte die Aktionäre auf, für die Staatshilfe zu stimmen. "Ein Schutzschirmverfahren wäre hingegen unkalkulierbar", warnte sie.

Von: dh mit dpa

Lesen Sie jetzt

Lesen Sie mehr über

Fluggesellschaften Lufthansa Lufthansa Group Kapitalmarkt Wirtschaft Corona-Virus